Ländlicher Raum Isoliert durch die Armut

Armut hat im ländlichen Raum ein anderes Gesicht als in der Stadt. Oft geht damit auch eine höhere Einsamkeit einher. In Zeiten der Corona-Krise kann das zu einer fatalen Isolation führen – abgeschnitten von den wichtigsten Informationen.

Mann
Jürgen Höhne muss zwölf Kilometer laufen, um einkaufen zu können - eine Strecke. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Einkaufen gehen – für viele Menschen stimmt dieser Begriff so nicht, doch Jürgen Höhne geht wirklich. Er muss von seinem Heimatdorf Gladau bis in die nächste Stadt laufen. Jedoch läuft er nicht aus Angst vor der Ansteckung mit dem gefährlichen Corona-Virus,  sondern aus Kostengründen.

Eine Fahrt mit dem Bus bis nach Genthin ist für den Hartz-IV-Empfänger zu teuer. "Dafür kann ich mich schon wieder einmal satt essen", sagt der 64-Jährige. Die Jobsuche hat er mit 60 Jahren frustriert aufgegeben. Er geht die Strecke zu Fuß – hin zwölf Kilometer und zurück noch einmal zwölf Kilometer. Doch wenn er einmal in der größeren Stadt angekommen ist, kann er keine Vorräte für die kommenden Wochen kaufen, wie es derzeit viele Menschen tun. Dafür fehlt ihm das Geld.

Keine Mittel zum Erhalt des eigenen Hauses

Armut hat im ländlichen Raum ein anderes Gesicht als in der Stadt. Der vermeintliche Vorteil, ein eigenes Haus zu besitzen, verkehrt sich schnell ins Gegenteil, wenn der Job weg ist und so die Mittel für den Erhalt des Hauses fehlen.

Mann und Frau
Ute und Roberto Wertmann aus Loburg. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

So wie bei Familie Wertmann, die in der Nähe von Loburg in Sachsen-Anhalt wohnt. Roberto Wertmann arbeitete in der Rinderzucht als MDR-exakt ihn vor zwei Jahren das erste Mal getroffen hat: Vier Schichten, schwere Arbeit, wenig Geld. So wenig, dass für das Haus aus dem Jahr 1820 das Heizmaterial mühsam beschafft werde musste – aus dem Wald. "Da fahren wir dann mit Kettensäge raus und sägen die trockenen, umgefallenen Stämme ab", sagt Roberto Wertmann.

Nach Abzug aller Fixkosten bleiben gerade einmal "400 Euro zum Leben", sagt Ute Wertmann. Es sei besser, als auf der Straße zu sitzen oder von Hartz-IV leben zu müssen. Der Verdienst von Roberto Wertmamn reicht gerade so zum Leben. Doch das Haus könne die Familie so nicht erhalten. Auch an einen Urlaub ist mit diesem Einkommen nicht zu denken.

Menschen auf dem Land immer ärmer

Haus
Den Wertmanns fehlt das Geld um ihr Haus aus dem Jahr 1820 in Schuss zu halten. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

"Wir oder speziell auch ich, beobachte schon lange, dass auf dem Lande die Leute immer ärmer werden", sagt Michael Bremer, Chef der Volkssolidarität in Sachsen-Anhalt. Der Verein ist der mitgliederstärkste Wohlfahrtsverband in Ostdeutschland. "Das ist eine Entwicklung, die sicher in den nächsten Jahren auch noch zunehmen wird."

Laut Statistischem Bundesamt liegt die Armutsrate auf dem Lande mit 16 Prozent über dem bundesdeutschen Durchschnitt. Dieser liegt bei 14 Prozent. Das Problem der Armut auf dem Lande sei zudem, "dass diese Menschen einsam sind", sagt Michael Bremer. Diese Menschen könnten so auch nicht mehr am gesellschaftlichen Leben teilnehmen.

Kein Computer, kein Handy, keinen Fernseher

Besonders schlimm wird es, wenn sogar ein Fernseher fehlt, wie bei Jürgen Höhne. Ihm fehlt das Geld für die Reparatur. Er besitzt auch kein Handy und keinen Computer. Jetzt, während der Corona-Krise ist er von lebenswichtigen Informationen nahezu abgeschnitten. Der Dorfbürgermeister schaut manchmal nach ihm, doch weitere behördliche Betreuung gibt es nicht.

Die Kommunen haben eine Fürsorgepflicht – doch die bezieht sich vor allem auf Kinder und Jugendliche, erklärt der Chef der Volksolidarität, Michael Bremer. "Bei den Älteren ist es etwas komplizierter. Das sind sogenannte freiwillige Aufgaben der Kommunen und die fallen meistens hinten runter." Der Grund sei oft die enge finanzielle Lage der Kommunen.

So waren Menschen wie Jürgen Höhne bereits vor der Ausgangssperre und der sozialen Distanz durch das Corona-Virus isoliert. Das wird in den nächsten Wochen noch extremer werden.

Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | exakt | 08. April 2020 | 20:15 Uhr

7 Kommentare

part vor 8 Wochen

In dem Beitrag wird die persönliche Armut eines Betroffenen auf dem Land geschildert, dabei ist die gesellschaftliche Armut und Armut an Infrastruktur noch nicht benannt: kein Tante- Emma- Laden / Konsum mehr, kein Bäcker mehr, wohlmöglich auch die Kneipe dicht. Ausgedünnter ÖPNV, Telefonzelle?, Dorfbiliothek?, Netzabdeckung zur Telekommunikation?, Vereinsleben?, öffentliche Veranstaltungen?, Arztpraxis?, Kino ? und jeder ist fast nur noch mit sich selbst beschäftigt und die Füchse wandern in Städte ab, weil dort mehr zu holen ist.

Chemnitzer vor 8 Wochen

Herr Höhne, ich hab keine Ahnung, ob sie nicht die 24km im Sommer mit einem Rad zurücklegen können. Kann denn nicht einmal ein Bike-Unternehmen in Ihrer Nähe mit einer guten Tat helfen? Oder: Vielleicht kann auch eine gute Seele Ihnen mit einem gebrauchten Rad helfen und es auf Vordermann bringen? Leute, Leute....helft dem Mann oder nehmt ihn zum Einkaufen im Auto mit? Wenn Corona wieder Geschichte ist. Ich würde es tun.

Chemnitzer vor 8 Wochen

@Suedvorstadt, ich habe leider auch die Hiobsbotschaft vsrnommen, dass die CDU usw. derzeit an Wählern zulegt. Ich war entsetzt! Mit welcher Unsensibilität jetzt während einer katastrophalen Krise schon wieder unverfroren nach Macht geschielt wird. Haben die nichts anderes zu tun, als Umfragen zu machen? Während Leute jede Minute in der Krise ihren Mann oder ihre Frau stehen. Die würde ich alle mal gerne in die Kittel und Masken stecken und mithelfen lassen.