Notunterkunft Obdachlosenheim: Raus aus dem Teufelskreis

Einige Menschen leben über Jahrzehnte in einem Obdachlosenheim – doch das muss nicht sein. Mit dem richtigen Konzept können Obdachlose schnell wieder in die eigenen vier Wände kommen, wie die Stadt Bernburg zeigt.

Ein Mann an der Wohnungstür
Nach nur zwei Wochen im Bernburger Obdachlosenheim hat Steve bereits eine eigene Wohnung gefunden. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Wer in eine Notsituation gekommen ist und etwa die eigene Wohnung verloren hat, kann für eine Weile in einem Obdachlosenheim eine Unterkunft finden. Es ist eine Ausnahmesituation – und sollte nicht von Dauer sein. Doch in manchen Orten leben Menschen seit Jahrzehnten in einem solchen Heim. Dass es auch anders geht zeigt die Stadt Bernburg: Hier finden Obdachlose recht schnell zurück in ein eigenständiges Leben – und es spart auch noch Geld.

"Ich habe schon vor ein paar Jahren meine Wohnung verloren", sagt Steve. Ein ganzer Block sei damals geschlossen worden. "Weil wir alle nicht gespurt haben – zu viele Technopartys und dies und das", erklärt der 28-Jährige. Seit zwei Wochen lebt er nun im Obdachlosenheim von Bernburg in Sachsen-Anhalt. Nun hat er bereits einen Termin für eine Wohnungsbesichtigung.

Obdachlosenheim liegt zentral am Hauptbahnhof

Zwei Männer an der Tür
Der Leiter der Obdachlosenunterkunft in Bernburg, Marcel Perner (links) mit Steve. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

"Ich habe einen sehr guten Vermieter an der Hand, der Obdachlosen auch mal wieder eine Chance gibt, in Wohnraum zu kommen", sagt der Leiter der Unterkunft, Marcel Perner. In einer so kleinen Stadt wie Bernburg sei das gar nicht so einfach. Anschließend zeigt der Chef des Hauses die Unterkunft. Diese liegt zentral in der Nähe des Hauptbahnhofes und ist einem spätklassizistischen Bau – im ehemaligen Hotel Kaiserhof.

Es gibt Zwei-Bettzimmer, moderne Gemeinschafts-Bäder, Tagesräume, einen Wäscheraum und sogar einen Ausnüchterungsraum, in dem betrunkene Bewohner ihren Rausch ausschlafen können. Hier wird niemand abgewiesen. Ihren Alltag sollen die Bewohner selbst bewältigen können. In der Küche können sich die Bewohner ihr Essen selbst zubereiten. "Wir haben hier die Bernburger Tafel dazwischen, da könnten sie sich theoretisch Lebensmittel organisieren."

Platz ist hier für mehr als 24 Personen. Doch derzeit leben hier nur neun. Das sind bemerkenswert wenige für eine Stadt wie Bernburg, in der es auch eine Suchtklinik gibt. Häufig kommen entlassene Patienten von dort direkt in das Obdachlosenheim. Bevor es das Sozialzentrum gab, waren es mal mehr als 30. "Also unser Ziel ist eine maximale Verweildauer von einem  halben Jahr", sagt Marcel Perner. Bis dahin sollen die Menschen dann einen eigenen Wohnraum haben. "Gelingt nicht immer, ist aber unser Ziel. Definitiv."

Notunterkunft ist auch ein Sozialzentrum

Eine Straßenkreuzung
Die Notunterkunft liegt in Bernburg zentral am Hauptbahnhof und ist einem ehemaligen Hotel untergebracht. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Das Obdachlosenheim ist mehr als nur eine Notunterkunft, es ist ein Sozialzentrum. Neben der Bernburger Tafel sind in dem kommunalen Haus eine Kleiderkammer und ein Möbellager angesiedelt. In der Suppenküche kostet das Mittagessen nur einen Euro. Viele Bernburger kehren dort ein und so vermischen sich Obdachlose mit den Bewohnern der Stadt.

