Für 2025 geplant Muss Chemnitz sein Kulturhauptstadtjahr verschieben?

Das EU-Parlament berät derzeit, die Austragung der Europäischen Kulturhauptstädte zeitlich nach hinten zu verschieben. Wegen der anhaltenden Corona-Pandemie konnten das irische Galway und das kroatische Rijeka in diesem Jahr nur einen Bruchteil ihres geplanten Programms bieten. Beide Städte sollen deshalb in die Verlängerung gehen. Das verschiebt den Zeitplan für die nächsten Kulturhauptstädte. Chemnitz hat den Zuschlag für das Jahr 2025. Doch bleibt es zeitlich dabei?

Der Kultursonderzug für die Bewerbung der Stadt Chemnitz zur Kulturhauptstadt Europas 2025 steht auf dem Hauptbahnhof Chemnitz
Werbung für Chemnitz als Kulturhauptstadt Europa 2025 auf einem Sonderzug Bildrechte: dpa

Ferenc Csák setzt alle Karten auf 2025. Dass sich die Austragung des Europäischen Kulturhauptstadtjahrs für Chemnitz womöglich verschieben wird, ist für den Kulturleiter der Stadt unvorstellbar. "Wir hängen an diesem Zeitpunkt", sagt Csák auf Anfrage von MDR AKTUELL. Denn 2025 ist voller gewichtiger Jubiläen: Es wäre 80 Jahre nach Kriegsende, die Deutsche Einheit jährt sich zum 35. Mal und die Idee, dass Europa Kulturhauptstädte kürt, würde 40 Jahre alt. "Auf genau diese Jubiläen haben wir unsere erfolgreiche Bewerbung zugeschnitten. Unser Programm lässt sich nicht beliebig 2026 oder 2027 austragen", erklärt Csák.

Openerhaus von außen
Die Oper in Chemnitz – wichtige Kulturstätte der Stadt Bildrechte: Nasser Hashemi

Wie sich die Austragungen verschieben könnten

Doch bleibt Chemnitz bislang nur die Hoffnung, dass es beim Austragungsjahr 2025 bleibt. Endgültige Gewissheit wird es erst in ein paar Jahren geben. Denn die EU will die Austragungszeiten zeitlich nach hinten verschieben, um den von der Corona-Pandemie gebeutelten Kulturhauptstädten aus der Krise zu helfen. Noch laufen die Beratungen im EU-Parlament über einen entsprechenden Vorschlag der EU-Kommission. Folgender Zeitplan ist vorgesehen:

  • Die diesjährigen Kulturhauptstädte Galway (Irland) und Rijeka (Kroatien) sollen den Titel ausnahmsweise bis April 2021 behalten dürfen.
  • Die Austragung von Novi Sad (Serbien) wird von 2021 auf 2022 verschoben. Kaunas (Litauen) und Esch (Luxemburg) wollen an 2022 festhalten.
  • Veszprém (Ungarn) bleibt 2023 nicht alleinige Kulturhauptstadt Europas. Vielmehr sollen dann auch Timisoara (Rumänien) und Eleusis (Griechenland) ihr Kulturjahr nachholen, das sie eigentlich schon 2021 austragen sollten.
  • Ab 2024 soll nach Vorstellung der EU alles wieder im Zeitplan sein, mit Tartu (Estland), Bad Ischl (Österreich) und Bodø (Norwegen).
  • 2025 soll Chemnitz mit Slowenien den Titel austragen.

Kulturhauptstadt Rijeka wurden Mittel gekürzt

2020 war das Jahr der Absagen, der Beschränkungen, der Schließungen. Wie die gesamte Kulturbranche hat die Pandemie auch die Kulturhauptstädte Europas schwer getroffen. Die Kulturmanagerin des kroatischen "Rijeka2020", Irena Kregar Šegota, klingt nüchtern am Telefon: "Die besten Programme waren die teuersten. Wir mussten sie stark zusammenstreichen." Man kann nur ahnen, wie schwer ihr das gefallen sein muss. Die Regierung in Zagreb und die Stadtverwaltung haben im laufenden Jahr die Mittel für das Kulturjahr um 40 Prozent gekürzt – mit der Begründung, dass man die Gelder jetzt andernorts dringender brauche als für die Kultur.

Das reduzierte Programm wurde in Rijeka fast ausschließlich mit einheimischen Kulturschaffenden bestritten. Hinzu kamen strenge Hygieneregeln, zugelassen war nur ein stark begrenztes Publikum. "Unseren Höhepunkt hatten wir in diesem Sommer mit 400 Ereignissen, bei denen wir 65.000 Besucher zählten." Geträumt hatte die Kulturchefin in der kroatischen Hafenstadt eigentlich von einer Million Besuchern – verteilt auf das gesamte Jahr.

