Nach der Trennung der Eltern Heute Mama, morgen Papa – Der Streit ums Wechselmodell

Zwei Elternhäuser, zwei Betten, jede zweite Woche Tasche packen. Ob Kinder nach der Trennung der Eltern bei beiden zu gleichen Teilen leben, ist oft ein Streitthema. Woher kommt das Konfliktpotenzial? Welches ist der beste Weg für die Kinder? Und welche Vorgaben sollte die Politik machen?

Wenn ein Elternpaar sich trennt, dann bedeutet das nicht nur das Ende eines Traums von einer gemeinsamen Zukunft, auch das Bild von Familie geht kaputt. So passierte es Annett W.: Vor drei Jahren trennte sie sich von ihrem Mann. Als Vater hatte er sich bisher nur wenig um das gemeinsame Kind gekümmert, will nach der Trennung seinen Sohn aber plötzlich häufiger sehen. Weil die Mutter sich weigert, geht er vor Gericht. Das ordnet per Beschluss das so genannte Wechselmodell an – gegen den Willen der Mutter. Seitdem lebt der sechsjährige Sohn eine Woche bei der Mutter, eine Woche beim Vater. Für Miriam Hoheisel, Geschäftsführerin vom Bundesverband für alleinerziehende Mütter und Väter ein Unding.

Eine Trennung ist ja kein Tabula rasa, sondern sollte an das anknüpfen, was Eltern vorher gelebt haben. Und es ist weiterhin so, dass Paarfamilien viel traditioneller leben, als die Diskussion uns denken lässt.

Miriam Hoheisel, Geschäftsführerin vom Bundesverband für alleinerziehende Mütter und Väter
Ein Kind mit Teddybär im Rucksack und seine Mutter stehen in der Tür und schauen zum Vater der am Gartentor steht.
Für viele Kinder Alltag: Mama-Zeit und Papa-Zeit. Bildrechte: Mia Media

Jörg Schneider aus der Nähe von Altenburg hätte sich für seine Kinder das Wechselmodell gewünscht. Doch die Mutter seiner Kinder ist dagegen, genauso wie das zuständige Amtsgericht. Obwohl seine Kinder trotzdem fast 45 Prozent der Zeit bei ihm lebten, sollte der Familienvater vollen Unterhalt zahlen. Weil er weitaus weniger verdiente und sich weigerte zu zahlen, wurde sein Konto gepfändet: "In der Zeit habe ich mir Geld zusammengeborgt, um wenigstens Miete und Strom bezahlen zu können", erinnert sich Schneider. Im Fall eines paritätischen Wechselmodells hätte er keinen Unterhalt zahlen müssen.

Wie profitieren Mutter, Vater und Kind gleichermaßen?

Für die Jura-Professorin Hildegund Sünderhauf-Kravets müsste nicht nur das Unterhaltsrecht novelliert werden. "Das Wechselmodell als Leitbild würde bei Trennung und Scheidung die Frage stellen: Wie können wir erreichen, dass Mutter und Vater beide im Boot bleiben? Denn die Frage, wer der bessere Elternteil ist, darf nicht mehr gestellt werden, weil Mutter und Vater wichtig sind."

Familie Geyer lebt das Wechselmodell bereits. Zwei Elternhäuser, zwei Betten, jede zweite Woche Tasche packen. "Wir muten unseren Kindern viel zu", sagt Mutter Isabel. Aber beide Eltern wollen am Leben der Kinder teilnehmen. "Ich hab zwei zu Hause", sagt Tochter Magda und ist nicht unglücklich darüber.

Wechselmodell ohne Gesetzesgrundlage

Es schlägt sich ein Graben quer durch Deutschland und es wird erbittert gestritten. Laut einer Allensbach-Umfrage will die große Mehrheit, 77 Prozent der Gesamtbevölkerung, dass Kinder bei Vater UND Mutter aufwachsen. Doch die Realität sieht anders aus. Oft lebt das Kind nach der Trennung bei der Mutter und der Vater zahlt. Immer mehr Väter fordern das Recht ein, sich um ihre Kinder kümmern zu können. Doch in Deutschland ist im Gegensatz zu den meisten anderen europäischen Ländern das Wechselmodell noch nicht im Gesetz verankert. Dabei fordert das der Europarat schon seit 2015. Die FDP kämpft nun dafür, die LINKE ist dagegen.

Woher kommt das Konfliktpotenzial? Welches ist der beste Weg für die Kinder? Und welche Vorgaben sollte die Politik machen? "exakt - Die Story" wirft einen Blick hinter die Kulissen dieser hoch emotionalen Familienstreitigkeiten.

Ein Film von Claudia Euen.

Quelle: MDR/ap

Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | exakt - Die Story | 03. Juli 2019 | 20:45 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 01. Juli 2019, 05:00 Uhr

Die Kommentierungsdauer ist abgelaufen. Der Beitrag kann deshalb nicht mehr kommentiert werden.

9 Kommentare

05.07.2019 17:50 Alexander Buchinger 9

Welcher Erwachsene möchte schon in ständig wechselnden haushalten leben? Das ist unangemessen für Kinder. Kinder wollen in den ersten Lebensjahren am liebsten die "meiste Zeit" mit der Mutter verbringen, bis sie sich dann um das 10 Lebensjahr auch dem Vater völlig öffnen. Wer meint Kinder könne man aufteilen wie eine Ware ist nicht ganz dicht! Man muss sich den kindlichen Entwicklungszyklus und die kindlichen Bedürfnisse anschauen. Wer Kinder "gerecht" zwischen Mutter und . Vater aufteilen will hat nicht verstanden was kindliche Bedürfnisse sind, sondern handelt egoistisch. Was soll diese Versachlichung des Kindes?

