Covid-19 Schutz vor Corona: Pflegeheime fordern mehr Unterstützung

Nachdem in einem Pflegeheim in Wolfsburg 17 Menschen nach einer Corona-Infektion gestorben waren, hat das Land Niedersachsen einen Aufnahmestopp für Pflegeheime verhängt. Zuletzt sorgten immer wieder Corona-Ausbrüche in Pflegeeinrichtungen für Schlagzeilen. Auch in Mitteldeutschland, beispielsweise in Triptis im Saale-Orla-Kreis oder in Halle und Jessen, wo es bereits Todesfälle gab. Werden Pflegeheime zum Krisenherd? Und wie kann man Bewohner und Pfleger schützen?

Eine Pflegekraft kümmert sich in einem Pflegeheim um eine ältere Dame und kontrolliert den Blutdruck.
Wie schützen sich Pflegeheime vor dem Coronavirus? Bildrechte: MDR/dpa

Die Alten zu schützen, das sei eine Herkulesaufgabe, sagt der Virologe Alexander Kekulé von der Uniklinik Halle. "Wir müssen die schützen quasi als wären sie in Fort Knox vor dieser Krankheit und da müssen wir sehr, sehr schnell reagieren. In Heimen ist es scheinbar einfacher, weil man ja denkt, da sind sie in einer geordneten Unterkunft, da kann man Regeln erlassen. Aber selbst da sieht man, [...] dass es entweder zu langsam oder nicht gründlich genug gemacht wird.

In Sachsens Pflegeheimen bisher keine Infektionen

Alexander Kekulé
Alexander Kekulé ist Virologe an der Uniklinik Halle. Bildrechte: dpa

Kekulé erwartet, dass die Pflegeheime zu "Corona-Hotspots" werden. Und tatsächlich gab es in den vergangenen Tagen vermehrt Meldungen von Corona-Infektionen aus Pflegeheimen – auch in Mitteldeutschland.

In Sachsen gebe es aber bislang noch keine Häufung von Corona-Fällen in Pflegeheimen, sagt Jaqueline Kallé. Sie leitet die Geschäftsstelle des Bundesverbands privater Anbieter sozialer Dienste e.V. in Sachsen. "Das sind immer noch Einzelfälle, die da auftreten und wo die Einrichtungen auch gut vorbereitet sind, wie sie dann darauf reagieren."

Auch das Deutsche Rote Kreuz, der Pflegedienstleister "advita" und die Arbeiterwohlfahrt AWO teilen auf Anfrage von MDR AKTUELL mit, dass in den von ihnen betreuten Pflegeeinrichtungen in Sachsen noch keine Corona-Infektionen aufgetreten seien.

Coronavirus für Pflegeheime besonders dramatisch

Die Folgen eines Ausbruchs der Lungenkrankheit Covid-19 seien in Pflegeheimen besonders dramatisch, sagt Kathrin Engel vom sächsischen Pflegerat. Sie ist auch Professorin für Pflegewissenschaft an der evangelischen Hochschule in Dresden.

Dr. Kathrin Engel
Kathrin Engel von der evangelischen Hochschule in Dresden. Bildrechte: Dr. Kathrin Engel

"Weil sie natürlich genau die Menschen versorgen, die zur Risikogruppe gehören mit den schweren Verläufen und das heißt eben alte und sehr alte Menschen mit mehreren Krankheiten."

Mitarbeiter und Bewohner gleichermaßen seien deshalb aufgerufen, sich strikt an die Hygienevorschriften zu halten, gegessen werde in manchen Heimen inzwischen in Schichten. Auch das Besuchsverbot werde durchgesetzt.

Was bei einem Infektionsfall zu tun ist

Doch was passiert, wenn ein Bewohner sich doch mit Corona infiziert? Wegen der vielen Pflegebedürftigen könne man die Einrichtung nicht einfach schließen, erklärt Kathrin Engel. Gibt es einen bestätigten Fall, wird der Betroffene deshalb zunächst in einem Einzelzimmer isoliert.

Der Fall und alle, die mit dem Infizierten Kontakt hatten, werden dann dem Gesundheitsamt gemeldet, das dann auch entscheiden kann, ob der Infizierte im Pflegeheim verbleibt oder zum Beispiel ins Krankenhaus kommt. "Und es werden verstärkte Hygienemaßnahmen eingehalten, also Maske, Schutzbrille, denke ich, auch Schutzkleidung der Mitarbeiter."

Gesundheitsamt entscheidet über weiteres Vorgehen

Sofern ausreichend Schutzkleidung vorhanden ist. Die fehle nämlich oft, kritisiert Jaqueline Kallé. Denn Priorität bei der Verteilung haben Gesundheitsämter und Krankenhäuser.

Das findet Kallé ein bisschen schade: "Das würden wir uns schon wünschen, dass wir nicht irgendwo am Ende einer Kette stehen, sondern dass wir unsere Bewohner, unsere Pflegebedürftigen und damit auch unsere Mitarbeiter gleichberechtigt schützen können, so wie auch Gesundheitsämter und Krankenhauspersonal geschützt werden." Schließlich könnten Pfleger kaum Abstand zu den Menschen halten, die sie betreuen.

Virologe fordert mehr Unterstützung für Pflegeheime

Auch Virologe Kekulé fordert: "Dass wir eben mit der gleichen Intensität, mit der wir jetzt die Krankenhäuser rüsten, natürlich die Alten schützen müssen."

Denn: Allein in der stationären Pflege werden in Deutschland laut Bundesgesundheitsministerium rund 800.000 Menschen betreut – und praktisch alle gehören zur Risikogruppe.

Dieses Thema im Programm: MDR AKTUELL RADIO | 31. März 2020 | 05:00 Uhr