Exakt - Die Story | 31.07.2019 | 20:45 Uhr Land der Nichtschwimmer – Unterschätztes Risiko

Die Zahl der Badetoten in Deutschland ist alarmierend. Fehlende Rettungsschwimmer und weniger Schwimmunterricht durch Bäderschließungen machen wenig Hoffnung auf Besserung. Sind wir ein Land der Nichtschwimmer geworden? Das fragt "exakt - Die Story" am Mittwoch, 31. Juli 2019, 20:45 Uhr im MDR-Fernsehen.

 Das Waldbad im Harzort Elend. Rund 20 bis 30 Elender arbeiten ehrenamtlich jeden Tag im Sommer im Bad. 30 min
Das Waldbad im Harzort Elend. Rund 20 bis 30 Elender arbeiten ehrenamtlich jeden Tag im Sommer im Bad. Bildrechte: MDR/Lisa Hentschel

Fast dreimal so viele Badetote wie im Vorjahr zählte die DLRG im August 2018 deutschlandweit. Vom Land der Nichtschwimmer ist nicht nur in der Analyse die Rede. "Um sicher schwimmen zu können, bräuchte es nicht die üblichen zehn, sondern 100 Badestunden", betont Petra Dimter vom Landesschwimmverband Sachsen-Anhalt.

Im Beschluss der aktuellsten Kultusministerkonferenz ist zwar vom Schwimmen als "lebenserhaltende und gesundheitsfördernde Kernkompetenz" die Rede. Offen bleibt jedoch, welches Schwimmabzeichen zum sicheren Schwimmen überhaupt notwendig ist.

Menschen denken, sie können schwimmen, nur weil sie das Seepferdchen haben. Für mich ist das stattdessen ein klares 'Nichtschwimmer-Abzeichen'.

Petra Dimter, Landesschwimmverband Sachsen-Anhalt

504 Badetote gab es in Deutschland 2018. Knapp 80 Prozent der Unfälle passierten an Seen, Flüssen und Bächen – also an Gewässern, an denen die Überwachung durch geschultes Personal keine Pflicht ist. Stellen private Pächter dort Verbotsschilder auf, schwimmen Badende auf eigene Gefahr – und überschätzen sich dabei oft, sagt Kai Weiße, Rettungsschwimmer aus Wernigerode.

Kaum einer beachtet mehr die klassischen Baderegeln. Wer am Ufer bleibt, guckt aufs Handy. Da kommt dann jede Rettung zu spät.

Kai Weiße, Rettungsschwimmer aus Wernigerode

Auch, weil Rettungsschwimmer fehlen. Die DLRG schätzt: 2019 gibt es rund 100 Rettungsschwimmer zu wenig in Sachsen-Anhalt. Schließlich ist das kein Beruf zum Geldverdienen. 100 Prozent der Rettungsschwimmer der DLRG retten Leben ehrenamtlich, so auch Kai Weiße. Er macht das in einem Freibad in Elend, das es ohne Ehrenamt nicht mehr geben würde: "2014 hieß es vom Stadtrat: Entweder ihr übernehmt das Bad oder wir müssen es schließen", erzählt Ralf Gläsing, Vorsitzender des heutigen Bürgerbads. "Wer möchte, dass das Bädersterben aufhört, müsste Kommunen mehr Geld zur Verfügung stellen."

Bilder zur Reportage Deutschland – Land der Nichtschwimmer?

Hand hält Seepferdchen-Schwimmabzeichen gegen die Sonne
Das Seepferdchen gilt in Fachkreisen als NICHT-Schwimmerabzeichen. Bildrechte: MDR/Lisa Hentschel
Hand hält Seepferdchen-Schwimmabzeichen gegen die Sonne
Das Seepferdchen gilt in Fachkreisen als NICHT-Schwimmerabzeichen. Bildrechte: MDR/Lisa Hentschel
Das Seepferdchen gilt in Fachkreisen als NICHTschwimmerabzeichen. Das dem Bronze-Abzeichen entsprechende sichere Schwimmen sollen laut Kultusministerkonferenz Schüler nach der 4. Klasse beherrschen.
Das dem Bronze-Abzeichen entsprechende sichere Schwimmen sollen laut Kultusministerkonferenz Schüler nach der 4. Klasse beherrschen. Bildrechte: MDR/Lisa Hentschel
Ralf Gläsing, Vorsitzender des Bürgerbads Elend, bekam vor 5 Jahren eine Nachricht vom Stadtrat. Entweder ein Förderverein gründe sich oder das Waldbad in dem Harz-Ort müsse schließen.
Ralf Gläsing, Vorsitzender des Bürgerbads Elend, bekam vor fünf Jahren eine Nachricht vom Stadtrat ... Bildrechte: MDR/Lisa Hentschel
Holzschild "Waldbad Elend", im Hintergrund das Waldbad
... entweder ein Förderverein gründe sich oder das Waldbad in dem Harz-Ort müsse schließen. Bildrechte: MDR/Lisa Hentschel
 Das Waldbad im Harzort Elend. Rund 20 bis 30 Elender arbeiten ehrenamtlich jeden Tag im Sommer im Bad.
Das Waldbad im Harzort Elend: Rund 20 bis 30 Elender arbeiten ehrenamtlich jeden Tag im Sommer im Bad. Bildrechte: MDR/Lisa Hentschel
Mann und Frau stehen Arm in Arm vor Waldbad-Schänke
Auch Familie Hunger ist im Vorstand. Ihre Gaststube gibt es direkt am Freibad und sorgt für warme Mahlzeiten. Bildrechte: MDR/Lisa Hentschel
Kai Weiße, Rettungsschwimmer der DLRG und Schwimmmeister im Waldbad Elend, wo auch er ehrenamtlich arbeitet.
Kai Weiße, Rettungsschwimmer der DLRG und Schwimmmeister im Waldbad Elend, wo auch er ehrenamtlich arbeitet. Bildrechte: MDR/Lisa Hentschel
Rettungsschwimmer-Ausweis
Wer in deutschland Rettungsschwimmer werden will, muss mindestens 14 Jahre alt sein und die Prüfung dazu alle zwei Jahre wiederholen. Bildrechte: MDR/Lisa Hentschel
Baden, wo es verboten ist. Das führte im Steinbruch Ermsleben 2017 zum Badetod.
Baden, wo es verboten ist: Das führte im Steinbruch Ermsleben 2017 zum Badetod. Bildrechte: MDR/Matthias Strauss
Mann steht an Elbufer vor Magdeburger Dom
Hamid ist in Syrien mit Schwimmen groß geworden. Eine Ausnahme, denn in Syrien ist Schulschwimmen kein Pflichtfach. Bildrechte: MDR/Matthias Strauß
Petra Dimter und Hamid vom Landesschwimmverband Sachsen-Anhalt wollen Kindern und Eltern sicheres Schwimmen vermitteln.
Petra Dimter und Hamid vom Landesschwimmverband Sachsen-Anhalt wollen Kindern und Eltern sicheres Schwimmen vermitteln. Bildrechte: MDR/Lisa Hentschel
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Immer weniger öffentliche Bäder - Schwimmunterricht erschwert

