Interview mit Steffen Mau Soziologe: "Die Ost-Identität ist eine Ressource"

Drei Jahrzehnte nach der Wiedervereinigung zieht sich noch immer eine unsichtbare Mauer durch Deutschland: Der Osten ist ärmer, die Arbeitslosigkeit höher. Die Entscheidungsträger in Wirtschaft und Politik kommen meist aus dem Westen. Es gibt weiter große soziale und ökonomische Unterschiede – und Vorurteile. Doch gerade bei jungen Leuten bröckelt diese Mauer im Kopf. Wie hoch ist sie noch? Dazu der Soziologe Steffen Mau von der Humboldt-Universität Berlin im Interview.

Ein Mann fährt mit einem Fahrrad in der Niederkirchnerstraße an dem 200 Meter langen Reststück der Mauer vorbei.
Restabschnitt der Berliner Mauer. Ursprünglich war sie 155 Kilometer lang, 3,60 Meter bis vier Meter hoch und teilte Ost- von Westberlin. Bildrechte: dpa

Frage: Die Berliner Mauer war knapp vier Meter hoch. Wie hoch ist für Sie die gefühlte Mauer zwischen Ost und West heute noch?

Steffen Mau: Wenn man an die mentalen Unterschiede denkt, dann einen halben Meter. Die sozioökonomischen und sozialstrukturellen Unterschiede sind etwas größer, wenn man beispielsweise die Vermögensverteilung sieht oder die Elitenschwäche des Ostens.

Welche Ost-Klischees haben sich aus Ihrer Sicht 30 Jahre nach der Wiedervereinigung relativiert?

Inzwischen weiß man, dass die Ostdeutschen nicht alle sächsisch reden. Auch gelten sie nicht mehr als marktwirtschaftlich unerfahren und leicht übers Ohr zu hauen. Außerdem ist Ostdeutschland bunter geworden. Von einer grauen Masse ohne Individualität geht heute niemand mehr aus, auch wenn mitunter das Image des "Losers aus der Platte" immer noch bedient wird.

Welche Vorurteile gibt es immer noch, sind neue dazugekommen?

Lütten Klein heute
Steffen Mau stammt aus Rostock. Der Soziologe lehrt an der Berliner Humboldt-Universität. 2019 veröffentlichte er das Buch "Lütten Klein - Leben in der ostdeutschen Transformationsgesellschaft" Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Die neuen Proteste im Osten haben erschreckt, weil offensichtlich wurde, dass in bestimmten Milieus die Akzeptanz für die demokratischen Institutionen gering ist und es auch andere Einfärbungen der politischen Kultur gibt. Das gilt vor allem dann, wenn politische Beteiligung nur noch als Erregungsdemokratie – als Dagegen – zelebriert wird. Da ist man natürlich schnell beim Pauschalurteil des "braunen Ostens". Das lässt sich nicht so einfach abschütteln.

Werden die Gegensätze von den Medien zuweilen überbetont, statt sie einzuordnen?

Natürlich arbeitet man oft mit Schubladen über den Osten – und im Osten über den Westen. Es gibt Unterschiede, die sich halten und tief eingeprägt sind. Zugleich gibt es viel Zusammenwachsen und gelebte Einheit. Das in eine Balance zu bringen, auch mit allen Widersprüchen und Ambivalenzen, ist oft gar nicht einfach. Die Ostdeutschen als einheitliches Kollektiv existieren ja nicht, man muss sie immer im Plural verstehen.

Ist die Ost-West-Debatte überholt, es gibt ja auch eine Süd-Nord-Kluft?

Ja, natürlich gibt es in Deutschland allein durch die föderale Struktur große regionale Unterschiede. Aber es gibt eben auch die immer noch wichtige Ost-West-Achse, wie sich bei vielen Indikatoren und den Einstellungen der Menschen zeigt. Ostdeutschland ist ein spezifischer Erfahrungs- und Erinnerungsraum, der sich nicht so schnell auflösen wird. Da geht es nicht um Abgrenzungskämpfe, sondern um Eigenheiten, die man anderswo nicht findet.

Wann wird die Ungleichheit etwa bei Löhnen und Wirtschaftskraft verschwunden sein?

