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Die Kommunikation im Internet verändert auch die Sprache in der nicht virtuellen Welt. Bildrechte: imago/Photocase

Nach dem Anschlag in Halle Online-Antisemitismus zeigt auch offline Wirkung

Grenzüberschreitungen sind im Internet an der Tagesordnung. Auch antisemitische Äußerungen nehmen dort zu. Damit verschiebt sich auch die Grenze des Sagbaren im Alltag stetig, sagen Experten.

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Die Kommunikation im Internet verändert auch die Sprache in der nicht virtuellen Welt. Bildrechte: imago/Photocase

Antisemitische Äußerungen machen schon auf den Schulhöfen im alltäglichen Sprachgebrauch ihre Runde. "Du, Jude!" sei unter Jugendlichen längst eine gängige Beleidigung, erklärt Ruth Röcher, die Vorsitzende der Jüdischen Gemeinde in Chemnitz. Sie habe versucht, bereits vor rund eineinhalb Jahren in Gesprächen Pädagogen für die Thematik zu sensibilisieren. Mit Schulleitern und Lehrern an verschiedenen Schulen in Chemnitz habe sie diesbezüglich Kontakt aufgenommen. Und sie sei mit ihrem Anliegen gescheitert.

"Die haben mich überhaupt nicht verstanden. Es wurde mir mitgeteilt von Schulleitern, das ist ein modernes Schimpfwort. Das bedeutet gar nix. In zwei Jahren haben wir ein anderes modernes Schimpfwort.", erinnert sie sich. Für die Vorsitzende der Jüdischen Gemeinde in Chemnitz eine fatale Fehleinschätzung. "Ich denke, das ist doch zu leicht genommen. Weil, es fängt damit an und sukzessiv, so peu a peu, kommt es dazu, dass jemand dann etwas tut", sagt Ruth Röcher.

Provokationen innerhalb der virtuellen Kommunikation

Ein Grund für den schleichenden Antisemitismus sieht Florian Eisheuer von der Amadeu Antonio Stiftung in der virtuellen Kommunikation. Dort seien Provokationen an der Tagesordnung. "Es gibt gerade im Online-Bereich die Tendenz zur Grenzüberschreitung", erklärt der Politikwissenschaftler. Und das sei Absicht, um die Reaktionen des virtuellen Gegenübers auszutesten. "Trolling" benennt er das Verhaltensmuster, welches genutzt werde, "um andere in ihren moralischen Grundfesten zu erschüttern und entsprechende Situationen zu provozieren".

Florian Eisheuer
Florian Eisheuer, Antisemitismusforscher Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Die sich im Wandel befindende Sprache im Internet bliebe nicht ohne Folgen für die reale Kommunikation. "Der Online-Antisemitismus, der stark zugenommen hat in den letzten Jahren, hat natürlich Effekte auf die Offlinewelt", sagt Florian Eisheuer. "Die Abgrenzung von Online- und Offlinewelt ist eine ziemlich künstliche, das heißt Online-Antisemitismen haben auch Offline- Effekte", führt der Politikwissenschaftler weiter aus.

Die Grenzen des Sagbaren, wenn sie online verschoben worden sind, sind dann auch im Offline-Leben verschoben.

Florian Eisheuer, Amadeu Antonio Stiftung Exakt

Unwissenheit über den Holocaust

Vielen Jugendlichen und jungen Erwachsenen fehlt heute der geschichtliche Bezug zu den Themen Antisemitismus und Holocaust. "40 Prozent der jungen Erwachsenen und Jugendlichen in Deutschland wissen nichts oder nur sehr wenig über den Holocaust", erklärt Florian Eisheuer. Die Jüdische Gemeinde Chemnitz hat dies nach Angaben von Ruth Röcher selbst erlebt. Die Einrichtung habe anonym per Post eine Rückfahrkarte nach Israel zugeschickt bekommen. Die Polizei sei informiert und der Brief an die Ermittler übergeben worden.

