Jugendwerkhöfe Heimkinder in der DDR: Am Leid zerbrochen

Kinder, die in der DDR ins Heim oder einen Jugendwerkhof kamen, erlebten dies oft als sehr traumatisch. Einige Jugendliche hielten den Drill nicht aus und nahmen sich das Leben. Zur Verantwortung gezogen wurde bis heute niemand.

Heimkinder waren in der DDR einem schweren Schicksal ausgesetzt. Viele leiden noch bis heute. Einige hielten schon die Einweisung in einen Jugendwerkhof nicht aus – und nahmen sich das Leben. Obwohl sich die Minderjährigen in staatlicher Obhut befanden, ist auch nach dem Ende der DDR kein Anstaltsleiter oder Erzieher strafrechtlich belangt worden.

Rainer Furkert hat sich als 16-Jähriger im Jugendwerkhof Torgau das Leben genommen.
Rainer Furkert hat sich als 16-Jähriger im Jugendwerkhof Torgau das Leben genommen. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Besonders berüchtigt war der Jugendwerkhof Torgau. Dorthin kamen Jugendliche, die aus Sicht des Staates als widerspenstig galten. 1982 war auch Rainer Furkert Insasse dieser Disziplinierungsanstalt. Der damals 16-Jährige fühlt sich dem brutalen Drill nicht mehr gewachsen. "Er hat im Prinzip jeden Tag erwähnt, dass er es nicht mehr aushält und Heimweh hat", berichtet sein Freund und Leidensgenosse Andreas Golz. "Und wenn sie ihn nicht rauslassen", dann würde er sich das Leben nehmen.

Die Erzieher wussten Bescheid

Auch die Erzieher habe Rainer Furkert über seine Selbstmordabsichten informiert. Trotzdem reagiert niemand. Er zündet Mullbinden an. Rauch füllt den Raum. Andere Insassen wollen helfen. "Als wir ihn dann rausholen wollten, kam der Erzieher und trieb uns mit dem Gummiknüppel weg", erinnert sich Andreas Golz. Während die drei Jugendlichen rausrannten, seien die Schreie verstummt. "Und ich gehe davon aus, dass er in dem Moment auch tot war."

In Torgau starben neben Rainer Furkert bis 1989 mindestens drei weitere Kinder. Auch in anderen Heimen und Jugendwerkhöfen gab es Todesfälle. Wie viele Minderjährige insgesamt ums Leben kamen, ist unbekannt. Denn diese Toten wurden nicht gezählt. Allein in Torgau waren bis 1989 über 4000 Jugendliche. Insgesamt waren in den 38 anderen Jugendwerkhöfen der DDR über 110.000 Jugendliche. Die Minderjährigen im Alter von 14 bis 18 Jahren sollten dort zu "sozialistischen Personen" umerzogen werden.

Bildergalerie Der Geschlossene Jugendwerkhof in Torgau

Über 4.000 Jugendliche zwischen 14 und 18 Jahren werden von 1964 bis 1989 in den Geschlossenen Jugendwerkhof Torgau eingewiesen. Schon von außen mutet die Einrichtung wie ein Gefängnis an.

