Der Corona-Jahrgang Wie junge Menschen die Corona-Krise meistern

Sie sind jung, haben Pläne oder wenigstens Karten für das nächste Festival – und auf einmal ist Pandemie und alles anders. Für viele junge Menschen zwischen 14 und 24 Jahren ist diese Corona-Zeit die erste echte Krise in ihrem Leben. Es trifft sie oft an einem Übergang ihres Lebens, in einer wichtigen Phase – zwischen Schulabschluss und Ausbildung, zwischen Reisezeit und Studium. Wie geht es den jungen Menschen mit all dem? Welche Strategien haben sie und wie blicken sie auf die Zukunft?

Mädchen mit Mundschutz wartet in einer Haltestelle
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Junge Menschen in der Krise

Peter von Lampe macht sich Sorgen um sein Abitur. Die schriftlichen Prüfungen hat er schon hinter sich, die Ergebnisse kennt er noch nicht, aber es könnte sein, dass es nicht gereicht hat. "Schule war nicht so mein Ding", sagt von Lampe, und dass er es aber wohl besser geschafft hätte, wenn ihm wegen Corona in Biologie und Geschichte nicht fünf Wochen Unterricht gefehlt hätten. Es sind aber andere Themen, die seinen Gemütszustand derzeit prägen: Dass er und seine Klassenkameraden "sang- und klanglos", wie er es nennt, aus der Schule verabschiedet worden sind, es weder den klassischen letzten Schultag noch einen Abiball gegen hat und dass er jetzt "in Halle gefangen ist", wie er es nennt.

Von Lampe stammt aus Halle, ist 19 Jahre alt, hat vielleicht sein Abi in der Tasche – aber einfach so losfahren, das kann er nicht. Die Festivals, für die er schon Tickets hatte, der Besuch der Cousine in Schottland, die Umweltfahrradtour in Nordrhein-Westfalen, verschiedene Treffen mit seinen Mitstreitern bei "Fridays for Future" – nichts von alledem, was von Lampe vorhatte, wird stattfinden. "Den Sommer nach der Schule, den gibts nur einmal", sagt von Lampe. "Dieses Lebensgefühl werde ich nicht nachholen können."

Generation Z und die erste echte Krisenerfahrung

Die Generation, zu der Peter von Lampe gehört, hat den Namen Generation Z bekommen. Ihr werden unterschiedliche Geburtsjahrgänge zugeschrieben, aber grob kann man sagen, dass sie die Menschen umfasst, die zwischen den Jahren 1997 und 2012 geboren sind. Sie folgt auf die Generation Y (auch Millenials genannt) und ist die erste Generation, die in prägenden Jahren ihres Lebens mit Smartphones aufgewachsen ist.

Die jungen Menschen dieser Generation sind mehrheitlich zu jung, als dass die Finanzkrise in ihrem kollektiven Gedächtnis eine Rolle spielt. Seit sie denken könne, haben diese jungen Deutschen immer nur erlebt, dass es bergauf ging. 2009 war das letzte Jahr, in dem das Bruttoinlandsprodukt in Deutschland gesunken ist. Seither ist die Arbeitslosenquote von acht auf fünf Prozent zurückgegangen, der Wert der deutschen Exporte ist um gut 500 Milliarden Euro gestiegen, die Staatsverschuldung gesunken und die Studienanfängerquote ist von gut 43 Prozent auf 56 Prozent gestiegen. Natürlich gibt es immer auch persönliche Krisen, aber kollektiv gesehen kann man sagen: Im Corona-Jahr 2020 erleben diese jungen Deutschen die erste fundamentale Krise ihres Lebens.

Nach einer langen Pause kehren die Schüler der letzten Klasse aufgrund der Corona-Virus-Krankheit COVID-19 wieder zum Gymnasium zurück
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Peter von Lampe steht für diese Generation und er tut es auch wieder nicht. Denn, so sagt er das selbst: Er mag repräsentativ sein für einen Teil der heute 18, 19 Jahre alten Menschen, aber die Generation ist gespalten. Neben Menschen wie ihm, sagt von Lampe, gebe es viele, denen ein wilder Sommer nach dem Schulabschluss nicht wichtig ist, für die das berufliche Vorankommen im Mittelpunkt steht. "Mein Jahrgang", sagt von Lampe, "ist da ziemlich krass zweigeteilt."

