Lieferengpässe Zu wenig medizinisches Cannabis für Patienten

Seit zwei Jahren ist medizinisches Cannabis auf Rezept erhältlich. Doch die Produzenten sind auf die hohe Nachfrage offenbar nicht eingestellt – immer wieder kommt es zu Lieferengpässen. Einige Patienten versorgen sich deshalb selbst.

Cannabis auf Rezept – das ist in Deutschland seit März 2017 möglich. Doch für die Patienten kommt es immer wieder zu Lieferengpässen. Außerdem zahlen die Kassen diese Medizin nicht immer. Auch deshalb bauen einige ihr Gras selbst an – so wie Felix. Der junge Mann aus Berlin will anonym bleiben, denn was er tut ist illegal.

Person mit Hoodie pflegt Cannabis-Pflanzen
In schwarzen Zelten baut Felix sein Gras an. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

MDR-exakt zeigt er in seiner Wohnung zwei schwarze Zelte, in denen insgesamt 18 Cannabis-Pflanzen wachsen. Wärmende LED-Leuchten versorgen die Pflanzen, eine Zeitschaltuhr sorgt für den Tag-Nacht-Rhythmus, ein silbernes Rohr für frische Luft. Mit einem Aktivkohlefilter neutralisiert er die Luft, die nach draußen geblasen wird. "Alles, was Sie hier sehen, kann man grundsätzlich im Baumarkt kaufen", sagt Felix.

Trotz Rezept: Cannabis nur auf eigene Kosten

Der Grund, warum der junge Mann diesen Aufwand betreibt: "Ich leide an ADHS", erklärt er. "Durch Cannabis bin ich konzentrierter und weniger impulsiv. Außerdem brauche ich jetzt kein Ritalin mehr." Zwar hat Felix ein Privatrezept von einem Arzt für seine Medizin, doch damit kann er sich Cannabis lediglich auf eigene Kosten in der Apotheke holen. "Das kostet für mich bis zu 28 Euro pro Gramm." Im Eigenanbau seien es lediglich 1,60 Euro. Drei Gramm braucht er täglich. Eine Monatsration aus der Apotheke würde also über 2.500 Euro kosten.  

Mit dem Rezept vom Arzt darf Felix das Apotheken-Cannabis mit sich führen und sogar Auto fahren. Sein Chef erlaubt auch, dass er bei der Arbeit raucht. Felix sagt, die gewonnene Lebensqualität sei viel größer als die Angst vor Strafverfolgung. Er ist quasi Überzeugungstäter. "Mein eigenes Gras ist qualitativ viel besser als das Apotheken-Cannabis. Außerdem gibt es dort immer wieder Lieferengpässe."

Produzenten Ansturm nicht gewachsen

Cannabis-Blüte in einer Hand
Patienten können in Apotheken nicht mehr alle Cannabis-Produkte erhalten. (Symbolbild) Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Die Produzenten sind dem Ansturm offenbar nicht gewachsen, denn in immer mehr europäischen Ländern wird Cannabis als Medizin zugelassen. "Ich brauche eigentlich das Pedanios 22/1," nennt Sven Lobeda, Apotheker in Dresden-Johannstadt, ein Beispiel. Doch das ist derzeit nicht lieferbar. Die Patienten können nicht einfach auf eine andere Blütenart ausweichen, da sich die Inhaltsstoffe unterscheiden. Die Apotheke hat noch einige Sorten vorrätig, doch andere sind nicht zu bekommen.

Bei einem anderen Anbieter ist es noch drastischer: "Hätte ich bis Februar bestellt, könnte ich ungefähr bis Mitte Juni damit rechnen. Würde ich es jetzt bestellen, dann gibt es für mich keinen Liefertermin, dann stehe ich auf einer Endlos-Warteliste", sagt Lobeda. Für die Patienten bedeute dies eine Unterversorgung. "Wir sind gezwungen, die Patienten wieder zurückzutreiben zum Dealer um die Ecke."