Direktorin des Europäischen Kulturhauptstadtjahres im kroatischen Rijeka, Irena Kregar Segota, mit Helfern.
Die Direktorin des Europäischen Kulturhauptstadtjahres im kroatischen Rijeka, Irena Kregar Šegota, mit Helfern bei einer Veranstaltung im Juli am Strand von Rijeka Bildrechte: rijeka2020

Verlängerung hilft Kulturstädten nur wenig

Dass das kroatische Rijeka mit dem irischen Galway bis Ende April 2021 in die Verlängerung gehen darf, hält Šegota für "ein gutes Vorhaben der EU-Kommission". Doch die Kulturmanagerin weiß, dass ihr die zusätzlichen Wintermonate angesichts der steigenden Infektionszahlen in Europa wenig Besucher bringen werden. Zudem beginnt die Saison in der Kulturbranche "erst so richtig ab Mai". Auch hatte Šegota gehofft, dass es für die Verlängerung auch eine Finanzspritze aus Brüssel geben würde, um das Kulturhauptstadtjahr auch tatsächlich mit Leben zu erfüllen: "Wir hatten schon in diesem Jahr enorme Geldprobleme, die werden im nächsten Jahr nur noch größer werden." Was sie für das kommende Jahr planen will? "Wir werden zumindest etwas Symbolisches veranstalten", sagt die Kulturmanagerin.

Kein zusätzliches Geld aus Brüssel

Bei der Frage nach einer Finanzspritze aus Brüssel, kann Sabine Verheyen nur mit den Schultern zucken. Die CDU-Politikerin aus Aachen sitzt im Kulturausschuss des EU-Parlaments, der Ende Oktober bereits grünes Licht für die Fristverschiebungen gegeben hat. Doch mehr Geld wird es für die Kulturhauptstädte deswegen nicht geben. "Wir haben bewusst die Verlängerung bis auf Ende April begrenzt", sagt Verheyen, "ein Kulturprogramm für ein gesamtes Jahr hätte vermutlich beide Städte komplett finanziell überfordert". Statt Geld aus Brüssel, gibt es von dort eine weitere Entscheidung: Das irische Galway und das kroatische Rijeka sollen auch im kommenden Jahr Europas einzige Kulturhauptstädte bleiben. "Wir wollten bewusst keine Konkurrenzsituation für die beiden Städte schaffen. Sie sollen das Image des Hauptstadtjahrs noch 2021 voll auskosten können", sagt Verheyen.

Sitz des Europäischen Parlaments in Brüssel
Sitz des Europäischen Parlaments in Brüssel Bildrechte: dpa

Not-Programm soll möglichst auch Kultur unterstützen

Dass damit die Geldsorgen nicht vom Tisch sind, weiß Verheyen. Sie hofft auf die Mittel aus dem EU-Wiederaufbauprogramm. Noch wird in Brüssel gerade darum gerungen, wie das 750 Milliarden Euro schwere Hilfspaket ausgegeben werden soll. "Am liebsten würden sich die Mitgliedsstaaten ja überhaupt keine Vorgaben machen lassen", sagt Verheyen. In dieser Woche sendete der Kulturausschuss, in dem die CDU-Frau sitzt, einen Offenen Brief an die eigenen Parlamentskollegen aus dem Wirtschafts- und dem Haushaltsausschuss. In dem kritischen Schreiben heißt es, dass die Mitgliedsstaaten dringend verpflichtet werden müssten, mindestens zwei Prozent der Hilfsgelder in die Kulturbranche zu investieren – alle anderen "Formulierungen seien nutzlos". Bisher werden die Länder im Programm lediglich dazu angehalten, auch den Kultursektor nicht zu vergessen. "Der Kulturbereich braucht dieses Geld dringend für eine Wiederbelebung", mahnt Verheyen. Andernfalls würden auch die künftigen Europäischen Kulturhauptstädte nicht vernünftig funktionieren können.

"Weimar99"-Kulturchef spricht von "Trostpflaster"

Der Kulturmanager Bernd Kauffmann kann über den neuen Zeitplan für die Europäischen Kulturhauptstädte nur den Kopf schütteln. Unter Kauffmanns Federführung war das Kulturprogramm für "Weimar 99" entstanden – er weiß damit, wie aufreibend die Organisation eines solchen Jahresprojekts ist: "Wenn mir jemand jetzt sagen würde, ich kann bis zur Auferstehung an Ostern noch ein bisschen weitermuckeln, dann hätte ich gesagt: 'Was soll das denn werden?'" Das thüringische Weimar hatte 1999 noch ein Alleinstellungsmerkmal. Es durfte den Titel, die Kulturhauptstadt Europas zu sein, ganz allein für sich beanspruchen. Seit dem Jahr 2000 teilen sich zwei oder drei Städte in die Austragung. Auch das macht die geplante Fristverlängerung für die Städte so komplex. "Trostpflaster", nennt Kauffmann den Zeitaufschub, "der Städten wie Rijeka und Galway vermutlich nur wenig helfen wird". Besser hätte er es gefunden, "alle Austragungsorte um ein Jahr zu verschieben, um ein Wirrwarr zu vermeiden". Chemnitz wäre bei dieser Rechnung erst 2026 dran.

