Anschlag von Halle Zwischen Memes und Realität: Das Internet als Spielfeld für rechtsextreme Attentäter

Am Mittwoch geht es in der Verhandlung gegen den Attentäter von Halle um die Ereignisse von Wiedersdorf. Diesen Ort steuerte der Attentäter auf seiner Flucht auch an, um das Tat-Video erneut hochzuladen. Er wollte unbedingt seine Community erreichen und so künftige Attentäter beeinflussen. Denn die verschiedenen Attentate bauen weltweit aufeinander auf und haben einen hohen Stellenwert für die rechtsextreme Online-Community.

Eine Person wird von Polizisten aus einem Hubschrauber zu Polizeifahrzeugen gebracht.
Der Attentäter von Halle auf dem Weg in den Gerichtssaal. Bildrechte: dpa

Über den Autor Der US-amerikanische Journalist und Wissenschaftler Alex Reid Ross arbeitet für das "Centre for Analysis of the Radical Right" und forscht seit mehreren Jahren zum Thema rechtsextremer Radikalisierung im Internet.

Rassistisch motivierte Attentate sind zu einem der schrecklichsten und tödlichsten Phänomene der heutigen politischen Zeit geworden. Während gewöhnlich so genannte "Einsame Wölfe" so beschrieben werden, dass sie ausschließlich aus Hass handeln, erscheinen diese Killer zunehmend zu einem System zu gehören, das durch Image Boards, Foren und Spielerplattformen geschaffen wurde. Ihr Ziel, den "Highscore" zu erreichen und die anderen zu übertreffen, indem sie die meisten Menschen töten, deutet auf den blutrünstigen Charakter ihrer politischen Gemeinschaft hin.

In den USA sind die Tätertypen seit langem Teil von Image-Boards und Gaming-Communities. Im Jahr 2014 wurde die Seite "4chan" zu einem Brennpunkt für die "Gamergate"-Kontroverse, bei der rassistische und frauenfeindliche Videospieler in das anonyme Forum strömten, um Memes und hasserfüllte Texte zu posten und sich gegen die Beschwerden von Frauen in der Gamer-Community zu wehren. Durch die Verschmelzung von Frauenfeindlichkeit, mit rechtsextremer Ideologie und Spielkultur trug 4chan dazu bei, bei vielen jungen Männern ein Gefühl der Angst und kämpferischen Entfremdung zu verbreiten.

 Image Boards, Spiele und Social Media

Als Gamergate selbst für 4chan zu aggressiv wurde, entstand ein neues Forum namens "8chan", um den Überfluss an Nazismus, Kinderpornographie und anderen kriminellen Aktivitäten einzufangen. Immer weitere "chan"-Sites entstanden oder spalteten sich ab. Rechtsextreme schlossen sich hinter den grotesken Inhalten von "chans" zusammen, um andersdenkende Benutzer von sozialen Medien, politische Gegner und andere, die als schwach oder untermenschlich angesehen wurden, niederzumachen.

Als Twitter und Facebook zunehmend Opfer rechtsextremer Gruppierungen wurden, die soziale Medienunternehmen mit Beschwerden überschwemmten, begannen diese Unternehmen, Konten weißer Rassisten und Verschwörungstheoretiker zu sperren. Die Website Gab entstand, um diese Lücke zu schließen und auf Grundlage der "Redefreiheit" wurde es zu einem Sammelbecken für weiße Nationalisten. Schnell wurde Gab von der extremen Rechten überrannt und zu einem Resonanzboden für rassistische, misogyne und antisemitische Hassreden. Während einige Nutzer der Meinung waren, dass der offene Rassismus den öffentlichen Diskurs ändern würde, empfanden andere die Diskussionen über die Außenwirkung die - sogenannte "Optik" der Bewegung - als repressiv. Am 18. Oktober 2018 schrieb Robert Gregory Bowers auf "Gab": "Ich kann nicht tatenlos zusehen, wie mein Volk abgeschlachtet wird. Scheiß auf die Optik, ich gehe rein". Um 9.50 Uhr stürmte er die Synagoge "Tree of Life" in Pittsburgh und ermordete elf Menschen. Robert Gregory Bowers radikalisierte sich geraume Zeit vor seinem Anschlag auf rechtsextremen Internetforen.

Eine gemeinsame Plattform

Bowers gehörte nicht zur rechtsextremen Alt-Right-Bewegung. Sondern er war Teil einer sektenartigen Gemeinschaft, die Auseinandersetzungen und Debatten über ihre Öffentlichkeitswirksamkeit, Strategie und Taktik führte. Ohne Zugang zu öffentlichen Plattformen wie Steam und Gab wäre die Verbreitung rechtsextremer Inhalte für solche Gruppen weitaus schwieriger. Wenn weiterhin gewalttätige und rechtsextreme Inhalte auf diesen Plattformen präsent sind, führt dies zu einer zunehmenden Radikalisierung und Mobilisierung aus dem Internet ins reale Leben.

In einem Interview mit einem frühen Mitglied der rechtsextremen Organisation "Atomwaffen Division" (AWD), dass ich zusammen mit der Wissenschaftlerin Emmi Bevensee und einem anderen Journalisten führte, erfuhr ich, dass Videospiele den Gründungsmitgliedern Brandon Russell und Devon Arthurs um die Zeit von Gamergate einen Einstieg in die rechtsextreme Szene boten. Sie nutzten zudem die Gaming-Plattform Steam und die verschlüsselte Gamer-Chat-App Discord, um neue Mitglieder zu rekrutieren und ihre Organisation zu fördern. Ein Hauptanwerber der AWD, der auf dem großen Internetforum der Gruppe "Iron March" unter dem Namen Arathis auftrat, unterhielt für diese Zwecke ein Steam-Konto mit demselben Alias.

Während die meisten Aktivitäten der AWD zwischen 2015 und ihrer Auflösung im Jahr 2020 die Verbreitung von Flugblättern, Plakaten und Aufklebern umfassten, welche für den Rassenkrieg warben, verübten die Mitglieder der Gruppe auch Akte extremer Gewalt. Im Februar 2019 wurde beispielsweise in den USA das AWD-Mitglied Benjamin Bogard wegen des Besitzes von Bildern mit kinderpornografischen Darstellungen und der Vergewaltigung einer Minderjährigen vom FBI verhaftet, weil er nach Angaben von Bundesagenten "zur Gewalt mobilisiert" habe. Auf Bogards Twitter-Profil proklamierte er sich selbst als "künftiger Attentäter".

Kurz danach erschütterte ein Massenmord im weit entfernten Christchurch in Neuseeland die ganze Welt und inspirierte ähnliche Täter in den USA und weltweit - wie auch den Attentäter von Halle. Am 27. März 2019 postete ein Australier namens Brenton Tarrant einen Livestream-Link und ein Manifest auf 8chan, bevor er ein rechtsextremes Lied spielte, das dem bosnischen Völkermord gewidmet war. Danach eröffnete er das Feuer auf zwei Moscheen im neuseeländischen Christchurch, bei dem 51 Menschen getötet wurden. Auch Tarrant war ein Steam-Nutzer. Er trug  nach dem Gründungsvorsitzenden der Amerikanischen Nazi-Partei, George Lincoln Rockwell, den Decknamen "Commander Rockwell". Tarrants Livestream ähnelte einem Ego-Shooter-Spiel und kündigte an, was Robert Evans von der Rechercheplattform  Bellingcat  als "die Gamification des Massenmords" bezeichnete.

Dieses Thema im Programm: Das Erste | FAKT | 21. Juli 2020 | 21:45 Uhr

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