175 öffentliche Bäder zählt die "Deutsche Gesellschaft für das Badewesen" aktuell noch in Sachsen-Anhalt, weniger als in Sachsen und Thüringen. 2018 mussten Schwimm- und Freibäder sowohl in Halle als auch in der Altmark, dem Burgenlandkreis, in Mansfeld-Südharz, im Saalekreis, in Wittenberg und in der Börde schließen.

Zu letzterem Landkreis zählt Oebisfelde. Hier bringt ein Bus mehr als 40 Zweitklässler einmal die Woche zum Schwimmunterricht bis nach Haldensleben, finanziert durch die Kommune. Das macht 45 Minuten pro Strecke – und das, obwohl der Weg bis nach Wolfsburg nur halb so lang wäre. Länderübergreifendes Zusammenarbeiten: Fehlanzeige.

Sind wir ein Land der Nichtschwimmer? Woran hapert es in der Realität? Und wer ist dafür verantwortlich? Diesen Fragen geht Autorin Lisa Hentschel in der Reportage nach.

Quelle: MDR/agz

Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | exakt - Die Story | 31. Juli 2019 | 20:45 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 31. Juli 2019, 21:56 Uhr

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4 Kommentare

31.07.2019 13:01 Maria A. 4

Zu Ost-Zeiten gab es wenige Nichtschwimmer. Es wurde in den meisten Familien sehr viel Wert auf jährlichen Badeurlaub gelegt. Bevorzugt von Sachsen dafür war bekanntlich die Ostsee. Da nicht immer möglich, wich man gern auf die Mecklenburger Seen aus. Wenn in den Schulen das Schwimmen ausfiel, oder halt noch nicht dran war, gab es familiäre oder andere Schwimm-Lernhilfe. Ich erinnere mich daran, dass der Vater meiner besten Freundin bereits vielen Kindern im Vorschulalter, zuerst gut abgesichert mit Schwimmflügeln, im Dorfteich die Grundkenntnisse vermittelte und es so niemals zu Badeunfällen kommen konnte. Obwohl es da recht abschüssig war und nur am Rande relativ flach.

31.07.2019 10:17 anni 3

ja zu DDR Zeiten gehörte schwimmen zum Sportunterricht , und jedes Kinde musste schwimmen lernen ,dies wurde auch in der Sportzensur benotete. im Sommer gab es sogar Ferienspielen, wo man
schwimmen lernen konnte . Aber jetzt der Hilfeschrei viele Kinder können nicht schwimmen , könnte man ja Freitags Schwimmkurse einplanen , statt auf die Straße zu gehen .

31.07.2019 10:09 H.E. 2

In Baden-Württ. sind definitiv im Jahr 2018 über 60 Menschen ertrunken und jeder ist einer zuviel.
Dazu muß ich aber auch sagen, daß 33 davon Flüchtlinge/Migranten u. deren Kinder waren, die noch weniger schwimmen können als Einheimische und dies eben riskiert haben.

31.07.2019 07:46 Bernd 1

Ja als es uns in Ostdeutschland nicht so gut ging konnten sich die Orte ein Schwimmbad leisten. Nun geht es uns gut (so wird es zumindest staendig behauptet) aber fuer Kultur oder eben das Schwimmen hat man kein Geld. Mein Heimatort hatte 2 Schwimmbaeder dazu einige in der Umgebung. Das in der Naehe war ein umgebauter Feuerloeschteich wuerde jetzt sicher die buerokratischen Hoehen nicht ueberwinden koennen aber um Schwimmen zu lernen oder im Sommer zu baden war das vollkommen ausreichend.