Importe können das Problem offenbar nicht lösen

Auch Importe können das Problem derzeit offenbar nicht lösen. Zwar hat die Bundesregierung im März 2017 die Einfuhr von 42,8 Tonnen medizinischem Cannabis genehmigt, doch für die direkte Versorgung der Patienten sind erst rund fünf Tonnen Cannabisblüten importiert worden, wie aus einer kleinen Anfrage der Linksfraktion im Bundestag hervorgeht (stand Ende März 2019).

Rund 40.000 Cannabis-Patienten soll es in Deutschland geben. Die Probleme bei der Lieferung sollen in Zukunft Großproduzenten lösen – wie etwa Aurora. Das kanadische Unternehmen baut auf der Insel Fünen in Dänemark in Kooperation mit einem lokalen Gemüseproduzenten Cannabis an. MDR-exakt durfte einen exklusiven Blick in die Gewächshäuser werfen.

Drei Unternehmen dürfen Cannabis in Deutschland anbauen

Gewächshaus-Anlage
Mit Großproduktionen wie in Fünen sollen Lieferengpässe bald Geschichte sein. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Dort sind die Pflanzen verkabelt. "Das sind Nährstofflösungen, die die Pflanzen dann aufnehmen, um dann entsprechend wachsen zu können", sagt Geschäftsführer Philip Schetter. Damit werden in einem Raum die Mutterpflanzen versorgt. Alle Mitarbeiter tragen Schutzanzüge. Denn es handelt sich um ein Pharmazieprodukt. "Und aus dem Grund dürfen logischerweise keine Bakterien in die Anlage."

Mit Großproduktionen wie in Fünen sollen Lieferengpässe bald Geschichte sein. Der kanadische Cannabis-Riese gehört zu den drei Unternehmen, die nun auch in Deutschland anbauen dürfen. Vor wenigen Wochen gab es den Zuschlag. Mehrere Millionen Euro will man im sachsen-anhaltischen Leuna investieren.

"Dort gab es ganz spezielle Sicherheitsvorkehrungen, und dort bauen wir im Prinzip einen großen Bunker", erklärt Schetter. "In dem Bunker wird Cannabis angebaut, so dass wir da höchste Sicherheitsvorkehrungen treffen." Die Patienten müssen sich wohl noch ein Jahr gedulden, bis sich die Lage entspannt. Dann wollen alle Unternehmen die erste Ernte "Made in Germany" einfahren.

Wer darf medizinisches Cannabis in Deutschland anbauen Das Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM) hat in einem Vergabeverfahren den Anbau von Cannabis - unter betäubungs- und arzneimittelrechtlichen – Vorgaben an drei Firmen verteilt. Die Ausschreibung umfasste insgesamt 10.400 kg Cannabis, verteilt auf vier Jahre mit jeweils 2.600 kg, erklärt das BfArM. Den Zuschlag bekamen zwei Unternehmen, deren Mutterfirmen schon medizinisches Cannabis in Kanada produzieren – die Aurora Produktions GmbH und die Aphria Deutschland GmbH, sowie das 2017 gegründete deutsche Start-up-Unternehmen DEMECAN GmbH. Das BfArM erwartet eine erste Ernte für das 4. Quartal 2020.

Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | exakt | 19. Juni 2019 | 20:15 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 18. Juni 2019, 15:51 Uhr

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8 Kommentare

20.06.2019 20:18 MISTERmint 8

Um logische Argumente geht es nicht.
Sondern um wirtschaftliche Interessen.
Der Einfluss besorgter Alkohol, Pharma und Tabakproduzenten ist im Moment noch zu groß. Die brauchen Zeit bis sie ihre Investitionen auf Cannabis umlenken, erst dann wird es legalisiert.

