Pro und Contra Corona-Krise als Chance für gesellschaftlichen Wandel?

Der Lockdown hat die Welt ausgebremst. Geschlossene Geschäfte oder stillstehende Flieger - einige sehen darin die Chance auf weniger Konsum. Andere wollen mit Druck zurück zum wirtschaftlichen Wachstum: Ein Pro und Contra.

Unendliches wirtschaftliches Wachstum auf einem Planeten mit endlichen Ressourcen – das kann nicht gehen. Davon ist Ökonomin Nina Treu vom "Konzeptwerk Neue Ökonomie" aus Leipzig überzeugt. Sie sieht in den Begrenzungen durch die Corona-Krise eine Chance und die Möglichkeit für einen Weg zu einer entschleunigten Lebensweise mit weniger Konsum.

Ökonomin Nina Treu vom „Konzeptwerk Neue Ökonomie“ aus Leipzig.
Ökonomin Nina Treu vom „Konzeptwerk Neue Ökonomie“ aus Leipzig. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Doch das könne gar nicht funktionieren – zumindest im Osten, denkt Jens Günther. Er leitet 98 Büros des Bundesverbands mittelständische Wirtschaft in den neuen Ländern und findet: Ohne Wirtschaftswachstum geht es nicht, denn sonst funktioniere die Finanzierung nicht – auch gerade die der Corona-Krise.

"Angefangen bei der Klavierlehrerin, die plötzlich nicht mehr unterrichten kann bis hin zur großen Firma", sagt Jens Günther im Schlagabtausch von MDR exakt. Wie sollten die Schulden aus drei oder vier Monaten Umsatzausfall je wieder getilgt werden?

Vermögensabgabe für mehr Pflegekräfte?

"Schulden stehen immer auch Vermögen gegenüber", erwidert Nina Treu. In Deutschland besäßen ein Prozent der reichsten Menschen so viel wie 90 Prozent der Bevölkerung. Durch eine Vermögensabgabe oder einen Schuldenschnitt könnte ein sozial-ökologischer Umbau gut finanziert werden und so etwa Bereiche ausgebaut werden, in denen Arbeitskräfte fehlen.

Die Krise hat gezeigt: Wir haben zu wenig Pflegekräfte.

Nina Treu Konzeptwerk Neue Ökonomie
Jens Günther leitet 98 Büros des Bundesverbands mittelständische Wirtschaft in den neuen Ländern.
Jens Günther leitet 98 Büros des Bundesverbands mittelständische Wirtschaft in den neuen Ländern. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

"Es ist ein spannender Traum", sagt Jens Günther. Doch im MDR-Gebiet gebe es nicht solch hohe Kapitalrücklagen wie in Baden-Württemberg oder Bayern. "Wenn ich dann nicht zulasse, dass es weiteres Wachstum gibt, dann mache ich mir Sorgen, wie der Schuldenabbau bezahlt werden soll." Doch darin sieht Nina Treu einen großen Widerspruch: Wie soll ewiges Wachstum auf einem endlichen Planeten möglich sein?

Hartmut Rosa 2 min
Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Auf was kann (nicht) verzichtet werden?

Deshalb wäre aus ihrer Sicht persönlicher Verzicht eine Möglichkeit: "Ein deutscher Haushalt hatte um 1900 etwa 400 Dinge besessen. Jetzt haben wir alle über 10.000 Dinge in unseren Haushalten", sagt die Ökonomin. "Hätten wir weniger Güter, hätten wir viel mehr Zeit uns mit diesen zu beschäftigen."

Doch da widerspricht Unternehmensberater Jens Günther deutlich: „Dass mit den wenigen Gütern hatten wir alles schon gehabt. Das kenne ich noch aus DDR-Zeiten.“ Die viele Zeit hätte man damals dann damit verbracht, um tagelang nach einer Lichtmaschine für den Trabant zu suchen. Nur damit dieser wieder fährt.

Mit wenigen Gütern funktioniert es nicht.

