Corona-Pandemie Operationen: Folgt nun die große Welle aufgestauter Fälle?

Viele geplante Operationen sind verschobenen worden, um eine Überlastungen der Kliniken durch zahlreiche zusätzliche Patienten durch Covid-19 zu verhindern. Doch inzwischen stehen viele Intensivbetten leer. Experten befürchten, dass nun eine Überlastung der Krankenhäuser droht – auch durch die verschobenen Fälle.

Herz-, Hüft- oder Knie-OP´s – seit dem Lockdown sind viele Operationen aufgeschoben worden, um die Kapazitäten der Krankenhäuser vor einer möglichen Überlastung durch Covid-19-Patienten zu schützen. Doch Tausende Betten auf den Intensivstationen bleiben nun leer. Mit der Lockerung der Maßnahmen öffnen sich auch die Kliniken wieder mehr für Patienten. Experten befürchten, dass nun eine Welle aufgestauter Fälle zu einer Überlastungen führt.

In Deutschland gibt es rund 33.000 Intensivbetten: Davon sind aktuell 2000 mit Patienten belegt, die mit dem Coronavirus infiziert sind. 18.000 Patienten haben andere Krankheiten und 13.000 Betten sind frei. Theoretisch könnten also weitere Operationen stattfinden.

Bis Mitte Mai nur lebensnotwendige Operationen

"Ich verstehe, dass die Operation durch das Coronavirus verschoben wurde", sagt Liselotte Rietdorf. Die Knie-Operation der Seniorin hätte am 8. Mai stattfinden sollen. Doch nun warte sie eben jeden Tag. Denn die Arthrose im linken Knie werde immer schlimmer. Gegen die heftigen Schmerzen muss sie starke Medikamente nehmen. Nur so halte sie es aus.

Eine Seniorin sitzt an einem Wohnzimmertisch
Verschobene OP: Bei Liselotte Rietdorf wird die Arthrose im linken Knie immer schlimmer. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Die 80-Jährige soll im Leipziger Park-Klinikum operiert werden. Doch bis Mitte Mai dürfen dort – und in allen anderen Kliniken – aufgrund der Corona-Problematik nur lebensnotwendige Operationen durchgeführt werden. "Wir haben allein 300 Patienten auf der Orthopädie abgesagt", sagt der Direktor des Orthopädisch-Traumatologisches Zentrum Park-Klinikum, Géza Pap.

Besonders paradox: Mehrere Kliniken in Deutschland haben mitten in der Corona-Krise Kurzarbeit für Ärzte und Pflegepersonal angemeldet. Viele Kliniken argumentierten mit ökonomischen Zwängen. In den Häusern sei der Leerstand angesichts abgesagter Operationen enorm - und dies könne wiederum zu finanziellen Schwierigkeiten führen.

Nun herrscht Leere in der Leipziger Station, obwohl ausreichend Patienten da wären. Theoretisch könnten weitere Operationen stattfinden. Doch "man muss hier priorisieren", sagt Géza Pap. Zudem könne auch die Nachbehandlung nicht immer so durchgeführt werden, wie in normalen Zeiten.

Benötigen Kliniken zusätzliches Personal?

Eine OP schwächt Patienten. Gerade ältere Menschen wie Liselotte Rietdorf wären danach anfälliger für Infektionskrankheiten wie Covid-19. Die Situation für die Patienten ändert sich gerade. Kliniken öffnen Schritt für Schritt wieder.

Doch statt Covid-19 folgt nun wohl eine große Patienten-Welle aufgestauter Altfälle folgen. "Das Problem könnte sein, dass wir kurzfristig ein Kapazitätsproblem haben", sagt der Klinikdirektor der Viszeral-, Thorax- und Gefäßchirurgie am Universitätsklinikum Dresden, Jürgen Weitz. Um diese große Welle abfangen zu können, bräuchten "wir möglicherweise Personal- oder Materialunterstützung".

Wegen Corona: Sind Patienten nicht zum Arzt gegangen?

Denn es müssten nicht nur verschobene OPs nachgeholt werden. Professor Weitz rechnet auch mit Patienten, die wegen Corona nicht zum Arzt gegangen und deren Krankheiten deshalb unentdeckt geblieben sind: "Krebspatienten haben ja eine Erkrankung, die das Leben bedroht. Das heißt, diese Patienten müssen behandelt werden". Er befürchtet, dass einige Patienten aufgrund der Corona-Pandemie gar nicht zum Arzt gegangen sind. "Dann werden wir in einigen Wochen bis Monaten Patienten mit Krebserkrankungen sehen, die viel weiter fortgeschrittenen Krebs haben. Und das wird uns Menschenleben kosten."

Ganz so dramatisch ist es bei Rentnerin Liselotte Rietdorf nicht, doch ihr Leben ist mit den Schmerzen stark eingeschränkt. Mittlerweile braucht sie mehr Unterstützung von ihrem Mann vor allem beim Einkaufen und im Haushalt. "Also wenn ich alleine wäre, wäre es sicher sehr hart mit den Schmerzen zu leben", sagt die Seniorin. Sie verspricht sich viel von der Operation und hofft dann auch wieder mehr mit dem Fahrrad fahren zu können. "Ich wäre froh, wenn die Operation schon morgen wäre."

 

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Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | exakt | 06. Mai 2020 | 20:15 Uhr