Wenn Scheuer schon ein Jahr vor der Gesetztesabstimmung über die PKW Maut, im Namen der Bundesrepublik Verträge auf 10 Jahre unterschreiben, die Investitionen und Strukturreformen in öffentliche Verkehrsmittel erdrosseln und dann mit peinlich, sexistischer Fahrradhelmreklame und Abschaffung von Unterrichtsstunden für 125' Motorräder einen Puzelbaum schlagen kann, ohne die Narrenkappe zu verlieren...

Ja, wo willst du da noch mit Argumenten hin?
In den Keller zum Lachen?
Oder gleich die Koffer packen und das Land verlassen, bevor in diesem Land wieder Menschen mit schlüssigen Argumenten vom rechtem Mop im Staatsapparat verfolgt werden?
Kinder ich sag euch... das mitm Cannabis is nur EIN bezeichnendes Symptom.

19.06.2019 22:34 Horscht 7

Ein Armutszeugnis für Deutschland! Beendet endlich die Kriminalisierung Millioner Bürger die sich für eine Droge entschieden haben die nicht deren Organe zerstört. Cannabis ist Medizin und sollte für jeden zugänglich und selbst herstellbar sein wie es bei anderen Drogen die sogar tödlich sind (Tabak und Alkohol) auch der Fall ist. Wir sitzen heute noch den Ammenmärchen eines US Rassisten der 20er Jahre auf das ist für eine Industrienation wie Deutschland einfach nur PEINLICH!!!

19.06.2019 20:40 Monika Maria Krüger 6

Ich finde Cannabis soll legalisiert werden‼️ Cannabis ist ein Naturprodukt, welches Menschen hilft!!!!
Außerdem weniger schädlich als Nikotin und Alkohol!!!
Natürlich muss es rein sein, d.h., dass nichts untergemischt wird und das kann nur sein, wenn es kontrolliert verkauft wird!!!
Meine Meinung ‼️‼️‼️‼️
Viele Grüße Monika Krüger

19.06.2019 16:52 Gamma-Jet 5

Warum sich große Teile der Politik vehement wehren dies zu akzeptieren, erklärt für mich nur, dass Andere dadurch finanziel etwas wenig verdienen können ! Allerdings ist dies nur meine persönliche Meinung.

19.06.2019 11:00 Fragender Rentner 4

Dann liest man in der LVZ, da hat die Polizei mal eine entdeckt und die hätte vielleicht auch geholfen einen kleinen Engpaß zu überbrücken. :-)

19.06.2019 06:34 Ossi 65 3

Das die Regierung im Moment nur Cannabis auf Rezept Erlaubt ist schon mal ein Anfang, aber der Preis lässt Erahnen, das sich das kaum jemand leisten kann, es sei denn er bekommt es von der Kasse Erstattet. Cannabis ist Wissenschaftlich bewiesen Harmloser als Alkohol und Zigaretten, und wird von Verklemmten Politikern in Deutschland außer vielleicht den Grünen nie und immer Legalisiert werden. Außerdem hat auch 18.06.2019 20:18 Realist 2 vollkommen Recht mit seinem Kommentar.

18.06.2019 20:18 Realist 2

Haha :D Tut mir leid aber das kann man sich, mit dem Blick für die Realität, einfach nicht verkneifen.

Wenn die geistigen U-Boote in der Regierung die Kriminalisierung beenden würden, wären wohl viele viele Leute die tatsächlich Ahnung haben bereit unterstützend tätig zu werden!

An Idiotie ist das Verhalten der Regierung bei weitem nicht zu übertreffen! Statt selbst einen Wirtschaftszweig aufzubauen von dem auch die eigene Bevölkerung profitiert, werden sich eben amerikaische und kanadische Unternehmen ins Land geholt, die natürlich, wie von Apple und Amazon bekannt, keine Steuern zahlen!

Karma schnappt sie alle!!!

18.06.2019 19:28 Klaus Pfister 1

Das Zeug gibts in Ueberfluss in Mexico...!