Eltern-Kind-Entfremdung Trennung: "Ich will nicht zu Papa!"

Wenn Paare sich trennen, geraten Kinder oft mitten in den Konflikt. Manchmal werden sie sogar instrumentalisiert. Dann lehnen sie den Elternteil ab, bei dem sie nicht wohnen. Experten nennen das: Eltern-Kind-Entfremdung. Das hat traumatische Folgen für das ganze Leben – für das Kind und den verlassenen Vater, oder die verlassene Mutter.

Kind weint
Ein Experte schätzt, dass pro Jahr rund 30.000 Kinder einem Entfremdungsprozess von einem Elternteil ausgesetzt sind. Bildrechte: imago/Westend61

Seit zwei Jahren hat Dirk Naumann nicht mehr mit seiner Tochter im Garten gespielt. Kein Eis mit ihr gegessen. Sie schreiben nur noch gelegentlich ein paar simple Nachrichten. "Das macht mich ganz traurig, dass der Kontakt so abgebrochen ist", sagt der 52-Jährige. Dabei hatten sie viele Jahre ein gutes Verhältnis. Bis zu ihrem siebten Lebensjahr hat die Tochter mit im Haus in Sachsen-Anhalt gelebt.

Nach der Trennung der Eltern, blieb der Kontakt anfänglich bestehen. Rund drei Jahre ging alles gut. Vater und Tochter sahen sich regelmäßig. Doch dann wurden die gemeinsamen Treffen immer weniger. "Die ganzen Sommerferien habe ich gesagt: Los komm. Wir gehen mal Eis essen", erzählt Dirk Naumann. Doch er habe nur Ausreden als Antworten bekommen. "Man wird doch wohl in sechs Wochen mal Zeit für den Papa haben. Und das ist jetzt schon das zweite Jahr."

Kinder werden zur Entfremdung manipuliert

Laut Schätzungen haben etwa 15 bis 20 Prozent aller Trennungsväter bereits zwei Jahre nach dem Auseinandergehen wenig oder keinen Kontakt mehr zu ihren Kindern. Bei Dirk Naumann gehe der Verlust des Kontaktes nicht von ihm aus. Er glaubt, dass die Mutter die gemeinsame Tochter beeinflusst und den Vater in ein negatives Licht rückt. Er fühle sich machtlos.

Dafür gibt es einen Fachbegriff: Parental Alienation. Übersetzt: Eltern-Kind-Entfremdung. Die Theorie stützt sich auf die Annahme, dass Kinder durch Manipulation dazu gebracht werden, sich von dem anderen Elternteil zu entfremden und diesen letztendlich zurückzuweisen.

Kind Entfremdung
Dirk Naumann hat den Kontakt zu seiner Tochter verloren. Bildrechte: MDR exakt

"Man muss dabei sauber differenzieren", sagt Psychologe Stefan Rücker. Er forscht seit vielen Jahren zu diesem Thema. Es gebe manchmal berechtigte Gründe, Kontakt zwischen Eltern und Kindern zu unterbrechen – etwa dort, wo häusliche Gewalt stattfinde oder wo Übergriffe stattgefunden haben. "Aber das ist bei Eltern-Kind-Entfremdung gerade nicht der Fall." Dabei lägen die Gründe für die Entfremdung  beim Entfremder selbst.

Entfremdung: 30.000 Kinder jedes Jahr betroffen

Die Gründe dafür können sein: verletzte Gefühle, Rache, Eifersucht, oder Angst, die Kinder auch noch zu verlieren. Rücker schätzt, dass rund 30.000 Kinder jedes Jahr Entfremdungsprozessen ausgesetzt sind. An den Folgen leiden alle: verlassene Väter oder Mütter – und vor allem die Kinder.

"Kleinstkinder haben Probleme einzuschlafen oder sind schreckhaft", erklärt Rücker, der in seiner Praxis betroffene Eltern berät. "Ältere Vorschulkinder haben das Gefühl, verlassen worden zu sein und entwickeln eine Angst davor, auch von dem zweiten Elternteil verlassen zu werden." Daraus würden sich später trennungsängstliche Verhaltensweisen ergeben und auch Resignation, Frustration oder Wut.

Und es ist auch so, dass ein erhebliches Misstrauen entwickelt wird in liebevolle Beziehungen.

Stefan Rücker Psychologe

Depressionen: Betroffene spüren Folgen ein Leben lang

Bei Erwachsenen kann es zu Drogenmissbrauch, Depressionen und sogar Suizidversuchen kommen. Für den Experten ist klar: Eltern-Kind-Entfremdung wächst sich nicht irgendwann aus, die Folgen spüren Betroffene ein Leben lang.

So trennten sich die Eltern von Mario Lewalter als er Zweieinhalb war. Doch bis heute verfolgt den 44-Jährigen die Trennung von seinem Vater. "Ich habe ihn ausgeblendet. Er war etwas Schlechtes, was nicht zu mir gehört", sagt er. Dabei wohnte der Vater damals direkt um die Ecke. Doch alles, was Lewalter über seinen Vater wusste, hatte ihm seine Mutter erzählt. Diese heiratete bald nach der Trennung wieder und bekam ein weiteres Kind. Nach außen war es eine normale Familie, für den Sohn aber blieb der innere Konflikt.