Jens Günther Unternehmer

Günther: Kein Zurück zu DDR-Verhältnissen

Doch es gehe auch um den persönlichen Verzicht auf nicht notwendige Gegenstände. "Ich habe kein Auto. Ich fliege nicht. Ich ernähre mich vegetarisch und meine Kleidung ist meist second Hand", erklärt Nina Treu. Für ihr persönliches Glück sei es nicht wichtig, ob sie 15 oder fünf Pullis im Schrank habe.

Da stimmt ihr der Geschäftsführer dreier Firmen zu: "Ich brauche zwei Anzüge. Das reicht. Aber ich will mobil sein und das ausleben, was ich zu DDR-Zeiten vermisst habe", sagt Jens Günther. Denn es sei damals totale Freiheitsberaubung gewesen, dass man nicht mit dem Schiff auf der Ostsee fahren oder mit dem Flugzeug irgendwo hin fliegen konnte. "Das ist eine privilegierte Perspektive, dass Freiheit etwas mit Mobilität zu tun habe", erwidert Nina Treu. Denn die meisten Menschen hätten diese Möglichkeit gar nicht.

Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | exakt | 03. Juni 2020 | 20:15 Uhr

33 Kommentare

ElBuffo vor 3 Wochen

Jeder, der einen Firmenwagen privat nutzen darf, ist eben so einer. Und natürlich mag da jeder bei seinem Brötchengeber um mehr Geld bitten. Wird der zu 99% auch tun, denn der spart sich dann ja die entsprechenden Ausgaben für diese Firmenwagen. Denen ist das also Bockwurst. Und es wird dann auch Leute geben, die sich dann überlegen, ob sie dieses Geld dann in gleichem Maße fürs Autofahren ausgeben oder eben für etwas anderes. Schlicht weil es ihre freie Entscheidung ist.
Davon abgesehen, wird es für jede Subvention jemanden geben, der unbedingt dafür. Sie ist aber nunmal ein Fehlanreiz. Manchem mag das gar nicht mehr bewusst sein. Aber nur weil man es schon ewig so macht, muss man es ja nicht weiter falsch machen.
Mit dem Abbau solcher Fehlanreize wird dann auch ein Umdenken einsetzen. Ist doch ganz klar, dass meine persönliche Entscheidung ganz anders aussieht, wenn ich deren Kosten Dritten aufbürden kann, anstatt sie selbst zu tragen.

frank d vor 3 Wochen

Ich hätte auch eine Idee für einen gesellschaftlichen Wandel. Alle die sich bisher nur engagiert haben, dass aber Hauptamtlich all die neuen Ökonominnen und NGOs die Wender und wandler die Prediger und Freitags blau macher.
Warum übernehmt ihr das nicht mal mit der Wertschöpfung? und die bisher Wertschöpfend tätigen schöpfen bei ihnen mal den Wert ab, der da hinten am ende rauskommt. Wobei ich Zweifel habe ob die neue Ökonomin soviel von Ökonomie versteht, dass sie in freier Wildbahn davon leben könnte. rein praktisch gesehen schon bemerkenswert.
Sapere Aude

frank d vor 3 Wochen

Zusammengefasst sollten die beschäftigten des Einzelhandels, Tourismus, Gastronomie, als Altenpfleger anheuern und das Geld was normalerweise
alle für die dortigen Dienstleistungen verkonsumiert hätten in ihrer Freizeit Abends in der Kneipe, im Urlaub oder auch beim Shopping, im Cafè
Das wollen sie umverteilen und den dann viel mehr Altenpflegern ein bischen mehr Geld zu geben? Ich hab das mal etwas näher an der Realität formuliert.
Der Neuen Ökonomin schwebt vor den schon hohen Staatsanteil drastisch zu erhöhen um die Möglichkeit des Konsums einzuschränken.
Die neue Ökonomin ist noch so jung das der Sozialismus etwas neues für sie ist.
In der Realität hat sie diese tollen Ideen nicht erlebt.
Sapere Aude