Mit diesem Konzept wird einer Ausgrenzung entgegen gewirkt. Durchgeboxt hat es der Bernburger Sozialdezernent Paul Koller – gegen die Bedenken von Politikern und Anwohnern. "Normalerweise sagt man über den Hauptbahnhof: Da kommt das Klientel hin und dann schlafen sie vor der Tür oder es wird geklaut", sagt Paul Koller. Doch das habe sich nicht bewahrheitet.

Trostlos und heruntergekommen am Stadtrand

Ein Mann steht vor einem Hauseingang
Roberto Lemke traut sich nach über 20 Jahren Obdachlosigkeit ein selbstständiges Leben in eigener Wohnung nicht mehr zu. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Bernburg ist eine Industriestadt mit 33.000 Einwohnern und einer Arbeitslosenquote von knapp neun Prozent. Nur 150 Kilometer weiter östlich liegt in Sachsen einer vergleichbar große Industriestadt: Riesa an der Elbe – mit fast ebenso vielen Einwohnern und nur sechs Prozent Arbeitslosen.

Doch in Riesa liegt das Obdachlosenheim in einem Gewerbegebiet am Stadtrand. Es wirkt heruntergekommen und trostlos. "Also ich habe den Umzug 1999 hierher mitgemacht. Im alten Heim war ich schon ein paar Jahre", sagt Roberto Lemke. Er ist also seit über 20 Jahren obdachlos. Nach einem Unfall musste der Stahlarbeiter den Beruf aufgeben. Es folgten Arbeitslosigkeit, Mietschulden und der Verlust der Wohnung.

Das Obdachlosenheim in Riesa wird vom Deutschen Roten Kreuz (DRK) betrieben. Dort leben 23 Menschen und diese würden auch therapeutisch betreut werden, teilt man MDR exakt schriftlich mit, denn die Bewohner sollen befähigt werden  "…in Zukunft ein Leben ohne fremde Hilfe zu realisieren." Zudem sei es "manchmal schwierig, wirklich geeignete Wohnformen zu finden", gibt die Chefin des Hauses, Lisa Smyrek, zu.

Viele Obdachlose werden in Notunterkünften abgestellt

Doch anders als in Bernburg dürfen die Bewohner in der Unterkunft nicht selbst kochen oder Wäsche waschen, wie sie uns berichten. Roberto Lemke traut sich nach über 20 Jahren im Obdachlosenheim ein selbstständiges Leben in den eigenen vier Wänden nicht mehr zu.

Doch "Riesa ist keine Ausnahme", sagt Werena Rosenke von der Bundesarbeitsgemeinschaft Wohnungslosenhilfe in Berlin. Sie kenne auch andere Kommunen in denen es "einfach passiert – sage ich mal in Anführungszeichen –, dass wohnungslose Menschen für Jahre in solchen Unterkünften abgestellt und vergessen werden." Dabei habe der Deutsche Städtetag bereits 1987 dafür plädiert, dass Kommunen präventive Hilfen aufbauen sollen. Denn "die Unterbringung einer Person kostet das bis zu Siebenfache dessen, was man für eine präventive Hilfe ausgeben würde.“

Ganz anders läuft es bei Steve in Bernburg. In den letzten vier Jahren hat er bei Kumpels oder in einer Zelle in der JVA übernachtet. Jetzt war die Wohnungsbesichtigung erfolgreich. "Ich kriege die Chance, mich zu beweisen", sagt er. "Die Wohnung reicht mir, ein Raum. Sonst ist alles eigentlich schick." Steve ist also nach kurzer Zeit in der Notunterkunft raus aus dem Teufelskreis. Es ist ein Grund, warum sich in Bernburg bereits mehrere andere Kommunen beraten lassen haben.

Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | exakt | 08. Juli 2020 | 20:15 Uhr

2 Kommentare

ossi1231 vor 4 Wochen

Das ihre Gedanken noch nicht verboten und wegen dem Hausrecht noch durchgelassen wurden.

Es ist auch eine Frage des "damit Geld zu verdienen" und einer ggf. auch nur hintergründigen Agenda.

harzer vor 4 Wochen

So was ist Entwürdigung des Staates! Aber unsere Goldstücke bekommen Neubauwohnungen zu gewiesen!

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