Schlachtindustrie Nur 5 Cent mehr pro Kilo Fleisch?

Das Ende der Werkverträge in der Fleischindustrie würde zu erheblichen Kosten- und damit Preissteigerungen führen, sagen Vertreter der Branche. Ein Experte für die Fleischwirtschaft macht eine deutlich günstigere Rechnung auf.

Ein Schwein in einem Stall schaut nach draußen.
Bildrechte: imago/Jörn Haufe

Deutschland ist das Zentrum der Billigfleischproduktion in Europa – doch das hat Folgen: Für die Tiere, für die Arbeiter und auch auf das Fleisch. Nach den Coronavirus-Infektionen in mehreren Schlachtbetrieben hatte Bundesarbeitsminister Hubertus Heil Konsequenzen angedroht: "Wir werden in der Fleischindustrie gründlich aufräumen." Doch geht dies nur, wenn das Fleisch teurer wird? Derzeit gibt es sie wieder, die Grillsteaks für unter sieben Euro pro Kilogramm.

Fest steht: Seit Jahren ist bekannt, wie viel in der Fleischindustrie in Deutschland schief läuft. In Tönnies-Betrieben in Weißenfels und Zerbst sollen die Stunden nicht bezahlt worden sein und wer krank war, habe seinen Job verloren. Zudem waren, als MDR exakt vor drei Jahren das erste Mal dort war, bis zu zehn Männer in einer kleinen und schmutzigen Wohnung untergebracht worden – und dafür zahlte jeder von ihnen 160 Euro pro Monat. "Du arbeitest dort wie ein Sklave, wie ein echter Sklave. Du bist kein Mensch für sie", sagt ein Arbeiter heute. Denn seit damals hat sich an den Bedingungen dort nicht viel geändert.  

Fleischunternehmen: Preis könnte deutlich steigen

Ein Grund für solche Probleme: Die Arbeiter in Schlachtbetrieben sind fast alle bei Subunternehmern angestellt, den sogenannten Werkvertragspartnern. So werden Kosten gespart. Die Folge: Billiges Fleisch im Supermarkt auf Kosten der Arbeiter. Das soll sich nun ändern. Die Bundesregierung will Werksverträge verbieten. Unternehmen wie Tönnies müssten ihre Mitarbeiter dann direkt anstellen.

Das könnte den Preis pro Kilo um "1 Euro bis 1,30 Euro" steigern, sagt der Chef des Verbandes der Ernährungswirtschaft, Vehid Alemić. Der Vertreter der Fleischunternehmen sagt, die Erhöhung komme durch die fehlende Flexibilität der Unternehmen, wenn sie die Mitarbeiter selbst anstellen müssten. Denn dies würde die Personalkosten um 10 bis 20 Prozent erhöhen. "Will die Branche dies vermeiden, so verbleibt am Ende des Tages nur eine Verlagerung ins Ausland."

Profit wird nur über Masse erzielt

"Es dürften nicht mehr als 5 Cent pro Kilo Mehrkosten werden, wenn Tönnies die Leute selber anstellt", sagt Professor Achim Spiller von der Universität Göttingen. Der Experte für die Fleischwirtschaft rechnet vor: Wenn man von einer hohen Summe an Kostensteigerungen ausgehe – 10.000 Euro pro Mitarbeiter – dann entstünden für die 8.200 Werkvertragskräfte bei Tönnies etwa 82 Millionen Euro. "Tönnies schlachtet im Jahr 16,7 Millionen Schweine. Und wenn Sie das jetzt runterrechnen, dann sind das 5 Euro pro Schwein. Ein Schwein wiegt ungefähr 100 Kilogramm. Dann sind das 5 Cent pro Kilo." Das könne die Schlacht- und Verarbeitungsindustrie in Deutschland verkraften.

Der Professor für "Marketing für Lebensmittel und Agrarprodukte" sagt aber auch: Die Margen sind klein. Wirkliche Profite würden nur die Unternehmen erzielen, die große Massen produzieren. Das sind nur wenige Unternehmen in Deutschland. Die größten vier decken mittlerweile 64 Prozent aller Schweineschlachtungen ab. Tönnies allein kommt auf 30 Prozent. Viele kleinere Firmen konnten bei den Preisen der Großen nicht mithalten und haben aufgegeben.

Fleisch als Lockmittel für Supermärkte

Doch woher kommt dieser Kostendruck? "In Deutschland ist Fleisch über viele Jahre hinweg so ein Lockvogelangebot für den Lebensmitteleinzelhandel gewesen", erklärt Achim Spiller. Dort habe man viel auf Dauer-Niedrigpreise in den Discountern und Sonderangebote bei den Supermärkten gesetzt. Mit Fleisch sei versucht worden, die Kunden in die Läden zu bekommen. "Den Preisdruck hat man in der Kette weitergegeben – an die Fleischindustrie, bis hin in die Landwirtschaft."

