Lausitzer Kohlerevier Braunkohle ist für die Sorben Fluch und Segen

Die Lausitz verfügt über das zweitgrößte deutsche Braunkohlerevier. Es gab in den vergangenen Jahren einige Unternehmen, die hier Kohle förderten. Inzwischen baggert die LEAG-Gruppe den Rohstoff ab. Zwischen Bergbaukonzern und den betroffenen sorbischen Gemeinden gibt es eine Art Deal. Das Unternehmen darf baggern, wenn es im Gegenzug den Erhalt der sorbischen Kultur mit unterstützt.

Ortseingang des Dorfes Mühlrose mir gelbem Holzkreuz eines Umsiedlungsgegners
Am Ortseingang des Dorfes Mühlrose steht ein gelbes Holzkreuz eines Umsiedlungsgegners. Bildrechte: MDR/Lydia Jakobi

Mühlrose in Ostsachsen, an der Grenze zu Brandenburg, ist vielen Sorben ein Begriff. Der Ort mit rund 200 Einwohnern liegt in ihrem anerkannten Siedlungsgebiet. Doch nicht das sorgt seit Jahren bundesweit für Schlagzeilen: Schaut man sich das Dorf auf Satellitenbildern an, sieht es aus wie eine Landzunge, die zum Tagebau Nochten ragt. Seit sechs Jahrzehnten wird ringsherum Braunkohle abgebaggert. Auch die Kohle, die unter Mühlrose lagert, will die Lausitz Energie Bergbau AG (LEAG) noch erschließen. Die Einwohner sollen umgesiedelt werden, doch ein kleiner Teil will nicht mitziehen. Das sorgt seit Jahren für Wirbel.

Mühlrose am Rande des Baggerlochs, von oben
Blick auf Mühlrose. Der Ort liegt am Rand des Tagebaus Nochten. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Sorbische Dörfer für die Kohle verschwunden

Doch braucht es überhaupt die Kohle unter Mühlrose noch, jetzt, wo der Kohleausstieg in Deutschland beschlossene Sache ist? "Wenn der Ort abgebaggert wird, vergeht man sich an den Interessen des Volkes der Sorben", sagt der frühere Chefredakteur der "Serbske Nowiny“ (sorbischen Zeitung), Benedikt Dyrlich. Der einstige SPD-Landtagsabgeordnete hat sich in den vergangenen Jahrzehnten immer wieder gegen den Verlust sorbischer Orte eingesetzt: "Jedes Dorf, wo die sorbische Sprache und Kultur lebt, ist eine Lebensquelle für uns. Mit Mühlrose wäre wieder eine Lebensquelle weg." Es wäre das 138. sorbische Dorf, das unter den Kohlebaggern verschwinden würde. Rund 70 Prozent ihrer historisch gewachsenen Räume hätten die Sorben in über 100 Jahren für die Kohle geopfert. "Es reicht!“, sagt Dyrlich. Er kämpft mit eindringlichen Worten für den Ort.

Viel Lärm, viel Staub vom Tagebau

Auch die Umweltorganisation BUND hält die Abbaggerung des Ortes für überflüssig – aus wirtschaftlichen und ökologischen Gründen. Die Kohle würde zur Versorgung der Kraftwerke nicht mehr gebraucht, der Ort könne erhalten bleiben, heißt es in einem Gutachten. Doch die Mehrheit der Einwohner sieht nach einem jahrelangen Tauziehen um das Dorf ihre Zukunft inzwischen woanders. Längst säßen die Leute auf gepackten Koffern, berichten Augenzeugen. Sie hätten den Lärm und den Staub des nahegelegenen Tagebaus satt. Investitionen gebe es schon lange keine mehr. Der Ort ist wie eine Sackgasse: Auf nur einer Zufahrtstraße fährt man hinein und wieder hinaus.

Vor Jahren haben auch Klimaaktivisten Mühlrose entdeckt, sie wollen mit den Bürgern um deren Zipfel Heimat kämpfen. Begeistern lassen sich nur wenige. "Die Mehrheit will nach jahrelanger Unsicherheit einfach ihre Ruhe haben", sagt Manfred Hermasch von der benachbarten sorbischen Domowina-Ortsgruppe Rohne.

