Nach der Silvesternacht in Connewitz Polizeigewerkschafter Benjamin Jendro: "Polizei darf Gewalt anwenden"

Um die Ausschreitungen in der Silvesternacht in Leipzig ist eine Debatte entbrannt. Benjamin Jendro, von der Gewerkschaft der Polizei Berlin, beurteilt für "Exakt" die Ereignisse anhand von Videodokumenten aus der Nacht.

Julia Cruschwitz und Benjamin Jendro
"Exakt"-Reporterin Julia Cruschwitz und Polizeigewerkschafter Benjamin Jendro haben sich gemeinsam bisher bekanntes Videomaterial aus der Silvesternacht vom Connewitzer Kreuz angeschaut. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

In einer Szene ziehen Polizisten jemanden mit Gewalt heraus? Dürfen sie das?

Benjamin Jendro: Polizei darf Gewalt anwenden und das ist, glaube ich, auch notwendig, wenn jemand nicht kooperiert. Und das haben wir hier sehr deutlich gesehen. Dass da eine Masse von Leuten darum herum steht, die das nicht gut findet, ist klar. Das sieht ja auch martialisch aus. Wenn man jemanden rauszieht und der wehrt sich, dann muss man halt ein bisschen Gewalt anwenden, damit man den mitnehmen kann. Wenn dann eine Masse da steht, beleidigt, Steine und Flaschen schmeißt und dann noch Gefangenbefreiung betreibt (Anm. der Redaktion: Gefangenenbefreiung bedeutet im vorliegenden Fall, dass Personen versucht haben, andere Personen dem erfolgten Zugriff der Polizei wieder zu entziehen.) betreibt, dann ist das schwierig. Da gilt der Eigenschutz der Kollegen. Das mag total brutal aussehen, wenn zehn Leute versuchen, rückwärts zu gehen, um die zwei Kollegen, die einen Tatverdächtigen raustragen, zu schützen. Und wenn die dann die anderen rechts und links weg schieben. Das ist im Sinne von Eigenschutz. Weil man den Super-Gau vermeiden möchte, dass einzelne Polizisten angreifbar sind.

Warum wurden einzelne Personen aus der Masse herausgelöst?

Wir sehen, dass die Kollegen versuchen, einzelne Straftäter zu separieren, aus der Masse zu holen. Man kann davon ausgehen, dass sie das nicht ohne Grund machen, nicht weil ihnen die Nase nicht passt, sondern weil da vorher was passiert ist.

Wurden durch den Polizeieinsatz auch mutmaßlich Unbeteiligte verletzt?

Was wir in dieser unübersichtlichen Lage sehen, ist, dass es einzelne Personen gibt, die schwere Straftaten begehen: Steinwurf, Flaschenwurf. Und viele Leute, die darum herum stehen. Die aber die polizeilichen Maßnahmen behindern, weil sie massiv beleidigen. In Berlin kommt immer der Spruch: „Ganz Berlin hasst die Polizei“. Manchmal haben die Leute, die da darum herum stehen gar nichts mit der Situation zu tun gehabt. Die stehen da quasi „im Weg“. Das passiert dann auch, dass der eine oder andere getroffen wird, der gar nicht beteiligt war an der Situation.

Wenn man dann als Polizist rückwärts oder zur Seite geht, dann kann es passieren, dass man aus Versehen einen trifft, der sich aus dieser Richtung genähert hat. Es muss nicht mal Absicht sein. Und dann ist sofort der Ruf da: Polizeigewalt, der hat mich auf den Boden gestoßen. Aber man hat doch, so leid es mir tut, in unserem Rechtsstaat, einen Polizisten nicht wegzuschubsen oder anzufassen.

Aber wenn ich mich in so einem Bereich aufhalte, selbst vielleicht Flaschen schmeiße, die Polizei bepöbele, dann kann ich mich danach nicht beschweren, wenn ich von einer Flasche getroffen wurde.

Haben Beamte Verletzten, die am Boden liegen, nicht geholfen?

Aber die Frage ist, was wäre denn die Alternative? Die Kollegen gehen zurück, knien sich auf den Boden, behandeln den vielleicht. Da kommt es auch häufig zu Vortäuschungen, zu Fallen. Da muss man aufpassen. Wenn ich mich auf so einen Platz begebe, wo Flaschen und Steine fliegen und mich da nicht entferne, dann muss ich damit rechnen, dass ich mit Verletzungen rausgehe. „Kollateralschaden“ will ich gar nicht sagen. Wenn die Kollegen mitbekommen, dass jemand gefährlich verletzt ist, dann werden sie sich auch um den kümmern. 

Was halten Sie vom Vorwurf, dass die Polizei brutal vorgegangen ist?

Ich kann vollkommen verstehen, dass das für manche Leute brutal wirkt. Das ist Polizeigewalt und die Polizei ist die einzige Behörde, die zu Gewalt legitimiert ist. Das sieht nicht schön aus. Gewalt ist nicht schön. Ich glaube aber, dass man durchaus verstehen kann, wenn man das Verbale hört, fliegende Flaschen, Beleidigungen. Wenn man sieht, dass auf Kollegen eingetreten wird, dass die dann im Einsatz taktisch so vorgehen. Ich habe auf den Videos keinen Kollegen gesehen, der minutenlang auf jemanden einprügelt ohne Grund.

Waren genügend Polizisten im Einsatz?

Wenn ich so eine Lage habe und weiß, da könnt es eskalieren, dann erhöhe ich da den Personaleinsatz. Wenn hier in Leipzig-Connewitz am Anfang 1.000 Polizisten darum herum stehen, dann möchte ich den Extremisten sehen, der da eine Flasche schmeißt.  Wir haben hier ja eher die Situation, dass die Polizei personell nicht gerade überlegen ist und man sich deswegen auch mehr traut. (Anm. der Redaktion: Es waren 250 Polizisten im Einsatz)

Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | Exakt | 15. Januar 2020 | 20:15 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 17. Januar 2020, 14:48 Uhr