Corona-Demonstrationen Messenger Telegram: Gegenöffentlichkeit für Corona-Zweifler

Viele Bürger schütteln nur mit dem Kopf, wenn sie die Bilder von den sogenannten "Hygiene-Demos" sehen, Demonstrationen gegen die vermeintlichen Einschränkungen von Grundrechten während der Corona-Pandemie. Organisiert werden die Demonstrationen unter anderem über den Messengerdienst Telegram. Der entwickelt sich mehr und mehr zu einer wichtigen Gegenöffentlichkeit für Verschwörungstheoretiker und Rechtsextreme.

Auf einem Handy ist die App Telegram geöffnet
Über den Messengerdienst Telegram werden Verschwörungstheorien über die Corona-Pandemie verbreitet. Bildrechte: MEDIEN360G

Eigentlich funktioniert Telegram ganz ähnlich wie der wohl bekannteste Smartphone-Messenger-Dienst „WhatsApp“. Nutzer können mit beiden Diensten sehr einfach Textnachrichten, Bilder und Videos verschicken. Besonders beliebt sind auch Gruppenchats, um sich beispielsweise mit anderen Eltern einer Kitagruppe zu vernetzen. In manchen Ländern wie dem Iran werden solche Telegram-Gruppen aber auch von Regime-Kritikern für eine sichere Kommunikation benutzt. Denn die erlaubte Gruppengröße ist bei Telegram deutlich größer, erklärt Martin Fehrensen vom "Social Media Watchblog".

Bei Whatsapp hat man eine Obergrenze von 256 Menschen, die man in einer Gruppe erreichen kann. Bei Telegram hingegen kann eine Gruppe bis zu 200.000 Mitglieder haben.

Martin Fehrensen Social Media Watchblog

Verschwörungstheorien werden in Telegram-Gruppen verbreitet

Zusätzlich gibt es bei Telegram außerdem noch die Möglichkeit öffentliche Kanäle anzulegen, die Freunde und Fans abonnieren können. In solchen Kanälen und Gruppen hat sich in den letzten Jahren auch in Deutschland eine Art Gegenöffentlichkeit entwickelt. Eine Welt in der besonders die Berichterstattung der etablierten Medien kritisiert wird – und gleichzeitig allerhand Verschwörungstheorien kursieren.

Besonders viel Zulauf haben bei Telegram beispielsweise die ehemalige Tagesschau-Sprecherin Eva Herman, der Sänger Xavier Naidoo, oder der ehemalige RBB-Moderator Ken Jebsen, mit teilweise über Hunderttausend Abonnenten. Aber auch Gruppen von "Corona-Rebellen" finden massenhaft Zulauf. In diesen verschiedenen Kanälen vermischen sich teilweise ältere Verschwörungstheorien von Impfkritikern mit Theorien über eine angeblich "Neue Weltordnung" – kurz NWO, oder gar der jüdischen Weltverschwörung.

Ein besonders beliebtes Feindbild ist aktuell offenbar Bill Gates, beobachtet Daniel Laufer vom Onlineportal Netzpolitik.org: "Irgendwelche Leute könnten zwangsgeimpft werden. Und Bill Gates könnte dann dadurch womöglich einen Chip implantieren und derartige Sachen. Und dementsprechend ist das irgendwie auch eine gerade Linie von einer Entwicklung, die vor einiger Zeit bereits begonnen hat. Lange bevor das Corona-Virus, wie wir es heute kennen, ein Thema war."

Unsicherheit um Corona-Pandemie macht manche anfällig für vermeintlich einfache Antworten

Doch Unsicherheit und die vielen offenen Fragen rund um die Corona-Pandemie machen vielen Menschen Angst - und manche auch anfällig für vermeintlich einfache Antworten und Wahrheiten. Die finden sie dann nicht selten bei Telegram, glaubt Daniel Laufer:

Dann hat vielleicht irgendjemand aus dem Bekanntenkreis einen Link geschickt: Guck Dir das mal an.

Daniel Laufer Netzpolitik.org

"Und dann hat man da halt drauf geklickt. Und schon ist man in einer Gruppe wie bei den Corona-Rebellen. Und das birgt eine echte Gefahr, weil diese Verschwörungserzählungen letztendlich Folgen im echten Leben haben werden".

Telegram-Kommunikation gilt als privat und ist somit schwierig zu regulieren

Eine Regulierung ist allerdings bisher ohnehin schwierig, denn die Kommunikation über Messenger-Dienste gilt quasi als privat. Doch bei Telegram verschwimmen diese Grenzen letztlich, sagt Extremismusforscher Jakob Guhl vom Institute for Strategic Dialogue: "Wenn da bestimmte Influencer 100.000 Follower haben: Ist das wirklich ein privater Raum? Ein Messenger? Das ist sicherlich eine Diskussion, wo man noch mal genauer hinschauen muss."

Soziale Netzwerke wie Facebook werden schließlich mittlerweile reguliert, wenn es beispielsweise um Volksverhetzung oder Rassismus geht. Über den richtigen Umgang mit Messenger-Diensten ist sich die Große Koalition in Berlin dagegen immer noch uneins.

Dieses Thema im Programm: MDR AKTUELL RADIO | 17. Mai 2020 | 05:00 Uhr

39 Kommentare

Peter W. vor 35 Wochen

Nö, die Zahlen sind ähnlich dünn wie bei Pegida - und das läuft auch schon seit 5 Jahren ohne dass etwas Zählbares außer der Radikalisierung herausgekommen wäre. Ich prognostiziere dem Corona-Protest ein ähnliches Schicksal, weil sich die Abläufe und Akteure doch sehr ähneln.

Mehr noch: ich sehr nicht ein, warum schon wieder in den Medien einer so kleinen Gruppe der Bevölkerung so viel Aufmerksamkeit zugedacht wird. Aber Aufmerksamkeit scheint ja die Modedroge der heutigen Zeit zu sein.

Peter W. vor 35 Wochen

"Und zu Demokratie und Meinungsvielfalt gehören unterschiedliche Positionen, gehört Debatte."

Ach deswegen wird ein Herr Kretzschmer auf solchen Demos aufs übelste beschimpft und angeschrien.
Eine vorzügliche Debattenkultur...

Peter W. vor 35 Wochen

Auf dem Höhepunkt der Neuansteckungen Mitte März gab es noch keinerlei belastbare Zahlen über die Sterblichkeit. Man hat keinen Impfstoff, keine Therapie, aber abschreckende Beispiele wie Bergamo, wo wir über ganz andere Zahlen als 3% reden. Ich wette in diesen Tagen wären auch Sie nicht auf die Idee gekommen zu so einer Demo zu gehen. Hinterher ist man immer schlauer, manche ganz besonders.