Zahl der Sorben auf ein Drittel gesunken

Der heute 71-jährige Hermasch vertrat das sorbische Volk bereits am Runden Tisch, an dem es 1990 darum ging, welcher DDR-Tagebau weitergeführt werden würde. Hermasch, einst Bürgermeister von Rohne, erinnert sich an die damalige Aufbruchstimmung in seinem Lausitzer Ort, "keinen Quadratmeter Boden mehr der Kohle zu opfern". Es klang wie eine Abrechnung mit dem fossilen Brennstoff, der für die Sorben Fluch und Segen zugleich ist. Seit dem 6. Jahrhundert lebt das westslawische Volk in der Lausitz, seit Ende des 19. Jahrhunderts wird hier Braunkohle abgebaut. Seither ist die Zahl der Sorben auf ein Drittel geschrumpft.

Von gut 60.000 Sorben geht man heute noch in Brandenburg und Sachsen aus. Die Kohleindustrie zwang die sorbischen Dörfer zur Auflösung, die Menschen wurden in größere Städte umgesiedelt, dort setzte eine Assimilierung ein. Zeitgleich hat die Kohle Tausenden Menschen in der Region attraktiv bezahlte Jobs geboten – über Jahrzehnte lang.

Ansicht des Kohletagebaus in Nochten
Blick auf den Kohletagebau Nochten Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Friedliche Koexistenz aufgebaut

Der Euphorie folgte die Ernüchterung. Hermasch' sorbische Gemeinde gab 1993 den Widerstand gegen die Braunkohle auf, die Tagebaue Nochten und Reichwalde blieben erhalten, sicherten Jobs in der Oberlausitz, die bis heute als strukturschwach gilt. Inzwischen herrscht eine Art friedliche Koexistenz zwischen den sorbischen Gemeinden und dem Energiekonzern LEAG. Beide Seiten hätten aus den Kohleprotesten der Vergangenheit gelernt, sagt Hermasch.

Der Konzern darf baggern, im Gegenzug finanziert er in den verbliebenen Gemeinden Feuerwehren, Schulneubauten, Vereinshäuser mit. Auch der sorbische Dachverband Domowina verweist auf 1.200 sorbische Projekte, die der Bergbaukonzern unterstützt hat - von zweisprachigen Publikationen bis hin zu Gedenktafeln für abgebaggerte sorbische Orte. "Ohne die Gelder würden wir bei der Förderung unserer Sprache und Kultur wesentlich schlechter dastehen", sagt Domowina-Vorsitzender Dawid Statnik. Über die Höhe der Summe will er nicht sprechen, man habe darüber Stillschweigen vereinbart.

Awla šulskeho centruma w Slepom
Deutsch-Sorbisches Schulzentrum in Schleife. Den Schulneubau hat die LEAG mitfinanziert. Bildrechte: MDR/Matej Zieschwauck

Milliarden Euro an Strukturhilfen für die Lausitz

Doch nun steht das Ende der Braunkohle-Ära in Deutschland an, die der Bund mit 40 Milliarden Euro an Strukturmitteln für die Kohleregionen abfedern will. Gut zehn Milliarden Euro sollen nach Angaben des sächsischen CDU-Bundestagsabgeordneten Andreas Lämmel ins Lausitzer und Mitteldeutsche Revier fließen. Weitere zehn Milliarden Euro will der Freistaat Sachsen zuschießen – zum Ausbau der Infrastruktur, zur Ansiedlung von Forschung und Wirtschaft.

Der 61-jährige Abgeordnete Lämmel gehörte zur Kohle-Kommission, die ein halbes Jahr lang Vorschläge für den Kohleausstieg erarbeitete: "Wir wollen aus dem Lausitzer Revier kein Seniorenheim mit goldenen Türklinken machen. Vielmehr brauchen wir eine Jobperspektive für die jungen Menschen in der Region." Lämmel weiß, dass der ländliche Raum sich stark vernachlässigt fühlt. 2007 hatte der Landkreis Görlitz noch 20 Prozent Arbeitslosigkeit, aktuell sind es zehn Prozent. Immer wieder werde er von Leuten gefragt, wann es denn nun mit den neuen Projekten losgehe. "Wenn wir nicht bald etwas Konkretes tun", sagt Lämmel, "werden sich die Leute, die noch fünf Jahre im Kraftwerk ihren Job haben, schon jetzt umschauen, wohin sie abwandern können."

Neue Jobs, neue Identität, neue Energie?