Wer mit Jugendlichen spricht in diesen Corona-Tagen, der findet diejenigen, die vor allem die sozialen Beschränkungen und das "Eingesperrtsein" im Elternhaus umtreibt. Er findet aber auch Menschen wie Carl Schwaten, der zum Sommersemester an der Bergakademie in Freiberg ein Studium in Geophysik und Geoinformatik angefangen hat. Schwaten konnte wegen Corona noch kein einziges Mal real zur Universität gehen. Er fand es anfangs zwar mühsam, sich rein digital mit seinen Kommilitonen zu Partneraufgaben zusammen zu finden, die Online-Vorlesungen liefen zu Beginn auch schleppend. Auf Partys, Treffen von Erstsemestern, so sagt Schwaten das, wäre er aber eh nicht gegangen Er ist heilfroh, sagt er, dass er noch keine Wohnung in Freiberg gefunden hatte und deshalb nun von seinem Elternhaus in Coswig bei Dresden aus digital studieren kann.

Auch Lena Hempel, die gerade ihr Abitur in Weißenfels macht und im September ein berufsbegleitendes Studium bei der Bundespolizei anfängt, kommt gut zurecht mit der Corona-Ausnahmesituation. Sie hat sich gefreut, Zeit zu haben für die Dinge, die sonst zu kurz kommen – aufräumen und ausmisten zum Beispiel. Eigentlich hatte sie vor, den Sommer über in einer Konditorei bei sich im Ort zu arbeiten, vor dem Studium noch etwas Geld zu verdienen. In der Firma  wird sie als Minijobberin aber gerade nicht eingesetzt, damit die festangestellten Mitarbeiter nicht in Kurzarbeit müssen. "Ich werde mir jetzt eine andere Arbeit suchen oder über den Sommer meinen Eltern in deren Modegeschäft helfen", sagt Hempel.

Viele junge Menschen sind erstaunlich verantwortungsbewusst und gelassen

Es mag sein, dass die Generation Z besonders gespalten ist zwischen denen, die sehr diszipliniert, beinahe konservativ sind und denen, die mehr Zeit für Klimaproteste als für den Unterricht aufwenden. Eines aber ist der jungen Generation gemein: Sie sind in der Krise sehr verantwortungsbewusst und erstaunlich gelassen. Das hat auch Andreas Rauhut festgestellt, der die Geschäftsstelle des Kinder- und Jugendrings im Landkreis Leipzig leitet. "Ich habe mich während der strengen Kontaktbeschränkungen gewundert, wie die jungen Menschen das hinbekommen, auf so vieles zu verzichten", sagt er. Es habe kaum jemanden gegeben, der sich nicht an die Regeln gehalten habe, sogenannte Corona-Parties seien vor allem ein Medienthema gewesen.

Junge Studentin sitzt an einem Baum im Freien und lernt.
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Pauline Schützenberger hat im vergangenen Jahr Abitur gemacht und absolviert gerade ein Freiwilliges Soziales Jahr bei Rauhuts Kinder- und Jugendring. Sie muss auf Seminarfahrten verzichten, konnte schon im April nicht wie geplant mit anderen FSJlern nach Brüssel fahren. Darüber, sagt sie, sei sie "ein Stück weit schon traurig", sie wisse aber doch, in welcher privilegierten Situation sie sich befinde. Dass ihr Sommer anders werden wird als geplant, sei eine ganz andere Art von Problem als die tatsächliche existentielle Not mancher Menschen in der Corona-Zeit. Vom Herbst an will Schützenberger soziale Arbeit studieren, "und wenn dann noch oder wieder Kontaktbeschränkungen gelten, dann ist das eben so und ich werde mich wieder daran halten", sagt sie.

Auch Selina Manneck hat im vergangenen Jahr Abitur gemacht, auch sie ist traurig, dass ihr geplanter Work-and-Travel-Aufenthalt im Sommer in Norwegen nicht stattfinden kann. Aber als wütend oder enttäuscht, sagt sie, würde sie sich nicht bezeichnen. Und es gibt etwas, was auch sie niemals tun würde, was sie in der Zeit harter Kontaktbeschränkungen auch nicht getan hat: sich nicht an die Regeln halten, die zur Eindämmung der Pandemie erlassen worden sind. "Ich bin engagiert in der Klimabewegung und da geht es uns viel um Generationengerechtigkeit", sagt Manneck. "Wir verlangen von den Älteren, dass sie für uns die Erde erhalten helfen - und jetzt sind wir auch solidarisch mit ihnen und vermeiden so gut es die Verbreitung des Virus."

