Coviv-19-Erkrankung Gibt es zu wenige Corona-Tests?

Das Robert-Koch-Institut musste Anfang Mai zurückrudern: Es wurden weitaus weniger Menschen auf das Coronavirus getestet, als zuvor bekannt gegeben. Doch wer wird eigentlich getestet und warum?

Proben für Corona-Tests werden im Diagnosticum-Labor in Plauen für die weitere Untersuchung vorbereitet.
Bis zu 970.000 Tests könnten in Deutschland pro Woche durchgeführt werden, sagen die Labore. Bildrechte: dpa

Bei einem begründeten Verdacht auf eine Covid-19-Erkrankung empfiehlt das Robert-Koch-Institut auch Proben aus den tiefen Atemwegen zu nehmen. Das ist keine angenehme Form des Tests auf das gefährliche Coronavirus. Doch es geht auch etwas leichter: "Und jetzt kräftig gurgeln", sagt eine Ärztin in der Corona-Ambulanz des Klinikum Sankt Georg in Leipzig zu einem Rentner.

"Wenn da ein positiver Virusnachweis sein sollte, kriegen Sie vom Gesundheitsamt eine Information innerhalb von drei bis vier Tagen", sagt Ärztin Sabeth Mittag. Der ältere Herr hat Bedenken, weil seine Frau bei einem stationären Krankenhausaufenthalt Kontakt zu einer positiv getesteten Person hatte. Er will sicher gehen, dass er das Virus nicht in sich trägt. Zudem sei er durch eine frühere Krebserkrankung ein Risikopatient.

Tests kosten bislang mehrere Hundert Millionen Euro

Sabeth Mittag arbeitet seit einem Monat in der Ambulanz. Für den Test gibt es klare Kriterien: An erster Stelle stehen weiterhin die Corona-Krankheitssymptome und ein Kontakt mit einem positiv Getesteten. Aber "gerade bei Patienten mit Vorerkrankungen, mit Multimorbidität und mit entsprechendem Alter, da drücken wir auch mal ein Auge zu." Sie finde es auch wichtig, dass viele Tests durchgeführt werden. "Weil es gibt ja auch Träger, die asymptomatisch sind."

Zu Beginn der Krise wurden in Sachsen 500 Tests pro Tag durchgeführt – inzwischen sind es täglich 10.000. Bislang hat es deutschlandweit rund 2,4 Millionen Larbortests gegeben, wie das Robert-Koch-Institut Anfang Mai mitgeteilt hat. Einige Labore berechnen pro Test um die 150 Euro. Grob überschlagen liegen die Kosten dafür bei mehreren Hundert Millionen Euro – doch wer diese tragen wird, ist umstritten.

Test-Kapazitäten bislang nicht voll ausgelastet

Das könnte ein Grund sein, warum die inzwischen vorhandenen  Kapazitäten von bis zu 970.000 Tests pro Woche – laut den Laboren – in Deutschland nicht ausgenutzt werden. Tatsächlich gab es in der 18. Kalenderwoche nur knapp 317.000 Tests.

St. Georg Klinikum Corona-Test - zwei Menschen stehen vor einem Computer
Der Chefarzt der Labormedizin im Klinikum Sankt Georg: Stephan Borte (links). Bildrechte: MDR/Lars Tuncay

Anfang März – als die Tests begannen – haben sich auf dem Gelände des Georg-Klinikums noch lange Schlangen gebildet, wie sich der Chefarzt der Labormedizin, Stephan Borte, erinnert. Einige Patienten mussten nach Hause geschickt werden: Damals "war nicht ganz klar, wo kommen die Überträger tatsächlich her." Inzwischen wisse man, dass ein Großteil der Übertragungen in Sachsen durch Rückkehrer aus Skigebieten stattgefunden habe. "Das waren in den ersten Wochen 80 Prozent der Fälle."

Anfangs war jeder zehnte Getestete positiv, heute sind es unter fünf Prozent. Ein klares Zeichen, dass die Maßnahmen wirken. Die Rückkehr aus einem Risikogebiet war damals ein klares Kriterium für einen Test. Inzwischen ist das nicht mehr der Fall. Die Test richten sich mittlerweile an spezifischere Bevölkerungsgruppen.

Bislang kaum präventive Tests

Ein Beispiel: Das Corona-Drive-In– eine Ergänzung zu den auch in Dresden bestehenden Ambulanzen. Dort gilt: Getestet wird nur das Personal aus der so genannten kritischen Infrastruktur.

"Das ist jetzt Personal aus Pflegeheimen, Krankenhäusern oder auch der Feuerwehr", erklärt Björn Petrick von der Feuerwehr. Die betreibt zusammen mit dem Deutschen Roten Kreuz das Drive-In. Bei den Tests handele es sich um Verdachtsfälle aber noch keine präventiven Tests. Deshalb sei die Anzahl noch recht gering. Pro Tag können hier derzeit 200 Menschen auf das Coronavirus geprüft werden. Bis zu 1000 wären möglich, sagt Petrick.

Auch am Klinikum Sankt Georg in Leipzig wird nach dem ersten Ansturm gezielter vorgegangen. Nach neuestem Beschluss soll das komplette Personal, das direkten Kontakt mit Patienten hat, getestet werden.

Wir versuchen, das Restrisiko dadurch zu minimieren, dass wir konsequent in den systemkritischen Bereichen des Krankenhauses die Mitarbeiter testen.

Stephan Borte Chefarzt der Labormedizin am Klinikum Sankt Georg

Gezielte Tests im Gesundheitswesen und bei Risikogruppen nehmen bundesweit zu.  Die Stadt Halle hat angekündigt, alle Altenpflegeeinrichtungen durch zu testen. Sachsen testet solche Institutionen, sobald ein positiver Fall auftritt. Doch viele Städte und Landkreise machen noch gar nichts. Der föderale Flickenteppich fördert Ungleichheiten.

Zu wenige Daten über Ausbreitung des Coronavirus

"Es ist nicht das einzige Problem", kritisiert Statistikerin Katharina Schüller. Aus Sicht der Datenwisssenschafts-Expertin hätte schon lange prophylaktisch getestet werden sollen. Sie fordert seit Mitte März repräsentative Tests, um mehr über die Ausbreitung und den Verlauf von Corona zu erfahren.

Anfangs lehnte das maßgebliche Robert-Koch-Institut entsprechende Tests als nicht zielführend ab. Das hat sich inzwischen geändert, doch passiert ist insgesamt zu wenig: "Das Robert-Koch-Institut  plant nach derzeitigen Wissenstand inzwischen eine repräsentative Erhebung auch mit dem Sozio-ökonomischen Panel."

Das Sozio-oekonomische Panel ist die größte und am längsten laufende multidisziplinäre Langzeitstudie in Deutschland. "Ich finde das ziemlich erschreckend, dass es dass noch nicht gibt", ergänzt Schüller. Es gebe lokale Studien, aber "bundesweit haben wir nichts und gleichzeitig reden wir darüber, dass wir regional unterschiedliche Maßnahmen und Lockerungen treffen wollen. Dafür haben wir keine Daten."

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Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | exakt | 06. Mai 2020 | 20:15 Uhr