Triage-Debatte "Zwischen einem 90- und einem 5-Jährigen darf nicht der Zufall entscheiden"

Die Strafrechtlerin Elisa Hoven vertritt in der Debatte um die sogenannte Triage-Entscheidung den Standpunkt, dass auch das Kritierium der Lebenserwartung eine Rolle bei der Auswahl des Patienten spielen sollte.

Strafrechtlerin Elisa Hoven
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Frage: Eine Triage-Entscheidung darüber, wer eine lebensrettende Behandlung bekommen soll und wer nicht, ist zwangsläufig tragisch. Der Deutsche Ethikrat sagt, jedes Leben ist gleich viel wert, die Möglichkeiten der Differenzierung daher sehr begrenzt. Wie stehen Sie zu dieser Aussage?

Strafrechtlerin Elisa Hoven: "Wir stehen hier vor einer unheimlich schwierigen Entscheidung, rechtlich und ethisch. Wie soll ein Arzt handeln, wenn er nur einen von mehreren Patienten retten kann? Das viel zitierte Prinzip 'Jedes Leben ist gleich viel wert' wird der Komplexität dieser Situation nicht gerecht. Schließlich geht es nicht darum, dass wir anlasslos das Leben von Menschen bewerten. Der Arzt befindet sich hier in einer Notsituation, in der er zwischen dem Leben von zwei Menschen entscheiden muss – denn egal wie er wählt, ein Mensch wird sterben. Die zentrale Frage ist also: Soll es auf Zufälle ankommen – zum Beispiel welcher Patient zuerst eingeliefert wird – oder gibt es nicht doch Kriterien, die zu gerechteren Lösungen führen."

Sie haben in der Frankfurter Allgemeine einen Meinungsbeitrag veröffentlicht. Überschrift: "Auch auf das Alter kommt es an." Es sei nicht egal, ob ein 90-Jähriger stirbt, oder eine 19-Jährige. Nach Ansicht des Ethikrates sowie der Fachgesellschaften sollte das Alter per se dagegen keine Rolle spielen, vielmehr die klinische Prognose ausschlaggebend sein.  Wie sehen Sie das? 

"Eine maßgebliche Rolle spielt der voraussichtliche Behandlungserfolg – das ist selbstverständlich, ein Gebot der Vernunft. In meinen Augen sollte aber ein weiteres Kriterium die Lebenserwartung des Patienten sein. Mit Blick auf das eigene Leben würde wohl niemand meinen, dass die Aussicht auf einige Monate und auf viele Jahre weiterer Lebenszeit gleichwertig sind. Das menschliche Leben ist nun einmal endlich und hat damit immer auch eine quantitative Komponente. Kaum jemand würde behaupten, dass der Tod eines alten Menschen nach einem erfüllten Leben ebenso tragisch ist wie der eines jungen, der all das noch vor sich hat. Lassen Sie es mich zuspitzen: Ich hielte es für grob ungerecht, zwischen einem 90-jährigen Mann und einem 5-jährigen Jungen den Zufall entscheiden zu lassen."

Das ist aber tatsächlich sehr zugespitzt. Eine solche Variante ist im Zusammenhang mit Covid-19 so eher nicht zu erwarten.

"Ja, aber diese Überspitzung zeigt, dass das Prinzip, das der Ethikrat hier aufstellt, in seiner Absolutheit nicht gelten kann. Jeder Regel, die für sich in Anspruch nimmt, absolut zu gelten, sollte man mit Skepsis begegnen. Denn jedes unbedingte Dogma kommt, so hat es Reinhard Merkel vom Ethikrat einmal sehr treffend formuliert, an 'Grenzen seiner Plausibilität', so dass 'seine weitere Verteidigung dann ins Abwegige, ja moralisch Verwerfliche umschlagen kann'. Das starre Festhalten an einem Prinzip hat natürlich den Reiz des Schlichten. Man hat sehr einfache Lösungen und muss keine komplexen Folgefragen beantworten – zum Beispiel, ab welcher Differenz in der Lebenserwartung die Bevorzugung eines Patienten richtig ist. Aber diese Schlichtheit geht zu Lasten der Gerechtigkeit."

Normalerweise wird die Prognose des Fünfjährigen schon qua Alter beziehungsweise Gesundheit besser sein, als die des 90-Jährigen. Aber Ihre Erwägungen gelten auch in weniger drastischen Fällen?

"Ja. Wenn man sich den Fall vorstellt, dass man in einem Krankenhaus acht Beatmungsgeräte hat, und bereits acht Patienten angeschlossen sind, darunter auch Patienten im Alter zwischen 75 und 85 Jahren, ohne relevante Vorerkrankungen. Also keine Vorerkrankungen, die die Prognose beeinflussen, mit guten Behandlungsaussichten. Und nun wird eine 30-jährige junge Mutter eingeliefert. Ich bin der Ansicht, dass der Arzt hier die Entscheidung treffen darf, die Behandlung eines der älteren Patienten zu beenden, um die junge Mutter zu retten. Denn natürlich spielt die Lebenserwartung eine Rolle: Die junge Mutter hat ihr Leben noch vor sich, hat noch viele Jahre zu leben – deswegen ist es legitim, wenn der Arzt diese Entscheidung trifft und ihr Leben rettet!"

