COVID-19-Pandemie Fair ist anders - Wie der künftige Corona-Impfstoff verteilt werden soll

Internationale Wissenschaftler haben ein Modell erarbeitet, wie ein möglicher Impfstoff gegen das Corona-Virus so fair wie möglich verteilt werden könnte. Die WHO will mit einem Programm das gleiche erreichen. Doch dafür könnte es längst zu spät sein.

Eine kleiner Behälter zwischen zwei Fingern mit dem möglichen Impfsoff gegen das Corona-Virus
Wie soll ein Impfstoff gegen COVID-19 global verteilt werden, wenn er einmal da ist? Darüber diskutieren aktuell weltweit Ethiker und Politiker. Bildrechte: IDT Biologika

Im Frachtterminal vom Flughafen in Frankfurt am Main werden gerade die Vorbereitungen für den Tag X getroffen. Tag X, das ist der Tag, an dem ein zugelassener Impfstoff gegen das Corona-Virus produziert ist und über die ganze Welt verteilt werden kann. Jörg Bodenröder von Lufthansa Cargo zeigt auf einen abgenutzten weißen Kasten mit glänzenden Metallkanten. "Das ist unser Trockeneisbunker. Je nachdem wie lange wir die Ware kühl halten müssen, kommt mehr oder weniger Trockeneis hinein. Wir schaffen knapp 40 Stunden Kälte in diesem Container."

Die Dauer ist das eine Problem, das zweite ist die extrem niedrige Temperatur beim Transport der Impfstoffe. Bislang gehen Experten davon aus, dass die Fläschchen mit Impfstoff bei minus 20 bis minus 80 Grad ohne Temperaturschwankungen transportiert werden müssen. Das hat Auswirkungen für die weltweite Verfügbarkeit. Zwar soll der Impfstoff, wenn er da ist an möglichst viele Menschen in der ganzen Welt geliefert werden, doch nicht überall steht dafür die Infrastruktur zur Verfügung. "Deutschland gehört zu den Ländern, die wahrscheinlich am besten auf solche sogenannten Kühlketten vorbereitet sind. In der restlichen Welt wird es schon schwieriger, insbesondere wenn wir nach Afrika, Lateinamerika oder Teile Asiens gehen", sagt Joachim von Winning, Chef der Frachtabteilung des Flughafens Frankfurt am Main.

Studie: Nur 25 Länder könnten Impfstoff logistisch händeln

Eine Studie der Deutschen Post-Tochter DHL hat gezeigt, dass der mögliche Corona-Impfstoff bislang nur in 25 Länder der Welt sicher bei minus 80 Grad transportiert werden kann. Damit würden 2,5 Milliarden Menschen erreicht. Knapp ein Drittel der gesamten Weltbevölkerung. Doch selbst, wenn die logistischen Hürden beseitigt wären: Wer soll den Impfstoff denn zuerst bekommen?

Flughafenmitarbeiter auf dem Rollfeld
Um einen künftigen Impfstoff global verteilen zu können, muss dieser beim Transport durchgehend auf minus 20 bis minus 80 Grad gekühlt werden. Solche Kühlketten können weltweit jedoch nur von 25 Staaten garantiert werden. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Zu dieser Frage hat sich die Ethikerin Lisa Herzog von der Universität Groningen mit ihren Kolleginnen und Kollegen Gedanken gemacht. Anfang September haben sie ein viel beachtetes Paper im Magazin Science veröffentlicht. Darin skizzieren sie ein ethisch faires Verteilungsmodell. Demnach würde dort zuerst verteilt, wo die Not am größten ist. Klingt eigentlich logisch, doch das würde nach derzeitigem Stand für Deutschland bedeuten: Hinten anstellen. "Unser Modell enthält so einen gewissen Versicherungsgedanken, dass nämlich die Länder, die dann zu einem bestimmten Zeitpunkt schon besonders schwer getroffen sind, dann auch wirklich Dosen bekommen", sagt Herzog im FAKT-Interview. "Was die sozioökonomischen Auswirkungen angeht, ist Deutschland vermutlich nicht so besonders weit oben in der Liste. Aber das erscheint uns auch gerechtfertigt. Denn wir können alles in allem mit dem Lockdown und mit den Maßnahmen ja doch noch verhältnismäßig gut umgehen, wenn man das im internationalen Vergleich sieht."

Spahn: Deutschland dürfe nicht Letzter sein

Derzeit sollen Ethikerinnen und Ethiker, die an dem Modell mitgearbeitet haben, Modellrechnungen für die Weltgesundheitsorganisation (WHO) erstellen. So will die WHO klären, mit welcher Verteilung so viele Menschenleben wie möglich gerettet werden können. Die Überlegungen sind auch in Deutschland nicht unbeachtet geblieben. Mitte September äußerte sich auch Bundesgesundheitsminister Jens Spahn zum Vorschlag der Ethiker. "Wenn es gelingt mit nationaler und europäischer Förderung einen Impfstoff verfügbar zu machen, hilft es auch der Welt. Ich könnte es den deutschen Bürgern schwer erklären, wenn durch deutsche und europäische Förderung das Impfen in anderen Teilen der Welt beginnt, aber wir für Deutschland selbst nichts gesichert hätten", so der CDU-Politiker.

