Freilerner Kinder bleiben zu Hause - trotz Schulpflicht

Freilerner bilden sich selbstbestimmt und selbstorganisiert. So beschreibt es die Freilerner-Solidargemeinschaft. Anhänger dieser Bewegung zweifeln die institutionelle Notwendigkeit der Schule an. Die Kinder bleiben zu Hause. Ihre Eltern vertrauen darauf, dass die Kinder am besten wissen, wann und was sie lernen. Dafür nehmen die Eltern einiges in Kauf – von Geld- bis hin zu Haftstrafen.

Geschätzte 1.000 bis 2.000 schulpflichtige Kinder in Deutschland gehen nicht zur Schule. Zu ihnen gehört auch die zehnjährige Dorothea aus Potsdam. Zu Hause übt sie mit ihrer Mutter das Lesen. Rechnen, Schreiben und Lesen lernt sie wann und wie sie möchte.

Nur rund ein Jahr lang  besuchte die Zehnjährige eine Schule. Doch es war ihr zu laut, es gab zu viel Druck und das frühe Aufstehen lag ihr auch nicht. Trotzdem sie zu Hause bleibt, lerne sie jeden Tag, rechne zum Beispiel Geld zusammen, denn so etwas sei ja wichtig, erzählt Dorothea.

Dorotheas älteste Schwester Bettina besuchte zunächst die Schule, wollte Abitur machen. Dann wirft sie hin – ohne Abschluss. Der zwölfjährige Bruder wurde auf einer Waldorfschule gemobbt, auch die damals 17-jährige Schwester Anni fühlte sich unwohl. Die Eltern entscheiden: Die Kinder dürfen zu Hause bleiben.

Angela und Kristian Schickhoff sind beide studierte Historiker. Mutter Angela trägt ein T-Shirt mit der Aufschrift "Schulfrei". Sie meint, Lernen im 45-Minuten-Takt verhindere Neugierde und Kreativität. In der Schule würde man nur Zeit vergeuden, um dann weniger Zeit für die Dinge zu haben, die wirklich Spaß machen, so die vierfache Mutter. Ihre Kinder könnten ja Abitur machen – nur eben extern.

Lehrer-Gewerkschaft warnt vor Entscheidungsfreiheit

Drei Kinder auf dem Weg zur Schule.
Wird die Schulpflicht nicht eingehalten, drohen Geldbußen und Haftstrafen Bildrechte: Colourbox.de

Ursula-Marlen Kruse, die Vorsitzende der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft in Sachsen, sagt, man könne die Entscheidung nicht nur den Eltern überlassen. Natürlich greife die Schulpflicht in die Befugnisse der Eltern ein. Doch was wäre, so Kruse, wenn zum Beispiel Reichsbürger oder religiöse Fundamentalisten auf die Idee kämen, ihre Kinder selbst zu unterrichten? Man müsse Kinder daran gewöhnen, so Kruse weiter, dass es in einer Gesellschaft Konflikte gibt, aber auch Freundschaften. "Zu Hause lernen Kinder das zu wenig", fürchtet die Pädagogin.

Vorurteile gegen Freilerner

Es muss Ausnahmen geben, sagt hingegen Andreas Vogt. Der Rechtsanwalt vertritt Familien wie die Schickhoffs. Er sei nicht gegen die Schulpflicht, doch in fast allen westlichen Ländern und vielen Nachbarländern sei es auch heute noch möglich, ohne Schulbesuch zu lernen.

In Österreich zum Beispiel können Kinder von der Schule freigestellt werden. Am Ende des Jahres müssen sie eine Prüfung ablegen. "Das Vorurteil, was natürlich diesen Menschen entgegenschlägt, ist, dass es Spinner seien, Freaks oder Aussteiger -Typen", erklärt der Anwalt. "Aber nach meiner Erfahrung ist es so, dass dieses Thema gerade in den letzten Jahren stark in die Mitte der Gesellschaft gerückt ist. Es sind sehr bildungsambitionierte Eltern, auch Akademikerelter. Ich habe auch schon Hochschullehrer-Anfragen bekommen."

Es drohen Geldbußen und Haftstrafen

Wer sich wie Familie Schickhoff der Schulpflicht widersetzt, begeht eine Ordnungswidrigkeit. Die wird mit Buß –und Zwangsgeldern geahndet. Wer seine Kinder nicht zur Schule schickt, begeht in einigen Bundesländern eine Straftat. Dann kann sogar ein Freiheitsentzug mit bis zu sechs Monaten drohen. Den Schickhoffs aus Potsdam wurden das Sorgerecht für schulische Angelegenheiten sowie das Aufenthaltsbestimmungsrecht für ihre Kinder entzogen.

Das Sorgerecht wurde den Eltern vom Oberlandesgericht mittlerweile wieder zugesprochen. Weil die Kinder dennoch nicht zur Schule gehen, sollen sie ein Zwangsgeld von rund 5.000 Euro zahlen. Weil sie das nicht können und wollen, droht nun sogar Zwangshaft. Aber selbst die würde Angela Schickhoff auf sich nehmen, damit ihre Kinder zu Hause bleiben können.

Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | exakt | 03. April 2019 | 20:15 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 16. April 2019, 09:43 Uhr