05.07.2019 17:11 Verena 8

Eine Trennung soll an das vorher gelebte anknüpfen? So ein hanebüchener Quatsch. Man hat sich getrennt, weil man eben das nicht mehr wollte.
Wenn Fr. Sünderhauf ein wechseln so toll findet, dann möge doch bitte sie die nächsten Jahre jede Woche umziehen. Natürlich nur, wenn das für ihre zarte Seele nicht zu viel ist.
Das Konfliktpotential stammt daher, das unser Justizsystem es für eine gute Idee hält, Menschen, die sich zumeist aus guten Gründen getrennt haben, zu zwingen oftmals mehr Nähe zueinander zulassen zu müssen, als sie häufig vor der Trennung bestand und erwartet, dass das gut geht.

04.07.2019 15:12 Hant... 7

Ich finde ein Zwang zu diesem Modell falsch. Wenn beide Elternteile sehr gut miteinander auskommen, dann ist so ein Modell mit Sicherheit auch gut für das Kind. Sind die Eltern jedoch verstritten, so ist dies eine enorme Belastung für die Kinder, das ist einfach so! Ein Kind muss und wird sich unbewusst für einen entscheiden, dass ist überhaupt nicht dem Kindeswohl förderlich. Das Kind sollte hier frei entscheiden und mitreden können! Jedoch werden immer nur die Rechte der Eltern berücksichtigt, immer zu Lasten der Kinder. Eltern und Juristen sollten mal reflektieren und nicht bestimmen. Ein trauriges Thema für die Kinder!

04.07.2019 12:56 Atheist aus Mangel an Beweisen 6

Bin ich froh meine Kinder in der DDR erziehen zu dürfen!
Eine Linie, ein zu Hause, ...
Kann keinen Vorteil mit dem hin und her erkennen.
Als dann die Kinder älter waren hatten sie auch noch Zeit ihren Vater kennzulernen. Weder die Kinder noch der Vater hatten in der Vaterlosen Zeit einen seelischen Schock oder ähnliches bekommen.
Aber wir sind eh auf den Weg wieder hin zu einer Gesellschaft wo der Mann wieder Herr im Haus ist.

04.07.2019 11:56 Bubo 5

Zitat: "Zwei Elternhäuser, zwei Betten, jede zweite Woche Tasche packen." Diese Vorstellung ist einfach falsch.
Richtig ist: im traditionellen Residenzmodell packt das Kind alle 14 Tage die Tasche und geht "auf Besuch" zum anderen Elterteil, meist zum Vater.
Im Wechselmodell, genauer Doppelresidenz, hat das Kind zwei Zuhause, mit Kinderzimmer und einem gefüllten Kleiderschrank. Mitgebracht wird nur das Kuscheltier und die Schultasche.
Da meine Kinder beide Betreuungsmodelle durchlebt haben, kann ich aus Erfahrung sprechen.

04.07.2019 11:45 Jörg Siegel 4

Vielen Dank für diese Sendung und Ihr Bemühen alle Seiten vorurteilsfrei zu Wort kommen zu lassen, danke auch, dass sie ein bißchen beigetragen haben, dieses so wichtige Thema überhaupt in den Fokus der Öffentlichkeit zu rücken!
Folgende kritische Anmerkungen habe ich:
Der Begriff "Ein-Elternfamilie" ist ein No go, wenn es noch einen zweiten Elternteil gibt.
Die Auffälligkeiten ihres Kindes, welche die Mutter mit gerichtl. angeodnetem WM beschreibt, sind keine Auswirkungen des WM sondern des Elternstreits.
Die Aussage von Fr. Giffey nicht mit staatlich verordneten Betreuungsmodellen in das Private von Trennungsfamilien eingreifen zu wollen ist grundsätzlich richtig. Genau das Gegenteil ist aber leider Alltag, denn das sog. Residenzmodell wird nach wie vor zwangsverordnet.
Die Argumentation des VAMV, dass nach Trennung die elterliche Aufteilung von Geldverdienen und Betreuung weitergeführt werden soll, ist unlogisch denn es gibt ja völlig neue Rahmenbedingungen für Beide.

04.07.2019 08:59 Elter, männlich 3

Die derzeitigen Regelungen zu Aufenthalt und Unterhalt stellen eine einzige Bevorteilung der Mütter dar. Die entsprechenden gesetzlichen Regelungen formen eine Väter-Abstrafungsrecht übelster Sorte. Unter der Überschrift des Kindeswohls werden (vor allem finanzielle) Interessen der Frauen bedient!

03.07.2019 20:55 Hans-Jürgen 2

Was anderes als diese einseitige, subjektive und negative Stellungnahme dazu war ja von der Geschäftsführerin vom Bundesverband für alleinerziehende MÜTTER auch nicht anders zu erwarten. Hier geht es aber nicht um die MÜTTER oder VÄTER, sondern einzig darum, was für die Kinder das Beste ist.

02.07.2019 19:16 Atze 1

Ich finde es gut, wenn Kinder bei beiden Eltern abwechselnd leben können.
Kinder haben ein Recht auch auf den anderen Elternteil. Besonders für die Entwicklung ist das vorrangig und auch wenn der eine Elternteil nicht alles so perfekt macht, ist der Umgang unbedingt notwendig. Darauf kommt es auch gar nicht an. Da sollte man nicht kleinkariert sein. In meiner Familie, die im Ausland lebt, ist das lange Wirklichkeit und sehr praktikabel. MfG