Professor Klaus Cichutek, Bundesgesundheitsminister Jens Spahn und Bundesministerin fuer Bildung und Forschung Anja Karliczek informieren ueber Entwicklungen der Forschung fuer Impfstoffe gegen Coronavirus in der Bundespressekonferenz in Berlin am 15. September 2020.
Jens Spahn und Bundesministerin für Bildung und Forschung Anja Karliczek informieren über die Entwicklung eines Impfstoffs gegen das Corona-Virus in der Bundespressekonferenz am 15. September 2020. Bildrechte: imago images/Emmanuele Contini

Die WHO arbeitet an einem abgespeckten Modell. Es wird – Stand jetzt – nicht ganz den Ideen der Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern folgen, aber versuchen, den Impfstoff weltweit so gleichmäßig wie möglich zu verteilen. Siddhartha Datta ist WHO-Direktor für Immunisierung und Impfungen in Europa. Er erklärt im FAKT-Interview das grundlegende Ziel des sogenannten COVAX-Programmes. "Wir nehmen an, dass wenn ein Impfstoff verfügbar ist, wir bereits einen Mechanismus haben, mit dem wir knapp drei Prozent der Population in jedem Land versorgen können. In einer zweiten Welle wollen wir dann versuchen, 20 Prozent der Bevölkerung zu versorgen." Dafür müssten aber infrastrukturelle Voraussetzungen in vielen Ländern erst geschaffen werden. So auch die Möglichkeit, die Impfstoffe ohne Komplikationen an ihre Bestimmungsorte zu transportieren.

Reiche Länder sichern sich die Hälfte des Impfstoffs

Die größte Hürde bei all diesen Überlegungen dürfte aber die Verfügbarkeit des Impfstoffes sein. Denn es könnte sein, dass all die Programme, logistischen Überlegungen und ethischen Ideen am Tag X längst irrelevant geworden sind. Schlicht, weil die reichsten Länder und Wirtschaftsregionen sich bereits große Mengen des Impfstoffs gesichert haben. Dafür haben zum Beispiel die USA bereits Ende Mai die ersten 300 Millionen Impfdosen eines vielversprechenden Impfstoffkandidaten aufgekauft. Obwohl der Impfstoff noch nicht einmal zugelassen ist. Insgesamt fast 9 Milliarden US-Dollar will die USA für solche Verträge in die Hand genommen haben.

Der Präsident der Vereinigten Staaten, Donald J. Trump, fordert einen Reporter auf, während einer Pressekonferenz im Rosengarten des Weißen Hauses in Washington, DC, USA, am Freitag, dem 15. Mai 2020, lauter zu sprechen, während er Fragen zu den Entwicklungen bei Coronavirus-Impfstoffen stellt.
Bereits im Mai 2020 haben die USA 300 Millionen Impfdosen eines vielversprechenden Impfstoffkandidaten aufgekauft. Bildrechte: imago images/MediaPunch

Der Rest der Welt zog mit. Nach und nach sicherten sich laut einer Auflistung der Nichtregierungsorganisation Oxfam Staaten mit 13 Prozent der Weltbevölkerung mehr als die Hälfte der zukünftig verfügbaren Impfdosen. Auch Europa und Deutschland schlossen Verträge mit Pharmaunternehmen. Für den medizinpolitischen Sprecher der größten Fraktion im Europaparlament, der EVP, Dr. Peter Liese, ist das nur eine Reaktion auf den weltweiten Wettlauf um Impfstoffe. "Die Verträge, die die Mitgliedstaaten und die Kommission jetzt abschließen, richten sich in erster Linie gegen die USA. Da gab es ja ganz wüste Ankündigungen, dass man zum Beispiel erst nur die USA versorgt. Dann hätten wir, genau wie ärmere Länder in die Röhre geguckt", sagt Liese im Interview mit dem ARD-Magazin FAKT. Deshalb habe man in der EU darauf geachtet, dass die Impfdosen nicht exklusiv für Europa seien. "Es ist ausdrücklich die Möglichkeit vorgesehen, Kontingente an ärmere Staaten zu günstigen Preisen oder auch kostenlos abzugeben." Jeder Mitgliedsstaat kann dann selbst entscheiden, ob er Impfstoff an ärmere Länder abgibt.

Ethikerin: "Meinen wir es ernst mit der Würde aller Menschen?"

Für Ethikerin Lisa Herzog von der Universität Groningen nur ein schwacher Trost. Modelle zeigen, dass bei einer fairen Verteilung viel mehr Menschen gerettet werden könnten, als bei einer, die die reichen Länder bevorzugt. "Die Frage ist, ob es bei der Verteilung eines Impfstoffs dann rein nach einer Marktlogik gehen sollte, wo sich diejenigen mit der höchsten Kaufkraft durchsetzen oder ob es hier nicht doch um andere ethische Prinzipien gehen müsste." Für Deutschland sei es wahrscheinlich relativ gut zu bewältigen, noch ein paar Wochen oder Monate länger zu warten, während anderswo auf der Welt Menschenleben gerettet werden könnten, so Herzog. "Ich meine, wenn wir es ernst meinen mit der Würde aller Menschen, dann sollten wir uns fragen, geht es um die Würde aller Menschen oder die Würde aller Deutschen?"

Wie auch immer am Ende die Verteilung aussieht, von der viel zitierten weltweiten Zusammenarbeit zur Eindämmung des Virus ist abseits von Forschergruppen derzeit wenig zu sehen.

Dieses Thema im Programm: Das Erste | FAKT | 29. September 2020 | 21:45 Uhr