Bernd Kauffmann, einstiger Generalbevollmächtigter von Weimar 99
Bernd Kauffmann, einstiger Generalbevollmächtigter von "Weimar 99" Bildrechte: imago images / suedraumfoto

"Lockvogel für ganz Europa"

Auf rund sieben Millionen Besucher kam 1999 die Kulturhauptstadt Weimar – eine Zahl, auf die der einstige Generalbevöllmächtige heute noch mächtig stolz ist. "Sie müssen Lockvogel für ganz Europa sein", sagt Kauffmann. Das sei schon für das "weltbekannte Weimar keine leichte Aufgabe gewesen, angesichts der weltweiten Konkurrenz". Chemnitz wird es im Vergleich dazu "sehr, sehr schwer haben", glaubt Kauffmann. Der heute 75-Jährige erinnert sich noch gut an die Vorbereitungsjahre. Man habe bei viel Kaffee und Wein eine Menge Ideen gehabt und wieder verworfen. "Ein Kritisches an den Nägeln kauen", nennt Kauffmann die Planungen im Rückblick. Sein Team hatte inhaltlich einen Spagat gewagt – zwischen deutscher Klassikerstadt und dunklem Kapitel deutscher Geschichte, den Nazi-Verbrechen im einstigen Konzentrationslager Buchenwald.

Auch Chemnitz werde jetzt vor "gewaltigen Denkaufgaben stehen", meint Kauffmann. Schließlich hatte die sächsische Stadt im Sommer 2018 mit rechtsextremen Ausschreitungen weltweit für Negativschlagzeilen gesorgt. "Dieser Schatten liegt bis heute auf Chemnitz. Die Stadt wird sich eine neue Aura schneidern müssen, die der Welt zeigt, in Chemnitz ändert und bewegt sich was."

Ausstellungsräume im Goethe-Nationalmuseum
Goethes Wohnhaus und Nationalmuseum in Weimar Bildrechte: Klassik Stiftung Weimar

Mehr als vier Jahre für Ideenfindung

Der Chemnitzer Kulturleiter Ferenc Csák weiß, dass ein Kulturhauptstadtjahr keine leichte Aufgabe wird. Schon die Bewerbung hat viel Zeit und Kraft gekostet. Mehr als vier Jahre bleiben, um Ideen zu finden. "Wir wollen Europa ein Beispiel sein, wie man mit Aufbrüchen und Ausbrüchen umgeht", sagt Csák. Am liebsten wäre ihm dabei, dass es bei 2025 bleibt – das Jahr, in dem die Welt auf Chemnitz schaut.

Ferenc Czk, Projektleiter der Kulturhauptstadtbewerbung Chemnitz
Ferenc Czák, Projektleiter der Kulturhauptstadtbewerbung Chemnitz Bildrechte: imago images/HärtelPRESS

Dieses Thema im Programm: MDR AKTUELL FERNSEHEN | 28. Oktober 2020 | 19:30 Uhr

9 Kommentare

MAENNLEiN-VON-DiESER-WELT vor 2 Wochen

Arbeiter-Kultur-be-hauptet-sich-statt-Nürnberg. --- oder so ähnlich !

Nu, genau. Da thut ähm ja dr "Nüschl" weh... ! :-) War das landes-

sprachlich korrekt lautsprachlich deutsch wiedergegeben ? ;-)


" Bier her, Bier her --- oder ick fall um ! " * Bumm. * Bumm. * Sehr schade, dass
ich nicht in der Jury sass. Naja, sowas kommt von sowas. Digital is immer "voll Kagge"... Aber vielleicht wird ja aus nem hässlichen Industrieentlein
irgendwann doch noch ein schöner stolzer Schwan !? ...und Weimar war ja ooooch mal Hauptstadt. Warum also nich - Kallemalle ?!

" Jugend, erwach, erhebe Dich jetzt, die grausame Nacht hat ein End'...! " * träller *

MAENNLEiN-VON-DiESER-WELT vor 2 Wochen

Chemnitz ist - bitte - waaaaas....??? Da fällt mir
nur der alte Oktoberklubsong wieder ein:

" Was machen wir zu Pfingsten, wenn die Wiesenblu-hu-men blüh'n ....???
...wir fahren nach Karl-Marx-Stadt üüüüüüber Autobahn und Schien' !!! "
:-))


Naja, also mal ehrlich.... Hüstel. Räusper. Neuwahlen wären an der Tagesordnung.

Bis 2025 ist aber noch lange hin ! Also, dann mal: " VORWÄRTS
UND NiCHT VERGESSEN, WORiN UNS'RE STÄRKE BESTAND...! "

(( N.2025 ))

Dreissiger vor 2 Wochen

So ein Quatsch, ich kann Dir eine Menge Dreckecken in Leipzig nennen, von den zahlreichen Chaoten ganz abgesehen. Soviel hat Chemnitz lange nicht und das sage ich als geborener Connewitzer.