Prognosen sind immer schwierig. Ich denke, zum 50. Jahrestag der Wiedervereinigung werden wir Ostdeutschland als Region noch kennen. Aber vieles wird durch die Wanderung, die ja auch von West nach Ost erfolgt, vermischt sein. Die Wirtschaftskraft wird dann immer noch nicht an Bayern oder Baden-Württemberg heranreichen, aber die Löhne und Renten sollten angeglichen sein.

Welche Eigenheiten im Osten sind erhaltenswert als Ausdruck einer eigenen Identität?

Das Ausschleichen einer Ost-Identität hat man sich ja immer gewünscht und als Beitrag zur Vereinigung gesehen. Das ist heute nicht mehr so: Es gibt eine facettenreiche Bezugnahme auf eine ostdeutsche Identität, auch bei den Jüngeren. Das kann man durchaus als Ressource begreifen. Mit einer positiven Besetzung der Heimat sind Leute eher gewillt, vor Ort zu bleiben und nicht abzuwandern. Seit 2017 ist die starke Abwanderung aus Ostdeutschland gestoppt. Es ist gut, wenn junge Leute bleiben, nachdem sie ihre Ausbildung oder ihr Studium absolviert haben, und sich vor Ort engagieren.

Kann man überhaupt von Ost- und West-Mentalität sprechen?

Ja, aber nicht im Gegeneinander oder vollständiger Abgrenzung, sondern in einer durchaus normalen Bezugnahme auf den Herkunftskontext. Ost und West haben heute noch kein einheitliche Narrativ der Vereinigung gefunden, obwohl die Einheit nicht in Frage gestellt wird und viele sich als Gewinner sehen. Da fehlt immer noch das große Gespräch, um die innerdeutsche Verdruckstheit zu überwinden.

Was können beide Seiten immer noch voneinander lernen?

Der Osten kann die Erfahrung der Friedlichen Revolution durchaus als Schatz der gelebten demokratischen Ermächtigung mit einbringen. Vom Westen kann man etwas über die Mühen im demokratischen Prozess und die Zivilisierung von Konflikten lernen.

Zum Abschluss: Wie "ostdeutsch" fühlen Sie sich?

Man wird ja immer auf eine Identität zurückverwiesen, das ist kein Prozess den man vollends selbst bestimmt. Ich war jahrelang als Hochschullehrer in Bremen, da galt ich immer als der Bremer Professor. Erst als ich ein Buch über den Osten geschrieben habe, wurde ich der ostdeutsche oder der Rostocker Soziologe. So ganz kommt man davon nicht los und es wäre auch falsch zu sagen, dass die eigene Herkunft nicht zu einem gehört. Westdeutsch fühle ich mich nicht – das ist eine Identitätsebene, die insgesamt kaum vorkommt, wenn dann: bundesdeutsch.

Vielen Dank, Herr Steffen Mau.

Zum 30. Jahrestag der Deutschen Einheit starten WDR und MDR am 9. September den Podcast "KOHL KIDS". Dabei geht es um den Blick der um 1990 Geborenen auf Deutschland im Osten und Westen. Zum Einstieg geht es um gegenseitige Vorbehalte.

  • Wer macht den Podcast?

Jule Wasabi (WDR) und Friederike Schicht (MDR), zwei junge Journalistinnen, aufgewachsen in Schwaben und in Sachsen-Anhalt. Zusammen mit Gästen schauen sie auf ihr Leben mit der Einheit.


  • Was will der Podcast?

Gegenseitige Vorurteile ergründen, Entwicklungen in Ost und West hinterfragen – und ins Gespräch kommen. Jule und Rike wollen der Nachwende-Generation eine Stimme geben – und die Mauer in den Köpfen einreißen.


  • Hören und mitreden!

Der wöchentliche Podcast startet am Mittwoch, den 9. September, mit dem Thema "Wetten, auch Du hast Vorurteile?". KOHL KIDS ist zu hören in der ARD-Audiothek, bei Instagram @kohlkids.podcast oder bei Spotify.

Dieses Thema im Programm: MDR SPUTNIK | MDR RADIO | 13. September 2020 | 08:20 Uhr