In Ihrem Beispiel waren alle Beatmungsplätze belegt, als die Patientin kam. Der Deutsche Ethikrat hat diesen Fall von vornherein als – in dieser tragischen Entscheidungssituation – schwierigeren Fall dargestellt: die "Ex post-Konkurrenz", wie er sagte, im Unterschied zur "Ex ante-Konkurrenz", bei der mehrere Patienten um ein freies Beatmungsgerät konkurrieren. Welchen Unterschied würde dies in Ihrem Beispiel machen, wenn das Gerät frei wäre, aber dieselben Patienten konkurrieren darum?

"Wenn das Gerät noch frei ist, hat der Arzt nach derzeitiger Rechtslage juristisch nichts zu befürchten – egal wie er sich entscheidet. Wenn der Gesetzgeber hier keine Vorgaben macht – wogegen sollte der Arzt dann verstoßen?

Die 'Ex post-Konkurrenz', bei der alle Beatmungsgeräte besetzt sind und ein Mensch von der Beatmung entfernt werden muss, damit ein anderer gerettet werden kann, soll hingegen nach Ansicht des Ethikrates grundlegend anders zu bewerten sein. Der Arzt dürfe hier nicht mehr eingreifen und das Beatmungsgerät einem anderen zur Verfügung stellen.

Ich halte den Unterschied zwischen den beiden Konstellationen nicht für zwingend. Denn letztlich ist der Arzt allen seinen Patienten gegenüber verantwortlich. Er ist den Patienten, die bereits an den Geräten angeschlossen sind, nicht mehr oder weniger verantwortlich als dem Patienten, der später eingeliefert wird. Der Arzt steht damit vor genau derselben ethischen Konfliktsituation: Wer nicht ans Beatmungsgerät kann, wird sterben. Es kann dann nicht auf Zufälligkeiten ankommen, also ob ein Patient kurze Zeit vorher eingeliefert und schon an ein Beatmungsgerät angeschlossen wurde."

Glauben Sie, dass der Arzt, der einen Patienten von der Beatmung nimmt, um einen anderen anzuschließen, das Risiko hat, rechtlich belangt zu werden?

"Ich bin der Ansicht, dass sich der Arzt in diesem Fall nicht strafbar gemacht hat. Letzte Gewissheit gibt es hier aber nicht, denn ein solcher Fall wurde bislang nicht von den Gerichten entschieden. Es gibt nicht wenige Juristen, die das Abhängen eines Patienten als eine grundsätzlich rechtswidrige aktive Tötung ansehen. Auch der Ethikrat vertritt, dass der Arzt hier „objektiv nicht rechtens“ handele, wohl aber mit der „entschuldigenden Nachsicht der Rechtsordnung“ rechnen könne. Ich gebe dem Ethikrat hier zumindest im letzten Punkt recht: Unabhängig davon, wie man die Rechtmäßigkeit eines solchen Behandlungsabbruchs beurteilt – es kann nicht das Ziel des Strafrechts sein, Ärzte vor Gericht zu stellen, die in einer ethischen Ausnahmesituation nach ihrem Gewissen entschieden haben."

Glauben Sie, dass die veröffentlichten Handlungsempfehlungen den Ärzten bei diesen Entscheidungen in einer absoluten Grenzsituation wirklich helfen?

"Der Ethikrat sagt vor allem, wie er die verfassungsrechtliche Situation beurteilt. Er erklärt, weshalb aus seiner Sicht der Gesetzgeber keine Vorgaben machen darf. Daraus kann der Arzt aber für seine konkrete Situation wenig ableiten. Ich fände es wünschenswert, dass eine Institution wie der Ethikrat den Ärzten hier ethische Leitlinien an die Hand gibt. Dass der Ethikrat zumindest darüber nachdenkt, welche Kriterien ein Arzt aus ethischer Perspektive – die ja nicht zwingend deckungsgleich ist mit dem, was etwa der Gesetzgeber vorschreiben darf – berücksichtigen könnte. Dazu zählt neben der Lebenserwartung etwa auch die Verantwortung für andere Menschen, zum Beispiel für junge Kinder. Natürlich können das keine starren, mathematischen Kriterien sein. Aber diese doch für jeden naheliegenden Aspekte von vornherein mit Blick auf ein – vermeintliches – verfassungsrechtliches Dogma schon aus der Diskussion auszublenden, halte ich für falsch."

Dieses Thema im Programm: Das Erste | FAKT | 07. April 2020 | 21:45 Uhr