Das letzte Maueropfer Deutsche Teilung: Flucht in den Tod

Am 8. März 1989 stürzt Winfried Freudenberg im West-Berliner Bezirk Zehlendorf mit einem selbstgebauten Gasballon ab. Heute erinnert eine Gedenkstele an das letzte Todesopfer der Berliner Mauer.

Am 7. März 1989 wollen der damals 33-jährige Winfried Freudenberg und seine Ehe-Frau gemeinsam in den Westen flüchten. Freudenberg hatte sich extra beim VEB Energiekombinat Berlin anstellen lassen, um Zugriff auf Erdgas für den selbst gebauten Ballon zu haben. Der bestand aus handelsüblicher Gartenfolie. Winfrieds Bruder Reinhold Freudenberg erinnert sich an den Bruder als Tüftler, der mehrere Patente besaß.

Es waren natürlich auch solche Sachen, die man nicht machen durfte. Wie man kann man irgendwo Sprengstoff herstellen? Wie kann man etwas bauen, wie kann man sich ein Boot bauen, wie kann man eine Flussfahrt machen?

Reinhold Freudenberg

Schon ein halbes Jahr vor seiner Flucht habe Winfried den Kontakt zu seiner Familie abgebrochen. Um sie zu schützen, ist sich Bruder Reinhold sicher.

Überstürzter Abflug

Blick auf eine ehemalige Reglerstation der Berliner Gasversorgung in der Schäferstege in Berlin-Blankenburg. An dieser Station soll der damals 32-jährige Ingenieur Winfried Freudenberg seinen Gasballon mit Gas befüllt haben, um damit über die Grenze nach West-Berlin zu fliehen. Nach etwa fünf Stunden Flug stürzte er über Zehlendorf ab und wurde damit der letzte Tote an der Berliner Mauer.
An dieser Gasreglerstation startete Winfried Freudenberg am 7. März 1989 Bildrechte: dpa

An einer Gasreglerstation in Berlin Blankenburg soll es am Abend des 7. März 1989  losgehen. Das Befüllen des Ballons dauert mehrere Stunden. Doch das Ehepaar wird überrascht, sagt die Buchautorin Caroline Labusch, die vier Jahre zum Fall Freudenberg recherchiert hat. Um halb zwei Uhr nachts sieht ein Aushilfskellner den zehn mal 15 Meter großen Ballon von weitem und alarmiert die Volkspolizei.

Die hören ein Motorengeräusch und es ist ihnen natürlich schlagartig klar, dass sie jetzt auffliegen. Jetzt müssen sie in Sekundenschnelle sich überlegen, was sie machen mit dem Ergebnis, dass er alleine fliegt, weil nicht genug Gas im Ballon ist, um beide zu tragen und sie bleibt.

Caroline Labusch Autorin „Ich hatte gehofft, wir können fliegen“

Lutz Almes ist damals Volkspolizist und kommt zum Fluchtort. Er sieht den Ballon, eine Person, die daran hängt und eine Schnur, die aus dem Ballon hängt. Er sei dem Ballon nachgelaufen, habe versucht ihn festzuhalten, so Almes. Dann habe eine Windböe den Ballon in eine Hochspannungsleitung gedrückt.

In dem Moment gab es einen Knall, einen Blitz, Funken flogen durch die Gegend. Das war so heftig. Da habe ich wirklich gedacht, das kann er nicht überlebt haben.

Lutz Almes damals Volkspolizist
Die Leiche des DDR-Bürgers Winfried Freudenberg wird am 08.03.1989 im Westberliner Bezirk Zehlendorf von Sanitätern abtransportiert.
Die sterblichen Überreste von Winfried Freudenberg werden in Berlin-Zehlendorf abtransportiert. Bildrechte: dpa

Der Ballon sei davon geflogen, die Person habe sich nicht mehr bewegt, erinnert sich Lutz Almes. Winfried Freudenberg ist nicht tot, aber möglicherweise bewusstlos. Der Ballon treibt Richtung West-Berlin. Von zwei Uhr morgens bis 7:30 Uhr ist der Ballon in der Luft. Freudenberg hatte eine Flugzeit von Ost nach West von einer halben Stunde geplant.  Der Ballon stiegt zu hoch, wohl bis zu 5.000 Meter. Dort herrschten an diesem Tag über 20 Grad Minus. Wohl aufgrund des überstürzten Aufbruchs ist Freudenberg nur mit einem Hemd bekleidet. Sein Bruder Reinhold mag sich nicht vorstellen, wie es dem Bruder in dieser Zeit ergangen ist. Gegen 7:30 Uhr stürzt der Ballon über Berlin-Zehlendorf ab. Die letztliche Absturzursache konnte nie geklärt werden.

Ehemaliger Volkspolizist erfährt erst durch FAKT vom Schicksal Freudenbergs

Lutz Almes, der damals als Polizist vergeblich versucht hatte, den Flüchtling aufzuhalten, hat nie erfahren, wie dessen Flucht endete. Noch heute ist er im Polizeidienst. Erst jetzt, im März 2019 erfährt er von Freudenbergs Absturz und Tod. Lediglich von der Verhaftung von Freudenbergs Frau habe er erfahren. Almes ist geschockt.

Staatssicherheit am Grab

Ein Westberliner Polizist präsentiert der Presse die Besitzgegenstände des DDR-Bürgers Winfried Freudenberg der am 08.03.1989 im Bezirk Zehlendorf tot aufgefunden wurde.
Die Überreste des abgestürzten Ballons - präsentiert auf einer Pressekonferenz der West-Berliner Polizei. Bildrechte: dpa

Bei der Beerdigung des Bruders habe es vor Staatssicherheitsbeamten nur so gewimmelt, erzählt Reinhold Freudenberg. Er selbst habe die Stasi-Leute den anderen Trauergästen als Arbeitskollegen seines Bruders vorstellen müssen. Fast nichts habe die Familie selbst bestimmen dürfen. Der Zusatz „Auf tragische Weise verunglückt“ auf dem Grabstein sei das größtmögliche Zugeständnis gewesen.

Dieses Thema im Programm: Das Erste | FAKT | 26. März 2019 | 21:45 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 16. April 2019, 09:01 Uhr

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