Jugendwerkhof Torgau, Außenansicht
"Ich hatte so ein mulmiges Gefühl im Bauch. Angst halt." Vielen Jugendlichen geht es wie Stefan Lauter, als sie den Geschlossenen Jugendwerkhof Torgau zum ersten Mal von außen sehen. Die vergitterten Fenster und die 5 Meter hohen Mauern mit Stacheldraht machen Angst davor, was kommen wird. Bildrechte: Archiv DIZ Torgau
Jugendwerkhof Torgau, Außenansicht
"Ich hatte so ein mulmiges Gefühl im Bauch. Angst halt." Vielen Jugendlichen geht es wie Stefan Lauter, als sie den Geschlossenen Jugendwerkhof Torgau zum ersten Mal von außen sehen. Die vergitterten Fenster und die 5 Meter hohen Mauern mit Stacheldraht machen Angst davor, was kommen wird. Bildrechte: Archiv DIZ Torgau
Jugendwerkhof Torgau
Wie schlimm es hier tatsächlich zugeht, ahnt kaum jemand. Denn bei der Entlassung wird den Jugendlichen eingebläut, dass sie nichts über ihre Erlebnisse in Torgau erzählen dürfen, sonst werden sie wieder eingewiesen. Ein Tabu, das lange fortwirkt. Bildrechte: Archiv DIZ Torgau
Jugendwerkhof Torgau, Gruppenbereich mit Schlafzellen
1964 wird der Geschlossene Jugendwerkhof Torgau in einem ehemaligen Gefängnis eröffnet. Ohne Gerichtsurteil oder offizielles Verfahren werden vermeintlich "schwererziehbare" Jugendliche eingewiesen. Dort sollen sie - wie es in den Richtlinien der Heime heißt - "umerziehungsbereit" gemacht werden. Bildrechte: Archiv DIZ Torgau
Blick auf eine Tafel in den Ausstellungsräumen des ehemaligen Jugendwerkhofes in Torgau mit dem vielfach geschriebenen Satz "In der Nachtruhe hat man zu schlafen nicht zu quatschen"
Konkret heißt das gnadenloser Drill und drakonische Strafen von Essensentzug über Einzelarrest bis hin zu körperlicher Gewalt. Bildrechte: dpa
Blick in eine ehemalige Dunkelzelle
Besonders gefürchtet sind die Dunkelzellen im Kellertrakt des Gebäudes. Manche dieser Zellen sind so klein, dass ein Mensch hier weder aufrecht stehen noch liegen kann. Bildrechte: Gedenkstätte Geschlossener Jugendwerkhof Torgau
Blick auf eine Originalinschrift auf einer Liege des ehemaligen Jugendwerkhofes in Torgau
Einige der Jugendlichen schreiben ihre Gefühle heimlich auf die Zellenliegen. Die wenigen Inschriften, die sich bis heute erhalten sind, zeugen vom stillen Protest gegen eine unmenschliche Erziehungseinrichtung. Bildrechte: dpa
Jugendwerkhof Torgau, Sturmbahn
Neben dem Arrest setzen die Erzieher in Torgau auch sportlichen Drill als Strafe ein. Auf der Sturmbahn müssen die Zöglinge bis zur Erschöpfung über einen Hindernisparcours laufen. Bildrechte: Archiv DIZ Torgau
Jugendwerkhof Torgau, Sturmbahn
Schafft ein Jugendlicher dieses sportliche Pensum nicht, wird die gesamte Gruppe bestraft. Bildrechte: Archiv DIZ Torgau
Jugendwerkhof Torgau, Innenbereich, Treppenaufgang
Keiner der Insassen weiß, wann er aus Torgau wieder entlassen wird. Die meisten bleiben etwa drei Monate in der Einrichtung. Doch der Aufenthalt kann auch willkürlich verlängert werden. Fast alle Jugendlichen kommen anschließend wieder zurück in jene Jugendwerkhöfe, die sie nach Torgau überwiesen hatten. Bildrechte: Archiv DIZ Torgau
Jugendwerkhof Torgau, Gesamtansicht
Ein einziger Anruf aus dem Volksbildungsministerium genügt, um den Geschlossen Jugendwerkhof 1989 aufzulösen. Am 17. November 1989 werden die letzten Jugendlichen entlassen. Anschließend bauen die Angestellten die Einrichtung grundlegend um, nehmen Stacheldraht und Gitter von den Fenstern. 1996 wird das Areal von einem schwedischen Investor aufgekauft und in einen Wohnkomplex umgewandelt. Im ehemaligen Verwaltungsgebäude befindet sich seit 1998 die Gedenkstätte Geschlossener Jugendwerkhof Torgau. Bildrechte: Archiv DIZ Torgau
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Erster Fluchtversuch aus der DDR mit zwölf

Viele von ihnen waren angeblich "aufmüpfige" Kinder, die die Schule schwänzten oder von zu Hause weggelaufen waren. Auch Andreas Golz war 1982 im geschlossenen Jugendwerkhof Torgau eingesperrt. Er war ein Einzelgänger, der in der DDR nicht zurechtkam. Mit zwölf Jahren unternimmt er seinen ersten Fluchtversuch aus der DDR. Er ist 14, als er nach Torgau kommt. Hier soll er mit harter Arbeit, Sport bis zur völligen Erschöpfung und Kollektiverziehung diszipliniert werden. Wer nicht gehorcht, bekommt Arrest.

Andreas Golz, er saß als Jugendlicher gemeinsam mit Furkert in Torgau
Den Tod seines Freundes hat Andreas Golz bis heute nicht vergessen. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Den Tod seines Freundes und Leidensgenossen Rainer Furkert hat Andreas Golz bis heute nicht vergessen. Denn der hätte verhindert werden können. "Es war bekannt, dass er hochgradig suizidgefährdet ist", sagt Golz. Doch Rücksicht sei nicht genommen worden. Der Tod des 16-Jährigen wird kurz danach untersucht. Im Jugendwerkhof Torgau wird er als "besonderes Vorkommnis" eingestuft. Doch es gebe keinerlei "Hinweise auf technisches oder gar personelles Versagen". Niemand wird für den Tod des Minderjährigen zur Verantwortung gezogen.

