Evangelische Kirche Bischof verteidigt kirchliche Seenotrettung

Seit Mitte August kreuzt das Rettungsschiff Sea-Watch 4 vor der Libyschen Küste, um Flüchtlinge zu retten. Das Schiff fährt im Auftrag des von der Evangelischen Kirche in Deutschland gegründeten Vereins "United 4 Rescue". Die Anschaffung des Schiffs hatte die Synode der EKD im vergangenen Jahr in Dresden beschlossen. Nun kritisierte der Leipziger Anwalt Till Vosberg, Mitglied der sächsischen Landessynode, das Projekt.

Das Rettungssschiff "Louise Michel" transferiert im Mittelmeer mehr als 150 gerettete Menschen zum Rettungsschiff Sea Watch 4.
Die Sea Watch 4 (links) hat seit Mitte August bereits mehrere Hundert Flüchtlinge aufgenommen. Bildrechte: Chris Grodotzki/Sea-Watch.org/dpa

Es sei auch bei den Kritikern des kirchlichen Rettungsschiffes Sea-Watch 4 Konsens, dass kein Mensch zur Abschreckung von der Flucht ertrinken dürfe, sagte Till Vosberg Anfang September der Chemnitzer Freien Presse. Im Mittelpunkt der Kritik an der Seenotrettung von Flüchtlingen stehe aber "die Verschiffung junger Männer aus Afrika und deren Verbringung nach Europa statt in die meist näher gelegenen Häfen Nordafrikas", erklärte Vosberg.

Ein Interview mit MDR Aktuell lehnte der Leipziger Anwalt ab. Er wolle nicht falsch verstanden werden. Landesbischof Tobias Bilz versucht, die kritische Haltung Vosbergs und anderer Kirchenglieder nachzuvollziehen: Till Vosberg ginge es wohl auch darum, dass Menschen ihre christliche Motivation abgesprochen werde, wenn sie das Projekt kritisch sähen.

Landesbischof befürwortet Seenotrettung

Bereits während der Synode der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) im November 2019 hatte Till Vosberg als einziger dem Beschluss des Plenums offen widersprochen, ein Rettungsschiff auszusenden. Solch ein Votum sei bindend, betont Landesbischof Bilz. Man müsse eben auch jene verstehen, die sich als Christen für die Seenotrettung einsetzten: "Die fokussieren sich eben auf das Leid der Betroffenen und sagen, wir können nicht warten bis die Politik endlich so weit ist, Lösungen zu finden, sondern wir müssen schauen, dass möglichst wenige Menschen im Mittelmeer sterben." Das könne er nur unterstützen, sagt Bilz. Er unterstreicht: "Ich bin absolut dafür."

Zumal für die Sea-Watch 4 weder Kirchensteuermittel noch andere kirchliche Gelder verwendet würden, sondern ausschließlich Spenden, erläutert der sächsische Bischof. Wenn die Staaten nicht in der Lage seien, dieses Problem zu lösen, übernehme das eben die Zivilgesellschaft. Das Argument, Seenotretter würden den Schleppern in die Hände arbeiten, überzeuge ihn nicht, betont Landesbischof Bilz: "Ein Seenotrettungsschiff, das Not lindert, hat nicht die Kraft, in Herkunftsländern eines ganzen Kontinents auszulösen, dass Menschen sich auf den Weg machen." Es gebe keine überprüfbaren Belege, dass dem so sei.

Kritik trägt zur Diskussionskultur der Kirche bei

Till Vosberg hingegen meint, die Kritik zahlreicher Kirchenmitglieder an der Seenotrettung aufgreifen zu müssen – und stellt sogar einen Zusammenhang zu den vielen Kirchenaustritten her. Bischof Bilz widerspricht auch da. Die Menschen träten aus vielen Gründen aus der Kirche aus.

Für die Zukunft der Kirche sei es jedoch existentiell notwendig, Kritik auszuhalten und vor allem, über gegensätzliche Meinungen zu diskutieren, sagt Bilz. Und dazu trage eben auch der Synodale Till Vosberg bei. Vosberg sei jemand, der Dinge ausspreche, die andere nicht aussprächen: "Ich denke, indem er solche Meinungen äußert, auch mal in der Zeitung, kommen sie in die Diskussion und können auch bearbeitet werden. Insofern bin ich da ziemlich entspannt."

"Leises Sterben verhindern"

Eines stellt der sächsische Landesbischof jedoch klar: Schiffe wie die Sea-Watch-4 retteten Menschenleben und versuchten damit auch, die Öffentlichkeit wachzuhalten. Es gelte zu verhindern, "dass es da ein leises hundertfaches und vielleicht tausendfaches Sterben gibt und dass die Lösungen für die Ursachen nicht in Angriff genommen werden."

Die Katastrophe im Flüchtlingslager Moria zeige, wie notwendig eine politische Lösung auf europäischer Ebene sei, so Bischof Tobias Bilz. Dass das bisher so wenig geschehen sei, sei eine Schande für das christliche Abendland.

Dieses Thema im Programm: MDR AKTUELL RADIO | 16. September 2020 | 05:00 Uhr

105 Kommentare

DER Beobachter vor 9 Wochen

Ihre Denke hier zu einem gesellschaftichen Leitbild zu erheben, würde geradewegs in Chaos und Anarchie führen wie "da unten". Adam Smith taugt nun mal nichts im Zuammenleben der Gemeinschaft. Ich hoffe, Sie sind, sollten Sie oder Ihre Angehörigen einmal darauf angewiesen sein, konsequent genug, die Hilfe durch kirchliche Träger wie Diakonie, kirchliche Krankenhäuser oder Rettungsdienste abzulehnen und sich nicht auf einem kirchlichen Friedhof bestatten zu lassen...

DER Beobachter vor 9 Wochen

Unabhängig vom eigentlich säkular sein müssenden Staat (was ich begrüße) wird eine Kirche, die ihren christlichen Auftrag ernst nimmt, immer auch politisch sein. Erinnert sei in diesem Zusammenhang nur an Jesu Kreuzigung oder etwa die Ermordung Dietrich Bonhoeffers...

DER Beobachter vor 9 Wochen

"Christliche Werte - welche sind das denn?" Öhm - Liebe deinen Nächsten wie dich selbst. Oder: Du sollst kein falsches Zeugnis ablegen wider deinen Nächsten (nicht lügen und v.a. niemanden verleumden) usw.