Kritik an Arbeitsbedingungen Was läuft schief bei Durstexpress?

Der Getränkelieferant wächst schnell. Die Corona-Pandemie hat mit dafür gesorgt, dass es inzwischen über 3500 Mitarbeiter gibt. Doch von denen beschweren sich einige über verzögerte Zahlungen und viel Druck von oben.

Ein Lieferwagen von 'Durstexpress'
Bildrechte: dpa

Das Geschäft mit Online-Bestellungen und schnellen Lieferungen nach Hause boomt in Zeiten der Corona-Pandemie. Das gilt nicht etwa nur für Amazon sondern auch für Getränkelieferungen. So beschäftigt Durstexpress mittlerweile über 3500 Mitarbeiter. Das Konzept: Getränkelieferung in 120 Minuten. Dazu das Versprechen in der Werbung: faire Löhne und ein Team auf Augenhöhe für die Beschäftigten. Doch die Realität sieht offenbar anders aus.

"Man fühlt sich verarscht", sagt ein Beschäftigter. Man werde mit schönen Versprechen hingelockt. "Aber davon ist nichts wahr." Der junge Mann arbeitet seit 1,5 Jahren für Durstexpress. Aus Angst um seinen Job will er anonym bleiben. Er schleppt Kisten voller Bier, Saft oder Wasser bis zur Wohnungstür der Kunden. Die können die Getränke zu Supermarktpreisen kaufen.

Kranken- und Urlaubstage nur auf Nachhaken bezahlt

Der junge Mann berichtet MDR exakt von seinem Frust über das Unternehmen: Krankentage würden oft erst auf Nachhaken ausbezahlt und "dasselbe ist auch beim Urlaub der Fall", sagt er und erzählt, dass viele Kollegen dem Arbeitgeber gegenüber misstrauisch seien. Doch wer sich zu laut beschwere, dem werde gekündigt oder der Vertrag nicht verlängert. Durstexpress antwortet auf diese Vorwürfe schriftlich: "Lohnfortzahlungen im Krankheitsfall und Urlaubsgeld sind in [...] Verträgen geregelt und werden selbstverständlich bezahlt."

Es ist nicht der einzige Vorwurf gegenüber dem Unternehmen, das zu Oetker gehört, einem der größten deutschen Familienkonzerne. So hatte Simon Benecke plötzlich nur noch halb so viele Schichten bekommen. Er arbeitet im Lager von Durstexpress. Feste Arbeitszeiten hat er nicht. Der Mann aus Leipzig muss sich um die Schichten bewerben – per Online Plattform. Wer zuerst bucht, bekommt die Schicht. Doch mit einer Änderung des Schichtplans Anfang Oktober hatte er weniger Schichten und dazu deutlich weniger Stunden pro Schicht.

Kein Betriebsrat in den Zentren

Die Änderungen kamen für Simon Benecke überraschend, vor allem weil niemand mit ihm darüber gesprochen habe. "Darauf basiert meine ganze Finanzierung", sagt er. Erst auf Druck wurden wieder mehr Schichten freigeschaltet. Doch das löst sein Problem nicht. Simon Beneckes Arbeitsvertrag garantiert ihm eine Mindestarbeitszeit von wöchentlich 20 Stunden. Doch dafür habe es nun zu wenig Schichten gegeben.Durstexpress schreibt dazu: "Auf [...] sich verändernde Nachfragevolumen müssen Lieferdienste mit flexiblen Schicht- und Einsatzplänen reagieren, teilweise kurzfristig – das gilt auch für uns beim Durstexpress."

Nicht alle Mitarbeiter wollen die Arbeitsbedingungen hinnehmen. Einige schließen sich deshalb zusammen, klären ihre Kollegen mit Flyern über ihre Rechte auf, zeigen, wie man an Krankheitstagen an sein Geld kommt oder geben Hilfestellung bei Sprachbarrieren. Das Ganze erfolgt anonym. Zu groß sei die Angst,  wegen ihres Engagements im schlimmsten Fall gekündigt zu werden.

Angst vor der Kündigung

Ist diese Angst berechtigt? MDR exakt trifft einen Mann, der bei Durstexpress in leitender Position tätig war. Sein Urteil: Durstexpress gehe gegen eine gewerkschaftliche Organisierung der Belegschaft vor. "In Richtung Führungspersonal wird ganz klar kommuniziert, darauf zu achten, wer die Tendenz hat, einen Betriebsrat gründen zu wollen", sagt er, der ebenfalls lieber anonym bleiben will. "Da geht es darum, Leute zu lokalisieren und tunlichst darauf zu achten, diese nicht zu verlängern."

Es gibt an keinem der 14 Logistikzentren des Unternehmens einen Betriebsrat. "Das besondere an Durstexpress, ist die Radikalität, die da gefahren wird", sagt Rafael Mota Machado von der Gewerkschaft Nahrung-Genuss-Gaststätten (NGG). Er beschäftigt sich seit Jahren mit den Arbeitsbedingungen in der Lieferdienst-Branche. "Durstexpress versucht mit allen Mitteln Betriebsratswahlen zu zerschlagen und die gewerkschaftliche Organisation der Beschäftigten zu zerschlagen, indem Kündigungen ausgesprochen werden."

Zu diesen Vorwürfen nimmt Durstexpress so Stellung: "[...] Mitbestimmung stehen wir offen gegenüber. Wenn unsere Betriebsabläufe jedoch durch Dritte gestört werden könnten, behalten wir uns vor, unangemeldete Besuche [...] zu unterbrechen."

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Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | MDR exakt | 02. Dezember 2020 | 20:15 Uhr

8 Kommentare

Les joueurs d echecs vor 6 Wochen

FALSCH - wir Leben im Kapitalismus! Rendite ist Maß aller Dinge. Wer sein Kapital einsetzt will Gewinne machen. Gewinnmaximierung ist das Zauberwort. Wir wollen keinen Sozialismus - nie und nimmer - das OstExperiment ist gescheitert.

Les joueurs d echecs vor 6 Wochen

Leute die Firma hat euch eingestellt damit ihr deren Kapital vermehrt. Die wollen richtig Schotter machen und sich nicht mit Arbeitnehmer rumärgern. Man man man 30 Jahre nach Anschluss an Kapitalismus noch immer nix begriffen.

Taiga77 vor 6 Wochen

NochJemand.. Dann darfst du dir bei noch vielen anderen Unternehmen überlegen ob Kunde bleiben möchtest.. Das Gebaren gibt es zum Beispiel auch in den Bäckereiketten oder Amazon und und und.. Da ist die Politik gefragt und das mehr denn je..