Gemeinschaftsunterkunft Corona-Risiko in Flüchtlingsunterkünften?

Zu voll, zu schmutzig, zu wenig Putzmittel. Das beklagen Bewohner von Flüchtlingsunterkünften. Die Abstandsregeln könnten kaum eingehalten werden. Doch was passiert mit den Risikogruppen in den Gemeinschaftsunterkünften?

Flüchtlinge 7 min
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Exakt Mi 13.05.2020 20:15Uhr 06:47 min

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In den vielen Unterkünften für Geflüchtete können die Abstandsregeln zum Schutz vor dem hochansteckenden Coronavirus kaum eingehalten werden. Bewohner berichten, es sei voll, manchmal  schmutzig und es fehle an Putzmitteln. Die Situation ist für die Betroffenen schwer genug: Doch was passiert, wenn ein Bewohner zur Risikogruppe gehört, also die Gefahr besteht, dass eine Covid-19-Erkrankung einen schweren Verlauf nimmt?

"Normalerweise gebe ich meiner Tochter nur Medikamente, wenn sie die Grippe hat", berichtet Frau Al-Khazali. Doch derzeit husten zwei ihrer Kinder in der Nacht. "Deswegen gebe ich ihr jeden Tag welche", sagt die Frau.

Geflüchtete: Unterkunft ist nicht bewohnbar

Die Familie lebt seit rund sechs Monaten in einer Dresdner Erstaufnahme-Einrichtung – zusammen mit 200 weiteren Menschen. In den großen Zelten sind die Räume nur durch Trennwände aufgeteilt und nach oben offen. "Wenn jemand hustet oder niest, fliegt alles durch die Luft", sagt Al-Khazali. Sie rieche die ganze Zeit Staub. "Dieses Lager ist nicht bewohnbar." Seit Januar will die Familie ausziehen. Einen Antrag haben sie gestellt, doch bisher dürfen sie die Massenunterkunft nicht verlassen.

In solchen Einrichtungen leben in Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen etwa 3.000 Menschen. Im thüringischen Suhl und in Halberstadt in Sachsen-Anhalt hatte es mehrere positive Corona-Tests gegeben. Weil Menschen hier auf engstem Raum zusammen leben, reagierten die Behörden sofort: Die Anlagen wurden unter Quarantäne gestellt und es wird intensiv getestet. In beiden Einrichtungen kam es zu Unruhen. Die Polizei musste eingreifen und holte einzelne Geflüchtete aus den Unterkünften.

Mangel an Seife und Reinigungsmittel?

Doch wie sieht der Alltag in einer Gemeinschaftsunterkunft für Geflüchtete aus? "Das Badezimmer ist immer verschmutzt. Der Müll ist immer voll. Es gibt keine Hygienekontrolle", berichtet Maissa Al-Khaleli. Sie wohnt in Schneeberg, in einer der größeren Einrichtungen Sachsens. Während Reporter von MDR exakt das Interview mit ihr führen, kommen immer mehr Bewohner aus den Häusern, in denen knapp 200 Menschen leben.

Maissa Al-Khaleli wohnt in Gemeinschaftsunterkunft in Schneeberg
"Das Badezimmer ist immer verschmutzt", sagt Maissa Al-Khaleli. Bildrechte: MDR exakt

"Sie zeichneten Linien auf, damit wir ein bis zwei Meter Abstand halten", erzählt Mohammed Al-Saadi. Doch daran könnten sie sich gar nicht halten. Denn 500 Personen hätten nur eine Stunde Zeit, um zu essen. "Es ist jedes Mal ein große Gedränge und Schubsen."

Hussein Jamil sagt, er habe selbst zu Schrubber und Eimer greifen wollen, doch es fehlte das Putzmittel: "Ich habe ihnen gesagt, ich brauche doch nur ein Reinigungsmittel. Die Mitarbeiter hier haben gesagt: 'Es gibt kein Geld dafür'." Sogar an Klopapier fehle es.

Die für die Aufsicht zuständige Landesdirektion Sachsen widerspricht. Auf Anfrage heißt es schriftlich: "Einen Mangel an Seife, Wasch- und Reinigungsmitteln sowie Toilettenpapier gibt es nicht. [...] Für die Reinigung der jeweiligen Zimmer durch die Bewohner steht je Haus ganztägig ein Raum mit Putzutensilien und Reinigungsmitteln zu Verfügung."

Unterschiedliche Auffassungen von Gericht und Aufsichtsbehörde

Doch beim sächsischen Flüchtlingsrat ist man skeptisch. Angela Müller sagt, ihr sei bereits aus mehreren Einrichtungen berichtet worden, dass Reinigungsmittel fehlten. Auch gebe es "nicht ausreichend Seife oder Desinfektionsmittel." Es scheitere also stellenweise schon an den alltäglichen Dingen.

Angela Müller vom Sächsischen Flüchtlingsrat.
Angela Müller vom Sächsischen Flüchtlingsrat ist skeptisch, ob in den Unterkünften immer ausreichend Reinigungsmittel vorhanden sind. Bildrechte: MDR exakt

Doch wie ist es, wenn ein schwerwiegendes Problem vorliegt? Die Mutter und Kinder der Familie Al-Khazali aus Dresden haben schweres Asthma, erzählen sie MDR exakt. Die Behörden haben ihrem im Januar gestellten Antrag auf Umzug bislang nicht zugestimmt. "Seitdem warten wir", sagt Vater Al-Khazali. Er will ebenso wie die Mutter nicht erkannt werden, da sie Angst vor einer Verfolgung in ihrer Heimat Irak haben. "Dann kam Corona und es hat alles gestoppt. Es gibt keine Umzüge mehr und wir sollen weiter im Camp leben."

Bislang durften in Sachsen in vier Fällen Geflüchtete aus den Massenunterkünften ausziehen, nachdem sie gegen die Unterbringung geklagt hatten. Familie Al-Khazali hat nicht geklagt. In den vier Fällen haben die Gerichte festgestellt: Gilt eine Person als besonders anfällig für das Virus, darf sie die Unterkunft sofort verlassen.

Auf exakt-Nachfrage schreibt die Landesdirektion dazu: "Für die Asylsuchenden besteht eine generelle, gesetzliche Pflicht in der Aufnahmeeinrichtung zu wohnen. Diese Pflicht ist auch im Falle einer Pandemie nicht aufgehoben, auch nicht für besonders vulnerable Gruppen."

 

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Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | exakt | 13. Mai 2020 | 20:15 Uhr