Unklar ist, ob die Lausitz ein wichtiger Energiestandort bleiben kann. Über 13.000 Jobs hängen allein in dieser Region direkt und indirekt von der Braunkohle ab. Doch der Rohstoff ist ein Auslaufmodell, wie auch die Jobs, die an ihm hängen. Der Vorsitzende des sorbischen Dachverbandes, Dawid Statnik, sagt, seine Heimat brauche nicht nur neue Jobperspektiven, sie werde sich auch eine neue Identität zulegen müssen: "Die Menschen sprechen hier gemeinschaftlich von ihrer Braunkohleregion. Was aber wird sie künftig verbinden? Diese Frage stellen sich nicht nur wir Sorben, sondern alle in der Region."

Andreas Lämmel, Ullrich Freese, Susann Šenkec, Dawid Statnik
Von links nach rechts: die Bundestagabgeordneten Andreas Lämmel (CDU) und Ulrich Freese (SPD) sowie die Sorben-Vertreter Susann Šenkec und Dawid Statnik. Bildrechte: Domowina

Weitläufige Lausitz mit Potenzial

Potenzial hat die Lausitz allemal, es gibt Knowhow im Energiebereich, ebenso eine gute Anbindung ans Stromnetz. Auch verfügt die Region über weite, schwach besiedelte Flächen, auf denen sich "weitestgehend konfliktlos Windkraft- und Photovoltaik-Freiflächenanlagen installieren ließen", meint Wissenschaftler Frank Buchholz, der sich an der Brandenburgischen Technischen Universität Cottbus-Senftenberg mit regionalen Energieversorgungsstrukturen beschäftigt. Einen Strukturwandel könne man zwar mit Geld ins Rollen bringen, er laufe aber vor allem über Köpfe ab, glaubt Buchholz. So brauche es jetzt "zahlreiche Raumpioniere in der Lausitz, die Vision, Kraft und Ausdauer haben".

Neue Abwanderungswelle droht

Nicht nur die Erwartungen, sondern auch der Pessimismus in der Lausitz sind riesig. Der drastische Umbruch nach dem Ende der DDR geprägt von massiver Arbeitslosigkeit und einem Verwaltungsumbau, hat sich tief ins kollektive Gedächtnis gegraben. Der 37-jährige Sorben-Vertreter Dawid Statnik, der für die CDU im Bautzener Kreistag sitzt, spürt in Bürgergesprächen, dass sich "die Menschen abgehängt fühlen und Angst haben, mit dem Kohleausstieg vollständig auf dem Abstellgleis zu landen".

Die Lausitz hat in den vergangenen Jahren nicht nur einen massiven Rückbau der Industrie erlebt, sondern auch einen Aderlass in der Bevölkerung hinnehmen müssen. Um mehr als ein Fünftel weniger Menschen leben inzwischen hier. Die Abwanderung – vor allem junger Leute – bekommt auch die sorbische Minderheit deutlich zu spüren. Ex-Bürgermeister Manfred Hermasch warnt, wenn der bevorstehende Strukturwandel scheitere, "werden wir einen neuen großen Exodus erleben, nicht nur unter den Sorben, sondern in der gesamten Region". Auf Nachdruck ist es den Sorben immerhin gelungen, im jüngst verabschiedeten Kohleausstiegsgesetz bei den Fördermaßnahmen mit aufgeführt zu werden. Andernfalls wären sie beim milliardenschweren Bundesprogramm mit Projekten für ihre Minderheit leer ausgegangen.

Tauziehen um Mühlrose geht weiter

Zurück zum sorbischen Ort Mühlrose im Lausitzer Braunkohlerevier. Vom sächsischen Umweltministerium hieß es dieser Tage, es gelte eine Variante zu finden, bei der man auf das Abbaggern des Ortes verzichten könne. Das Tauziehen um das Dorf geht also weiter. Die meisten Einwohner wird das von der Umsiedlung nicht mehr abhalten, glaubt Manfred Hermasch. Autor Benedikt Dyrlich sieht dagegen eine Zukunft für Mühlrose. Er wünscht sich, dass im Ort mit Strukturmitteln des Bundes ein "lebendiges Freilichtmuseum entsteht, das die vorindustrielle Kultur der Sorben vermittelt“. Besuchern könnte man dort auch erzählen, was man alles für die Kohle geopfert habe.

Dieses Thema im Programm: MDR AKTUELL RADIO | 03. Juli 2020 | 07:30 Uhr