Mieter mit Migrationshintergrund Diskriminierung am Wohnungsmarkt kaum nachweisbar

Mehr als jeder dritte Wohnungssuchende mit Migrationshintergrund hat einer aktuellen Studie zufolge Diskriminierungserfahrungen. Doch diese Erlebnisse sind höchst subjektiv. Stimmen sie überhaupt? Und wenn ja, wie sollen Betroffene mit der Situation umgehen?

Gestellte Aufnahme zum Thema Wohnungsbesichtigung. Menschen schauen sich eine Altbauwohnung an.
Wohnungsbesichtigung: Menschen mit Migrationshintergrund haben oft schlechtere Chancen auf einen Mietvertrag. Bildrechte: imago/photothek

Sarah und Martin leben mit ihrer fünfjährigen Tochter in einem begehrten Viertel einer deutschen Großstadt. Wegen eines Jobwechsels müssen sie kurzfristig ausziehen und einigen sich mit dem Vermieter darauf, zunächst selbst einen Nachmieter zu suchen, um die Kündigungsfrist von drei Monaten zu umgehen.

Der Vermieter ist einverstanden, aber unter einer Bedingung: Bitte keine ausländischen Nachmieter. Weil Sarah und Martin rein rechtlich an die Kündigungsfrist gebunden sind und daher auf die Großzügigkeit des Vermieters angewiesen sind, schlucken sie die bittere Pille - auch wenn sie komplett gegen ihre persönliche Einstellung verstößt.

Fälle wie dieser sind in Deutschland alltäglich. Eine Diskriminierung ist kaum nachweisbar, denn die Maßgabe, "bitte keine Ausländer", erfolgte mündlich und tauchte in keiner Wohnungsanzeige auf. Von den vielen Interessenten an der begehrten Wohnung reichen Sarah und Martin eben nur die Deutschen an den Vermieter weiter. Dieser kann jederzeit argumentieren, er hätte sich einfach für die aus seiner Sicht besten Bewerber entschieden. Sein gutes Recht.

Diskriminierung kaum nachweisbar

Genau deshalb erleben in Deutschland zwar viele Wohnungssuchende eine Diskriminierung, haben aber trotzdem keine Handhabe. Ulrich Ropertz vom Deutschen Mieterbund glaubt, dass es für Wohnungssuchende nahezu unmöglich sei, Diskriminierung zu umgehen.

"Es gibt keine schlauen Tipps, sonst gäbe es das Problem nicht", sagte er MDR AKTUELL. Diskriminierung sei einem Vermieter nur nachzuweisen, wenn er sich "ausgesprochen dämlich" anstelle - etwa, indem er schon in der Wohnungsannonce bestimmte Interessenten ausschließe.

Doch Vermieter, die durch sichtbare Diskriminierung auffielen oder sogar vor Gericht landeten, seien Exoten. Ropertz erzählt von einem Fall, in dem eine Wohnung im Berliner Stadtteil Schöneberg für unter 600 Euro Monatsmiete angeboten wurde. Es hätten sich 1.700 Interessenten gemeldet. "Da sagt der Vermieter einer einzigen Person zu, 1.699 gehen leer aus. Werden die diskriminiert?"

Diskriminierungserfahrung ist subjektiv

In fast allen Fällen ist das nicht zu beantworten. Welcher Interessent weiß schon, warum er den Zuschlag nicht bekommen hat? Betroffene könnten das Ausmaß von Diskriminierung über- oder auch unterschätzen, schreibt der Sachverständigenrat deutscher Stiftungen für Integration und Migration (SVR) in einer 2018 veröffentlichten Expertise. "Die subjektive Einschätzung von Benachteiligung ist daher prinzipiell nicht geeignet, Ausmaß und Verbreitung von (tatsächlicher) Diskriminierung abzubilden."

Dennoch gibt es natürlich eindeutige Fälle und damit auch eine rechtliche Handhabe. Wer Menschen aufgrund von Alter, Behinderung, ethnischer Herkunft, Geschlecht, sexueller Identität oder Religion und Weltanschauung diskriminiert, verstößt gegen das Allgemeine Gleichbehandlungsgesetz. Wenn das vor Gericht nachgewiesen wird, kann dem abgelehnten Mieter Schadenersatz zustehen.

Einem entsprechenden Rechtsstreit gehen viele allerdings aus dem Weg. Und eine neue Wohnung hätte der Interessent auch nach einem gewonnenen Prozess noch nicht. Laut Ropertz gibt es eigentlich nur eine Möglichkeit: "Man kann nur an die Gesellschaft appellieren, dass Toleranz und Offenheit wichtige Werte sind. Aber zwingen kann man zu Toleranz niemanden."

Dieses Thema im Programm: MDR AKTUELL RADIO | 29. Januar 2020 | 10:45 Uhr