Psychologe: Jugendliche sind an Leistungsdruck gewöhnt

Woher kommt das? Diese Diszipliniertheit, diese Kompetenzen im Umgang mit einer Krise? Auch Rainer Pieritz beobachtet, dass gerade junge Menschen besonders verantwortungsbewusst sind – und erstaunlich gelassen. Pieritz ist Diplom-Psychologe und Gründer des Instituts für Konfliktmanagement und Lebensgestaltung in München, er hat sich viel damit beschäftigt, wie es Menschen geht, die zwischen zwei Lebensphasen stecken. "Das kann viel kreatives Potential hervorrufen", sagt er.

Bei jungen Menschen beobachtet er in der Corona-Krise ein "durchaus experimentelles Verhalten", wie er sagt. "Sie sind in der Lage, Pläne umzuwerfen, ohne sich in Wut oder Angst hineinjagen zu lassen." Pieritz glaubt, dass die Anforderungen, etwa in der Schule, für junge Menschen bislang schon so hoch waren, dass sie deutlich mehr Kompetenzen zu Krisenbewältigung erworben haben als Generationen vor ihnen. "Viele kommen mir da allerdings fast schon zu rational vor, vielleicht, weil sie schon lange unter hohem Leistungsdruck stehen", sagt er.

Jugendforscher: Krise für Jugendliche noch nicht greifbar

Simon Schnetzer
Jugendforscher Simon Schnetzer Bildrechte: Pio Mars

Auch der Jugendforscher Simon Schnetzer stellt fest, dass die Generation Z in der aktuellen Krise sehr verantwortungsbewusst ist. "Familie hatte für die jungen Menschen schon immer einen hohen Stellenwert. Um die Älteren vor dem Virus zu schützen, halten sich viele nun auch an die Kontaktbeschränkungen", sagt er. Er glaubt aber nicht, dass die Jugendlichen derzeit so gelassen mit der Krise umgehen, weil sie dafür besondere Kompetenzen erworben haben.

Zwar gebe es viele junge Menschen, die sich selbst gut organisieren können und für die Techniken zum Leben gehören, Mediation und Yoga etwa, um mit Herausforderungen gut umzugehen. Er geht aber davon aus, dass die Gelassenheit einen anderen Hauptgrund hat: "Bei vielen ist die Krise noch nicht durchgeschlagen", sagt er. In manchen Haushalten, etwa bei Jugendlichen, deren Eltern in der Gastronomie arbeiten, sei die existentielle Bedrohung schon jetzt real. "Die, bei denen das nicht so ist, wollen das Ausmaß noch nicht wahrnehmen", sagt er.

Tatsächlich ist die wirtschaftliche Krise für viele Jugendliche noch nicht greifbar – ob und wann sie sie persönlich trifft, ist noch offen. Bei Armin Vollprecht zum Beispiel, der sich bei Porsche in Leipzig zum Industriemechaniker ausbilden lässt und in diesen Tagen, zwei Monate nach seinem Ausbildungsbeginn, das erste Mal überhaupt in der Fabrik arbeiten darf. Bei Alex Wendt, der noch nicht weiß, ob sein Ausbildungsbetrieb, ein Warenhaus der Galeria Karstadt Kaufhof in Erfurt, demnächst noch existiert. 

In Sachsen gilt seit dem 20. April eine Mundschutzpflicht etwa für Geschäfte oder den Nahverkehr. Bild einer Passantin vor dem Leipziger Hauptbahnhof.
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Max Krispin dagegen spürt die Krise jetzt schon deutlich. Er lebt in Leipzig und macht eine Ausbildung zum Veranstaltungstechniker. Er hat seit Wochen fast nichts mehr zu tun, hockt im Lager seiner Firma und versucht, sich gemeinsam mit seinen Azubi-Kollegen über Webseminars selbst fortzubilden. Wie es mit seiner Firma weitergeht, ob es Entlassungen geben wird, gar eine Insolvenz, dass sei noch überhaupt nicht abzusehen, sagt Krispin. "Das ist der Beruf, in dem ich mich Zuhause fühle", sagt er. "Wenn ich jetzt meinen Ausbildungsplatz verliere, fehlt mir jede Qualifikation. Ich kann nicht einfach woanders hin gehen, es geht ja der ganzen Branche schlecht." Von einem auf den anderen Tag, sagt Krispin, habe sich sein Leben umgekrempelt. Nicht nur im Job, auch privat. "Gerade meine Generation braucht die direkte Begegnung." Im Frühjahr sei das noch gegangen, aber der Sommer werde schlimm. "Es ist eben ein ganz anderes Lebensgefühl, wenn man keine Konzerte besuchen und Parties feiern kann", sagt er. "Unterwegs sein, Freunde treffen, auf die Kacke hauen – das ist es, um was es jetzt eigentlich gehen sollte." 

Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | MDR um 4 | 08. Juni 2020 | 17:00 Uhr