Reportage Chemnitz – Ein Jahr danach: Die Fakten

Seit dem gewaltsamen Tod von Daniel H. ist in Chemnitz viel passiert, die Bilder von den Aufmärschen der rechten Szene gingen um die Welt. Doch was hat sich in der Stadt seitdem getan – ein Blick auf die Fakten.

Nach dem gewaltsamen Tod von Daniel H. am 26. August 2018 hatte es an den folgenden Tagen massive Aufmärsche der rechten bis rechtsextremistischen Szene in Chemnitz gegeben – 6000 Menschen sind zu einer sogenannten Trauerkundgebung auf die Straße gegangen. Die Bilder der Demonstrationen gingen um die Welt. Die Stadt war im Ausnahmezustand.

Auf der Gegendemonstration kamen am 27. August 2018 etwa 2000 Menschen zusammen. Inzwischen hat sich in Chemnitz der linke Gegenprotest etabliert. Wie auch in anderen Regionen haben sich junge Chemnitzer im letzten Jahr politisiert. Ein Beispiel: Als im Juni 2019 die NPD mit 200 Rechtsextremisten aufmarschierte, waren 3000 Gegendemonstranten da. Es sind vor allem junge Menschen. Dabei ist Chemnitz die älteste Großstadt Deutschlands. Das Durchschnittsalter liegt bei 46,5 Jahren. Zum Vergleich: Leipzig und Dresden liegen bei  42 und 43 Jahren.

Rechte, Rechtsaußen und Rechtsextremisten

Doch die Stadt ist auch noch in einer anderen Statistik führend. Laut einer Schätzung des Verfassungsschutzes gibt es acht bis zehn Rechtsextreme auf 10.000 Einwohner in Chemnitz. In Sachsen liegt dieser Schnitt bei sieben, in ganz Deutschland kommen auf 10.000 Menschen 2,9 Rechtsextreme.

Außerdem hat sich in Chemnitz seit den Aufmärschen der rechten Szene die Zahl der Gewalttaten gegen Ausländer und politische Gegner erhöht. 2017 sind in Chemnitz insgesamt sechs rechtsextreme Gewalttaten verübt worden – 2018 waren es 43. Viele sind in der Zeit der Demonstrationen verübt worden.

Offenbar durch die Demonstrationen im Sommer 2018 ermutigt, organisierte sich die mutmaßliche Terrorgruppe "Revolution Chemnitz". Das Ziel: den demokratischen Rechtsstaat zu stürzen. Nach einer Demo am 14. September lassen mutmaßliche Mitglieder ihrem Hass auf Ausländer Taten folgen. Inzwischen sind die Mitglieder verhaftet worden.

Pro Chemnitz und AfD stärker im Stadtrat

CFC-Fans trauern um Hooligan
Diese Aktion wurde zum Politikum: CFC-Fans gedenken einem verstorbenen Neonazi. Bildrechte: Harry Härtel

Ein anderer Fall wird im März 2019 zum Politikum. Fans des Chemnitzer FC gedenken im Stadion des Vereins dem verstorbenen Neonazi Thomas Haller. Der CFC-Fan und rechtsextreme Hooligan hatte in der Vergangenheit für den Verein als Security-Unternehmer gearbeitet.

Auf politischer Ebene ist in Chemnitz inzwischen Rechtsaußen verstärkt vertreten. Die Gruppierung "Pro Chemnitz" – die sich bei den Demonstrationen profilieren konnte – kommt nach der Kommunalwahl im Mai 2019 auf 8 Prozent und die AfD auf 18 Prozent im Stadtrat. Damit vereinigen sie ein Viertel der Stimmen auf sich. Zuvor hatten diese beiden zusammen zehn Prozent.

Unsicherheitsgefühl in Chemnitz

Hintergrund für diese Entwicklung ist offenbar auch das Klima der Angst in der Stadt mit dem Karl-Marx-Kopf. Laut einer Umfrage aus dem Frühjahr 2018 fühlten sich 44 Prozent der Chemnitzer in der Innenstadt unsicher. Der Stadtrat hatte bereits im Mai 2018 die Errichtung einer Videoüberwachung in der Innenstadt beschlossen. Nach den Ausschreitungen wird im September das Personal des Ordnungsdienstes von 22 auf 35 erhöht.

Die Zahl der Straftaten in Chemnitz ist insgesamt zurückgegangen. 2017 waren es 25.452 im Jahr 2018 sind es knapp 24.000. Das ist eine Abnahme von fast sieben Prozent. In der Polizeistatistik werden fast 30 Prozent aller Tatverdächtigen als "nichtdeutsch" geführt. Laut Statistik liegt die Kriminalitätsrate mit 10,3 Fällen auf 100 Einwohner in Chemnitz deutlich unter den Statistiken von Dresden mit 14,3 und Leipzig mit 13,9 Fällen auf 100 Einwohner.

Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | exakt - die Story | 28. August 2019 | 20:45 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 26. August 2019, 12:19 Uhr