Verfolgung der Verantwortlichen wäre möglich

"Im Regelfall wurde nicht wahrgenommen, welche Gründe es gab", sagt der Historiker Christian Sachse, der sich mit der DDR-Heimerziehung beschäftigt. So hatte etwa eine Psychologin vor der Einweisung von Rainer Furkert dringend empfohlen, den Jungen "nicht zu isolieren".

Das war doch alles eng. Und da ist der durchgedreht.

Martina Wilkening

Die Schwester von Rainer Furkert, Martina Wilkening, spricht erstmals öffentlich über das traumatische Erlebnis. "Und die haben das gewusst, dass er Platzangst hatte. Das habe ich in den Akten gelesen." Sie kommt zu einem harten Urteil: "Die werden sich gedacht haben, jetzt lassen wir den mal. Vielleicht macht er das mal. Dann haben wir einen Typen weniger, wo wir Ärger haben."

Alle Todesopfer waren minderjährig und befanden sich in der Obhut staatlicher Erziehungsbehörden – deshalb wäre eine juristische Verfolgung der Verantwortlichen nach 1989 möglich gewesen. Doch geschehen ist das bislang nicht. "Das Traurige daran ist, dass die meisten mittlerweile auch verstorben sind und damit die Schuld nicht gesühnt werden kann", sagt Andreas Golz.

Hilfe bei Suizidgedanken oder persönlichen Krisen

Hilfe bei Suizidgedanken oder persönlichen Krisen


• Telefonseelsorge rund um die Uhr unter der kostenlosen Rufnummer 0800/ 111 0 111 oder 0800/111 0 222; Info-Telefon Depression: 0800 / 33 44 533 (werktags je 4 Stunden erreichbar)

• Beratung speziell für Jugendliche: https://www.u25-deutschland.de/

• ein Selbsttest, Wissen und Adressen rund um das Thema Depression auf www.deutsche-depressionshilfe.de

• Sozialpsychiatrische Dienste bei den Gesundheitsämtern

• im akuten Notfall im Krankenhaus vorstellen oder den Notarzt rufen

• Der Verein AGUS unterstützt Angehörige nach Suizid durch Beratung, Betreuung und Vermittlung von Kontakten Betroffener www.agus.de

Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | exakt | 11. Dezember 2019 | 20:15 Uhr

19 Kommentare

CrizzleMyNizzle vor 40 Wochen

das stimmt, allerdings wird wohl nicht mehr viel bis gar kein Vertrauen zw. beiden vorherrschen wenn es soweit gekommen ist dass man sein Kind in ein Bootcamp abgibt. Weiterhin ist es immer noch ein großer Unterschied ob der Staat einfach weil es ihm passt Kinder interniert.

Bleibt immer noch im Raum: wo soll es hier Bootcamps geben?

jwh84 vor 40 Wochen

Was ich hier lese bestürzt mich zu tiefst .
Wer hier schreibt, dass dieser Artikel schlecht recherchiert wurde hat keine Ahnung von den Zuständen in den ehemaligen Jugendwerkhöfen.
Es ist eine Beleidigung für alle die mit mir dort ein Teil ihres Lebens verbringen mussten. Ich glaube nicht, das ein Kind eines Ausreisewilligen Elternpaares ,oder ein Kind was in der DDR nicht Regelkonform war, ein Verbrechen begangen hat.
Das und die vielen kleinen Dinge die manchmal zur Einweisung führten rechtfertigen nicht diese Methoden.
Übrigens gab es auch Heime die prinzipiell, Kinder nur bis zum 16 Lebensjahren behalten haben und diese dann automatisch in die Jugendwerkhöfe abgeschoben haben.
Nicht diese Kinder waren Verbrecher, sonder diese Diktatur und ihre Helfershelfer. Wer das nicht selbst erlebt hat sollte nicht mit solchen Behauptungen hier seinen Kommentar abgeben.
An alle Ehemaligen ...
Reibt euch nicht auf an den ewig Gestrigen, seid stolz das Sie uns nicht gebrochen haben.

Stealer vor 40 Wochen

@Atheist: Was haben Sie denn gegen "demokratisch, tolerant und weltoffen"? Wenn Sie direkt danach die fehlende Toleranz gegenüber Andersdenkenden monieren, machen Sie sich dann auch gleich selbst zum Klops.

Ja, es gibt und gab Erziehungsziele und -methoden in solchen Einrichtungen - sie sind ja schon ein paar Jahrhunderte alt. Dass es heute nicht mehr Duckmäusertum gegenüber Nation, Partei, Fürst, Kirche oder "Rasse" ist, sollte man als Fortschritt betrachten.