Wer beherrscht Deutschland? Geboren in Ostdeutschland - Schlecht für die Karriere?

Herkunft und Bildung entscheiden in Deutschland sehr stark darüber, ob es jemand schafft, in Machtpositionen aufzusteigen. Politisch wie wirtschaftlich. Das legen Daten nahe, die MDR und WDR für die Dokumentation "Wer beherrscht Deutschland?" erhoben haben. Die Untersuchung stützt, was Experten schon seit einigen Jahren beobachten: die Entfremdung zwischen Eliten und Bevölkerung hat stark zugenommen.

Vorstandsvorsitzender der Daimler AG Dieter Zetsche (L) und Vorstandsvorsitzender der Volkswagen AG Matthias Mueller
Die ehemaligen Vorstandsvorsitzenden der Daimler AG Dieter Zetsche (li) und der Volkswagen AG Matthias Mueller bei einer Pressekonferenz 2017. Bildrechte: imago images / Emmanuele Contini

Wenn man etwas werden will in Deutschland, sollte man ins Saarland ziehen. Ansonsten wäre auch das nördliche Rheinland oder das südliche Bayern zu empfehlen. Das legen jedenfalls die Zahlen einer MDR/WDR-Datenerhebung nahe. Demnach haben überdurchschnittlich viele der Politiker, die seit 1990 in der Bundesregierung saßen, eine Station ihrer Karriere in einer dieser drei Regionen absolviert.

Auch mit der Wahl des Studienortes kann man laut dieser Datenerhebung seine Chancen, Karriere zu machen, erhöhen. Wer in Aachen, Köln, München, Stuttgart, Hamburg oder im Saarland studiert hat, hat statistisch gesehen viel bessere Chancen, einmal Vorstandsvorsitzender eines der 100 größten deutschen Unternehmen zu werden. Ungefähr jeder fünfte der 100 Vorstandsvorsitzenden, deren Biographien für das Projekt analysiert worden sind, hat in Köln oder Aachen studiert.

Den Ostdeutschen fehlen die Netzwerke

Wenn man die Karriereleiter erklimmen möchte, sind Ostdeutschland und das Ruhrgebiet dagegen nicht zu empfehlen. Selbst die Bundeshauptstadt sollte man meiden – auch 20 Jahre nach dem Umzug der Bundesregierung nach Berlin sind die Zentren der alten Bonner Republik entlang des Rheins ein besserer Ausgangspunkt, wenn man in Deutschland einmal zur Elite gehören will.

Elitenforscher Prof. Michael Hartmann begründet das mit den Netzwerken und Beziehungen, die in der Bundesrepublik Deutschland schon seit vielen Jahrzehnten bestehen und die es für alle schwer macht, die keinen Zugang zu diesen Netzwerken haben. Gleich und gleich gesellt sich gern:

Das funktioniert nach dem Prinzip der Ähnlichkeit. Man neigt dazu, sich Leute auszusuchen, die einem ähnlich sind, die aus einem ähnlichen Milieu kommen. Das ist risikoärmer.

Prof. Michael Hartmann, Soziologe

Michael Hartmann hat in seinen Untersuchungen beobachtet, dass bei der Auswahl von geeigneten Kandidaten beispielsweise bestimmte Verhaltensweisen und die regionale Herkunft eine Rolle spielen. Und hierbei sind Ostdeutsche offenbar eher im Nachteil. In der Politik ist das System etwas offener, weil die Bevölkerung durch die Wahlen Einfluss auf die Auswahl hat. Aber in der Privatwirtschaft ist es besonders schwer, in den exklusiven Bereich der Eliten vorzudringen, meint Prof. Hartmann:

Die bereits in den Spitzenpositionen sitzenden Eliteangehörigen entscheiden weitgehend selbst oder ganz allein, wen sie in ihre Reihen aufnehmen.

Prof. Michael Hartmann, Soziologe

Aber egal, ob ein Studium im Saarland oder in Berlin – ganz ohne Hochschulabschluss ist es heute in jedem Fall schwer, in den Bundestag zu kommen – über 80 Prozent der Bundestagsabgeordneten haben studiert. Die Zahl derer, die "nur" eine Ausbildung abgeschlossen haben, hat seit 1990 kontinuierlich abgenommen: beispielsweise sind heute nur 19 der 709 Abgeordneten Handwerker.

Collage Berliner Reichstag mit Anwältin und Handwerker davor 2 min
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Gefahr für die Demokratie

Das hat Auswirkungen: vor allem die sozial Schwächeren fühlen sich von der Politik nicht mehr vertreten. Auch deswegen hat in den letzten 30 Jahren die Wahlbeteiligung in Deutschland abgenommen, vorwiegend in den Schichten mit geringem Einkommen und niedrigeren Bildungsabschlüssen. Und die politische Ohnmacht der sozial Schwachen ist mehr als ein Gefühl. Der Politikwissenschaftler Prof. Armin Schäfer hat alle wichtigen politischen Entscheidungen der letzten Jahrzehnte untersucht. Hartz-IV-Gesetze, Energiewende, Auslandseinsätze der Bundeswehr, Aufnahme von Flüchtlingen: Wer war, gestaffelt nach Einkommen, dafür, wer war dagegen? Und er hat bei der Untersuchung ein klares Muster festgestellt:

Das, was mehrheitlich von denen gewollt wird, denen es besser geht, hat eine sehr viel höhere Wahrscheinlichkeit umgesetzt zu werden, als das, was diejenigen wollen, die weniger Einkommen haben oder niedrigere Bildungsabschlüsse. Insofern trifft die Wahrnehmung, man hört nicht auf mich, ich kann nichts bewirken, tatsächlich zu.

Prof. Armin Schäfer, Politikwissenschaftler

Experten wie Hartmann und Schäfer sehen darin durchaus eine Gefahr für unsere Demokratie, weil die Eliten sich zu weit von der Wirklichkeit eines großen Teils der Bevölkerung entfernt haben. Die Folgen seien Politikverdrossenheit und ein Anwachsen demokratiefeindlicher Positionen. Weil ehemalige DDR-Bürger unterproportional selten in den Eliten Deutschlands repräsentiert sind, verstärke sich, so Hartmann, der Effekt in Ostdeutschland noch.

Und noch eine Beobachtung der Datenerhebung: Seit die AfD in den deutschen Bundestag eingezogen ist, hat sich die Zahl der Abgeordneten ohne Hochschulabschluss wieder erhöht.

(ubi)

Das Projekt Die Daten sind im Zusammenhang mit dem TV-Projekt "Wer beherrscht Deutschland?" erhoben worden. Dafür wurden Lebensläufe und Karrierestationen von Bundestagsabgeordneten, Mitgliedern der Bundesregierung (seit 1990), Vorstandsvorsitzenden der 100 größten Unternehmen, Vorsitzenden der Gewerkschaften und der Arbeitgeberverbände, vorsitzenden Bundesrichtern sowie Rektoren der Universitäten in Deutschland untersucht.

Über dieses Thema berichtet der MDR auch im Fernsehen: Wer beherrscht Deutschland | 31.10.2019 | 20:15 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 31. Oktober 2019, 05:00 Uhr