Ruth Röcher
Ruth Röcher, Vorsitzende der Jüdischen Gemeinde in Chemnitz Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Bei einer Mahnwache an der jüdischen Synagoge in Chemnitz am vergangenen Freitag wurden die Teilnehmer auch Zeugen von antisemitischen Vorfällen. "Als die Straßenbahn vorbeifuhr, hat jemand den Hitlergruß gemacht. Also, vor fünf Jahren gab es solche Sachen nicht. Oder, dass nachdem eine Schülergruppe hier zu Besuch war, wir Hakenkreuze auf der Männertoilette finden. Das sind Sachen, die vorher nicht da waren", betont Ruth Röcher, Vorsitzende der Jüdischen Gemeinde in Chemnitz. Ihre Wahrnehmung wird auch durch den neuen "ARD-DeutschlandTrend" gestützt, der am 18. Oktober veröffentlicht wurde. 59 Prozent der Befragten gaben an, dass sich der Antisemitismus in Deutschland ausbreite. Das ist ein Zuwachs von 19 Prozent im Vergleich zum Vorjahr.

Antisemiten sind heute besser vernetzt

In Deutschland werden pro Tag vier bis fünf antisemitische Straftaten gemeldet. Auf diesem Niveau sind die Zahlen seit 20 Jahren, so Samuel Salzborn. Er arbeitet am Zentrum für Antisemitismusforschung an der TU Berlin. In Bezug auf den Antisemitismus zeige sich seit "gut 20 Jahren ein relativ stabiles Bild", sagt der Experte.

Wir haben etwa 15 bis 20 Prozent Antisemiten und Antisemitinnen in der deutschen Gesellschaft, das ist hoch. Das ist im Prinzip der antisemitische Bodensatz in Deutschland.

Samuel Salzborn, Zentrum für Antisemitismusforschung Exakt
Samuel Salzborn
Samuel Salzborn, Antisemitismusexperte Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Was sich aber verändert habe, sei die virtuelle Lebenswelt von Antisemiten. "Dass sie interagieren, sich sozial stabilisieren über soziale Medien im Internet. Es gibt eine Radikalisierung, Antisemitismus ist besser vernetzt und er ist vor allem gewalttätiger geworden", beschreibt der Antisemitismusexperte. In Online-Spielen, Foren und Chatboards vernetzen sich heute Antisemiten aus aller Welt. Sie tauschen Propaganda aus und können sich gegenseitig aufstacheln. Das Netzwerkdurchsetzungsgesetz, wonach rechtswidrige Inhalte innerhalb von 24 Stunden gelöscht sein müssen, nachdem sie gemeldet wurden, erfasst diese Kanäle nicht.

90-jährige Holocaustleugnerin sitzt in Haft

Auch eine mehrfach verurteilte Holocaustleugnerin wie Ursula Haverbeck nutzt das Internet, um ihre kruden Thesen zu verbreiten. Die Zeiten, in denen Leute wie sie auf Auftritte in Hinterzimmern angewiesen waren, sind längst vorbei. Unter Berufung auf Pseudo-Experten behauptet sie, es habe nie Gaskammern in Auschwitz gegeben. "Eine furchtbare Untat ohne Tatort kann keine Tatsache sein." behauptete die Holocaustleugnerin. Seit Mai 2018 sitzt die heute 90-Jährige wegen mehrfacher Volksverhetzung in Haft.

Ihre Thesen verbreiten sich aber weiter im Netz. Die Schar derer, die die Internet-Seiten prominenter Holocaustleugner wie Ursula Haverbeck nutzen, sei aber nicht größer geworden, sagt Samuel Salzborn. Langzeitbeobachtungen würden das belegen. "Aber die Vernetzung ist intensiver geworden", erklärt der Antisemitismusexperte.

Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | Exakt | 16. Oktober 2019 | 20:15 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 18. Oktober 2019, 13:51 Uhr