Zuchtferkel im Stall
Der Betrieb in Stresow verkauft alle Mastschweine an Tönnies in Weißenfels. (Symbolbild) Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

"Vielen Landwirten steht im Prinzip eine geballte Marktmacht aus Lebensmittel-Einzelhandel und Schlachtindustrie gegenüber", sagt Dirk Breske. Er ist der Verantwortliche für die Schweineproduktion in einem Betrieb in Stresow bei Magdeburg. In dem Unternehmen gibt es 2.000 Sauen und etwa 10.000 Mastschweine. Alle werden an Tönnies in Weißenfels verkauft. Vor einem halben Jahr hat die Alternative in Altenburg dichtgemacht. "Im Prinzip haben wir hier im Osten noch einen einzigen großen Schlachthof", sagt Dirk Breske. Es ist der in Weißenfels. Mit solch einer geballten Marktmacht, werde "uns im Prinzip jede Möglichkeit genommen, Einfluss zu nehmen".

Die Schuld für diese Situation sieht Landwirt Breske trotzdem nicht bei Tönnies, sondern bei den Supermärkten, die billiges Fleisch verkaufen wollen. Der Lebensmittelhandel gestalte die Preise. Und dieser gebe den Kostendruck weiter an die Landwirte über die Schlachtindustrie, die ebenfalls äußerst effizient arbeiten müsse. "Wir können den Druck an niemanden weitergeben", sagt der Landwirt.

In Dänemark liegt der Lohn im Schnitt bei 27 Euro

Billige Tiere und billige Arbeiter in perfektionierten Schlachtunternehmen. Das ist auch in den deutschen Nachbarstaaten bekannt. Deutschland produziert mittlerweile fast ein Viertel des Schweinefleischs der ganzen EU.

So musste etwa Dänemark seit 2000 einen Rückgang der Schlachtungen um ein Fünftel auf 16 Millionen pro Jahr verzeichnen. Währenddessen sind diese in Deutschland um 12 auf 55 Millionen gestiegen. Die Dänen sagen: Sie konnten mit den Billiglöhnen in Deutschland nicht mehr konkurrieren. In der Fleischbranche sind dort rund 10.000 Arbeitsplätze verloren gegangen.

In Dänemark liegt der Durchschnittslohn in der Fleischbranche bei etwa 27 Euro, in Deutschland sind es dagegen knapp 10 Euro – also der Mindestlohn. Dennoch ist das Fleisch beim skandinavischen Nachbarn nicht teurer, sagt Jim Jensen, von der Gewerkschaft NNF, die in Dänemark für die Fleischindustrie zuständig ist.

Der Gewerkschafter Jensen sagt, dass der Anteil der Lohnkosten am Preis eines Koteletts in Dänemark bei etwa drei Prozent liege und in Deutschland seien es etwa zwei Prozent. "Es gibt fast keinen Unterschied. Aber durch die billigen Löhne, können in Deutschland höhere Gewinne erzielt werden."

Mehr zum Thema

Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | exakt | 19. August 2020 | 20:15 Uhr

6 Kommentare

Jan vor 10 Wochen

Bei so einer geringen Preiserhöhung werden viele weiterhin das Fleisch aus der Massentierhaltung nehmen - leider!
Liebe Verbraucher, ihr seit gefordert, weniger Fleisch zu konsumieren und das Fleisch bei dem Fleischer zu holen, dem ihr vertraut. Nur so wird sich was Ändern - an der Qualität und für die vielen Tiere

part vor 10 Wochen

@Rasselbock hat es schon auf den Punkt gebracht. Im Billiglohnland Deutschland wurde seit Jahrzenten nur darauf gesetzt andere EU- Staaten mit deutschen Arbeitsmarkt- und Subventionierungsmodellen auf Standart zu bringen, wenn dabei noch prekär Beschäftigte aus dem Osten Europas eingesetzt werden um so besser für das Sponsoring von Fußballvereinen durch Einzelunternehmer, die früher schon mal in der staatlichen Überprüfung zum Gammelfleischskandal landeten. Wenn aber China bestimmte Industriezweige staatlich subventioniert, dann ist dies plötzlich rechtswidrig und verlangt nach höheren Einfuhrzöllen. Für dieFleischindustrie werden sich andere Beschäftigungsmodelle finden...oder der Takt an der Transportanlage für Schlachtvieh wird erhöht, zu wichtig ist der Kurs an der Börse ...
Mich betrifft dies aber nicht so sehr, ich verzichte auf den Konsum von Fleisch und vegetarischen Produkten, die Fleischprodukten nachempfunden wurden.

Rasselbock vor 10 Wochen

Es wird oft vom sogenannten Sozialschmarotzer geredet. Oft werden , auch oft zu Unrecht, HARTZ4 dafür gescholten. Aber es geht auch anders, der Unternehmer als Sozialschmarotzer, billige Löhne zahlen, sein Personal muss dann aufstocken gehen, die Folgen sind schmale Renten die Leute wieder zum Amt zwingen etc. aber sich selbst die Taschen vollstopfen. Es wird hohe Zeit das in dem asozialen Saustall der Fleischwirtschaft etwas aufgeräumt wird.