Islamistischer Gefährder Wie konnte es zur Messerattacke in Dresden kommen?

Ein islamistischer Gefährder soll zwei Männer angegriffen und einen getötet haben. Wie konnte es dazu kommen, obwohl der Mann in Sachsen unter Beobachtung stand? MDR exakt hat im Umfeld des Syrers recherchiert.

Zeichnung - Ein Mann greift einen anderen mit einem blutigen Messer an, im Hintergrund am Boden ein verletzter Mann, welcher sich den Arm vor den Oberkörper hält.
Mit einem Messer hatte ein junger Mann in Dresden zwei Touristen attackiert. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Mit einem Messer attackiert ein Unbekannter in Dresden zwei Touristen. Ein Mann stirbt, der andere überlebt schwer verletzt. Das war Anfang Oktober. Inzwischen ist klar, bei dem mutmaßlichen Täter handelt es sich um einen islamistischen Gefährder – und der Angriff wirft viele Fragen auf.

Die Polizei hatte am Tatort DNA-Spuren gefunden. Seitdem galt der 20-jährige Abdullah H. als Tatverdächtiger des Messerangriffs. Am vergangenen Dienstag wurde er in Dresden festgenommen. Die Behörden gehen von einem islamistischen Motiv aus. Mittlerweile hat die Bundesanwaltschaft die Ermittlungen übernommen.

Doch wie wurde Abdullah H. zum Gefährder und mutmaßlichen Messerangreifer? Der Syrer kam 2015 als minderjähriger Flüchtling nach Deutschland. MDR exakt ist gelungen, mit der Mutter von Abdullah H. in Syrien zu sprechen. "Er ist Analphabet, er ist ungebildet", sagt sie. Ihr Sohn habe schon früher viele Probleme gebracht. Die Familie habe gehofft, dass der Junge in Deutschland studiere und sie später nachholen könnte, weil er damals noch minderjährig war.

Bereits 2017 als islamistischer Gefährder eingestuft

Doch Abdullah H. geriet bereits früh in den Fokus der Behörden. Das Landeskriminalamt Sachsen stufte ihn bereits 2017 als islamistischen Gefährder ein. Ein Jahr später wurde er vom Oberlandesgericht Dresden unter anderem wegen Unterstützung des islamischen Staates verurteilt. Im Strafvollzug griff er zwei JVA-Mitarbeiter an. Insgesamt saß er drei Jahre und einen Monat im Gefängnis seit er nach Deutschland gekommen ist.

Das Bild einer Frau auf einem Smartphonedisplay.
Die Mutter berichtet am Telefon, dass Abdullah H. sollte seiner armen Familie Geld nach Syrien aus Deutschland schicken sollte. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

"Er sagte immer, ich will zurück zu euch, nach Syrien. Hier muss man so viel lernen", berichtet die Mutter. Sie antwortete, dass der Junge seine Zukunft nicht aufgeben solle. Die Mutter lebt mit weiteren Kindern im vom Krieg zerstörten Aleppo. Es sind ärmliche Verhältnisse in denen auch Abdullah H. aufgewachsen ist. Er sollte der Familie Geld nach Syrien aus Deutschland schicken.

Informierte sich über Sprengstoffwesten

Nachdem er 2015 nach Deutschland eingereist war, beantragte der Jugendliche Asyl. "Als er in Deutschland ankam, war er wie jeder andere ein ganz normaler Mensch", berichtet ein Cousin von Abdullah H., der ebenfalls in Dresden lebt. "Er ging aus, er rauchte, er trank, wie alle Jungen. Er hatte eine deutsche Freundin." Zwei Jahre später wurden Ermittler auf ihn aufmerksam, weil er auf Facebook einen Beitrag über den IS postete.

Auf Messenger-Diensten erkundigte sich Abdullah bei IS-Sympathisanten über Bauanleitungen für Sprengstoffwesten. Er bezeichnete sich selbst  als Terrorist des IS und suchte Kontakt zu anderen Islamisten. Das war als er sich "ein Telefon kaufte und begann, sich Gruppen anzuschließen. Sie haben ihn beeinflusst", sagt der Cousin. Mit wem der mutmaßliche Attentäter kommunizierte, zeigte sich bei der Auswertung seines Handys im Jahr 2017.

Ermittler stellten fest, dass er mit einer Syrerin in Kontakt stand, die in Dresden lebte und wegen Werbens um Mitglieder für die Terrororganisation IS zu einer Bewährungsstrafe verurteilt wurde. Sie soll auch Abdullah H. angeworben haben.

Abdullah musste dreimal pro Woche zur Polizei

Im Jugendstrafvollzug nimmt Abdullah H. an einem Deradikalisierungsprogramm teil. Als er fünf Tage vor der Messerattacke aus der Haft entlassen wird, gilt er trotzdem weiter als Gefährder. Deshalb muss er dreimal wöchentlich bei der Polizei erscheinen. Das surfen auf IS-Seiten wurde ihm untersagt und er erhielt er ein Kontaktverbot zu anderen Islamisten.

Der junge Mann lebte dann in einer Asylunterkunft in Dresden. Nach Recherchen von MDR exakt leiht sich Abdullah H. dort ein Mobiltelefon von einem Zimmernachbarn.  Dieser sagt, er sei bis heute nicht von der Polizei befragt wurden. Dies geschah, obwohl der Gefährder Abdullah H. nach seiner Haftentlassung punktuell vom sächsischen Verfassungsschutz überwacht wurde.

"Wenn sie eine Person 24 Stunden komplett observieren, brauchen sie ungefähr 30 Leute, um nicht entdeckt zu werden", erklärt Professor Thomas Grumke, Dozent der Polizeihochschule Nordrhein-Westfalen. Nur dann könne mit allen technischen Mitteln rundum beschattet werden. "Doch das ist für ein mittelgroßes Verfassungsschutzamt wie in Sachsen keine alltägliche Möglichkeit." Dennoch bleibt die Frage, wie konnte ein bekannter Gefährder in Sachsen – trotz aller Maßnahmen – zum mutmaßlichen Mörder werden?

Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | exakt | 28. Oktober 2020 | 20:15 Uhr