Sachsen-Anhalt Die Angst vor dem Ende der Kohle

Zeitz war eine der größten Industriestädte der DDR, doch seit der Wende geht es bergab. Nun ist auch noch der Kohle-Ausstieg beschlossen. Tausende Arbeitsplätze werden verschwinden. Es soll Milliarden-Hilfen geben, doch eine Perspektive sehen viele Zeitzer nicht.

"Das Einzige was hier blüht sind Altenheime, leider", zu dieser Einschätzung gelangen einige Rentner in Zeitz. Die Stadt in Sachsen-Anhalt hat mit großer Abwanderung und hohem Wohnungsleerstand zu kämpfen – seit der Wende. Nun soll auch noch der Kohleausstieg kommen. Eine echte Perspektive sehen viele Zeitzer nicht.

Kohle Zeitz
Er herrscht Leerstand: In der Zeitzer Innenstadt ist fast die Hälfte unbenutzt.. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Zeitz war die zehntgrößte Industriestadt der DDR und sie gilt als Wiege der deutschen Kinderwagenproduktion. Die Damen vom Zeitzer Lerchenchor haben nach der Wende miterlebt, wie ihre Heimat nach der Schließung von Großbetrieben ausblutete. Die meisten von ihnen waren jahrelang arbeitslos. Von einst fast 50.000 Einwohnern der Kernstadt sind noch knapp 30.000 übrig. "Nur noch wir Rentner sind hier, weil es keine Arbeit mehr gibt", sagen die Frauen. Jobs sind bereits jetzt rar – mit Kohle. Dem Chor mangelt es an Nachwuchs, genau wie im Rest der Stadt. Der Altersdurchschnitt in Zeitz liegt bei über 50.

Es mangelt an Nachwuchs

Jemand wie Jonas Ott hat hier schon Seltenheitswert. Der Anfang Zwanzigjährige hat gerade seine Ausbildung als Elektroniker bei der Mitteldeutschen Braunkohlengesellschaft (MIBRAG) abgeschlossen. Vor kurzem ist er mit seiner Freundin zusammengezogen. Sie wollen eine eigene Familie gründen und in Zeitz bleiben.

Doch ob das klappt, darauf kann Jonas Ott nur hoffen. 2038 ist Schluss mit der Kohle. Er wäre dann Anfang 40. "Da stehe ich voll im Leben und wer nimmt mich dann noch mit 45", sagt er. Angesichts der derzeitigen Perspektiven blickt er pessimistisch in die Zukunft.

"Normalerweise müssten bis 2038 die Arbeitsplätze schon da sein", sagt die Leiterin des Chores Christa Schmidt. Damit müsste jetzt angefangen werden. Die Bundesregierung hat am Mittwochmorgen Milliarden-Hilfen für die vom Kohle-Ausstieg betroffenen Regionen auf den Weg gebracht. Acht Milliarden Euro Fördermittel sind für den Umbau des Mitteldeutschen Reviers geplant. Doch kann die Kohle nach der Kohle das Ruder rumreißen?

Viele Arbeitsplätze fehlen

Kohle Zeitz
Der Schumacher-Betrieb von Yvonne Lämmchen reicht für ein bescheidenes Leben. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

In der Zeitzer Altstadt herrscht ein Leerstand von 44 Prozent. Momentan schließt ein Geschäft nach dem anderen. Die Schuhmacherin Yvonne Lämmchen hat sich nach der Wende selbstständig gemacht. Ihr Ein-Frau-Betrieb in Zeitz-Ost lief schon besser – aber es reicht noch für ein bescheidenes Leben. Die 48-jährige ist in der Region aufgewachsen und erinnert sich noch gut an die verschmutze Luft – als es noch mehr Schlote rauchten. Nun sei die Luft wieder sauberer. Doch "wenn man dann eine saubere Umwelt haben möchte, leidet irgendwas drunter", sagt sie.

Yvonne Lämmchen hat gelesen, welche Projekte in der Region den Jobverlust durch den Kohleausstieg abfedern sollen. Es ist die Rede von einem neuen Digitalisierungszentrum, von mehr Kulturtouristen, einem Bildungscampus. Das reicht nicht, glaubt sie. "Wenn jetzt natürlich ein großer Betrieb mit 1000 Arbeitsplätzen her käme. Das wäre toll", sagt die Schuhmacherin. "Aber wenn es heißt 100 Arbeitsplätze – das ist eigentlich nichts für die Region."

Denn wenn es mit der Kohle in Zeitz ganz vorbei ist, fehlen in der Region geschätzt 14.000 Arbeitsplätze. Dann befürchten die alten Damen vom Lerchenchor, gibt es neben vielen Altenheimen nur noch mehr bedrückende Stille.

Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | exakt | 22. Mai 2019 | 20:15 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 22. Mai 2019, 21:28 Uhr

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4 Kommentare

23.05.2019 11:35 Fragender Rentner 4

Ich frage mich ja ernsthaft, warum die Redaktion die Aussagen der Anwohner völlig unkommentiert stehen lässt. Alle, die hier zu Wort kommen, wünschen sich den "VEB Beschäftigungsmaßnahme Zeitz" - ohne, dass irgendwer das hinterfragt. Es gibt Studien zu abgehängten Regionen, den Gründen und den Maßnahmen. Hier dürfen Rentner und ein 4 Jahre lang ausgebildeter Elektriker (Warum genau hat das so lange gedauert?) 8 Minuten jammern. Ossi-Fernsehen at it's best.

Ehrlich, es werden händehändehänderingend Leute wie er gesucht. Nur halt nicht im Braunkohle-Business. Und dieser junge, offenbar nicht sehr selbstreflexive Mann darf allen Ernstes behaupten, dass er nach 2038 "keine Perspektive mehr hat - wer nimmt mich dann noch?"

Dem MDR wird ja in diesen Kommentarspalten vorgeworfen, zu unkritisch zu sein. Dieser Beitrag ist aus meiner Sicht ein Paradebeispiel, dass es stimmt.

22.05.2019 19:18 Jimmy 3

"Es soll Milliarden-Hilfen geben, ... " für den Kohleausstieg mit Strukturwandel.

Ich denke die Dame im Beitrag hat völlig recht, wenn keine Industrie in die Regionen kommen, nutzen auch keine Kulturtouristen, keine ominösen Workshops und auch kein "Campus" (was auch immer das sein soll) zum Erhalt der Lebenssituationen vor Ort geschweige zur Verbesserung der selben.

Wie die Zweckentfremdung der Mittel schon eingeleitet wird, sieht man an der geplanten Finanzierung von 25 Millionen Euro aus dem Kohlefonds für das zweite neue Görlitzer Landratsamt innerhalb sehr weniger Jahre. Das erste (2013 eingeweiht) kostete den Steuerzahler schon um 22 Millionen Euro. Jetzt noch ein zweites dazu. Wozu?

22.05.2019 19:11 Horst 2

Was ich nicht verstehe: Laut Wikipedia war bisher geplant, dass bereits 2035 Schluß im Tagebau sein soll. Also auch ohne den Kohleausstieg wären in der Region viele Arbeitsplätze weggefallen.

Das bedeutet auch: erst durch den jetzt geplanten Kohleausstieg kümmert sich die Politik um den Strukturwandel.

22.05.2019 17:54 REXt 1

Man wird euch am Anfang mit Geld überschütten, euch viele Freizeitmöglichkeiten schaffen, um gut bezahlte Arbeit kümmert man sich nicht, dafür gibt es viele B.s.p.
Eine neue Armenregion wird entstehen!