Kind Entfremdung
Bis heute verfolgt Mario Lewalter die Trennung von seinem Vater. Bildrechte: MDR exakt

"Meine Mutter hat immer gesagt, wenn wir uns gestritten haben: Du bist wie dein Vater", erzählt Lewalter. "Das war damals richtig schlimm: Es war schlimmer als wenn meine Mutter mich geschlagen hat." Für ihn bedeuteten diese Worte: Er sei böse und schlecht.

Als sich plötzlich der Vater meldet

Kurz vor der Wende geht seine Mutter mit dem neuen Mann und den Kindern in den Westen. Der Kontakt zum Vater bricht völlig ab. Als Lewalter erwachsen wird, bekommt er bald körperliche Beschwerden und seelische Not. Vieles arbeitet er in einer Therapie auf. Erst Jahrzehnte später trifft er seinen Vater wieder. Der hatte nach Jahren seine Nummer im Internet gefunden – ein Einschnitt in Marios Leben.

"Und dann klingelt das Telefon und da sagt jemand, hier ist dein Vater. Ich war völlig überrannt in der Situation", berichtet Lewalter mit brüchiger Stimme. Es dauerte noch über ein halbes Jahr bis Mario bereit war, seinen Vater wirklich zu treffen. Er fuhr nach Jena. Das war vor sieben Jahren. Das erste Treffen bleibt unvergessen.

"Man gehört zusammen", sagt der Vater von Lewalter, Karl-Heinz Bittmann. "Wir haben uns zwar 35 Jahre nicht gesehen, aber man hat eben gefühlt, das war ein Stück Leben von dir." Die gemeinsame Zeit ist jedoch nicht aufzuholen. Zudem befindet sich Mario Lewalter in dem gleichen Konflikt mit seiner eigenen Tochter. Seit über einem Jahr schon hat er sie nicht gesehen. Wie ein roter Faden zieht sich die Entfremdung durch sein Leben.

Experte: Eltern-Kind-Entfremdung justiziabel machen

Ein Holzhammer auf Paragrafenzeichen.
Stefan Rücker fordert Eltern-Kind-Entfremdung justiziabel zu machen. Bildrechte: imago images / Steinach

Dieses Phänomen benötige viel mehr Aufmerksamkeit, sagt Stefan Rücker. Er fordert Eltern-Kind-Entfremdung justiziabel zu machen: "Wenn Sie ein Kind körperlich verletzen, dann wird jeder sehen, dass das ein Unrecht ist." Doch was nicht sichtbar sei, sei auch nicht existent. "Deswegen wird das Ausmaß der Entfremdung von den Fachdisziplinen so nicht wahrgenommen."

Deshalb plädiert Rücker für stärkere Eingriffsmöglichkeiten, wie etwa in Österreich. Dort sind Eltern in Kontaktrechtsverfahren laut Außerstreitgesetz dazu verpflichtet, sich auf eigene Kosten beraten zu lassen. In Deutschland können Gerichte eine Beratung zwar anordnen, grundsätzlich aber setzt man auf Freiwilligkeit und Kooperation.

Denn "die Mehrheit der Experten hält den vorgesehenen Maßnahmenkatalog für die Familiengerichte für ausreichend", antwortet das Bundesjustizministerium auf Anfrage von MDR exakt. Eine erfolgreiche Beratung oder Mediation setze die Kooperation der Eltern voraus und ließe sich nicht mit Zwang durchsetzen, heißt es in der Stellungnahme weiter.

Vater suchte vergeblich Hilfe bei Justiz und Jugendamt

Doch was passiert, wenn eben ein Elternteil nicht kooperiert? So verweigerte auch Dirk Naumanns Ex-Partnerin nach mehreren erfolglosen Terminen die Beratung. Jahrelang suchte er Hilfe beim Jugendamt und bei der Justiz. Seine Anwältin beantragte sogar ein Ordnungsgeld gegen die Mutter, damit der Kontakt zur Tochter wieder auflebt. Doch es hat alles nichts gebracht.

"Die Problematik ist hier der Nachweis", sagt die Fachanwältin für Familienrecht, Claudia Bastam. Es müsse nachgewiesen werden, dass Vereitelung des Umgangs durch den anderen Elternteil stattfinde und eben nicht dem Eindruck folgend, dass das Kind nicht wolle.

Doch wie kann herausgefunden werden, ob ein Kind das sagt, was es wirklich meint? Oder nur das, was ein Elternteil hören will? Die Ex-Partnerin von Dirk Naumann will sich gegenüber MDR exakt nicht dazu äußern. Rechtlich ist der Vater an den Grenzen, doch eine Hoffnung bleibt. "Dass es klingelt. Dass wir zusammen Eis essen und dass sie dann wieder kommt." Er würde dann wieder mit ihr spielen, als wenn nichts gewesen sei. Im Haus ist alles noch wie vor zwei Jahren: Im Kinderzimmer stehen die Spielsachen. Die Fotos an den Wänden erzählen von den gemeinsamen Urlauben und Konzertbesuchen.

Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | exakt | 14. Oktober 2020 | 20:15 Uhr