Friedliche Revolution DDR-Überwachung in Leipzig intensiver als bisher bekannt

1989 ging von Leipzig der Untergang der DDR aus – dabei hatte die Staatssicherheit die Stadt noch viel besser im Griff, als bislang gedacht. Das zeigt ein aktuelles Forschungsprojekt zu konspirativen Wohnungen.

Vor genau 30 Jahren hielt der Pfarrer Christian Führer das Friedensgebet in der Leipziger Nikolaikirche ab. Die Demonstrationen nach den Friedensgebeten haben im Herbst zum Ende der SED-Diktatur geführt. Unter den Teilnehmern des Friedensgebets war auch ein Spitzel, der sich mit seinem Führungsoffizier in einer der sogenannten konspirativen Wohnungen traf, um die gesammelten Informationen auszutauschen. Von diesen Treffpunkten gab es in Leipzig weitaus mehr, als bislang angenommen.

1989 ging von Leipzig der Untergang der DDR aus – und das, obwohl die Staatssicherheit die Stadt eigentlich noch viel besser im Griff hatte, als bislang gedacht. Das zeigt ein aktuelles Forschungsprojekt zu konspirativen Wohnungen. "Die Liste, die die Stasi in Leipzig uns übergeben hat enthielt 90 konspirative Wohnungen und Objekte", erklärt Tobias Hollitzer, Leiter des Museums in der Runden Ecke. Bis Anfang der Neunziger Jahre seien dann 350 für das Stadtgebiet bekannt gewesen. Nach den neuen Erkenntnissen gab es in Leipzig bis zu 1200 konspirative Wohnungen der Staatssicherheit. Und das auf damals ungefähr eine halbe Million Einwohner.

Allein im Stadttzentrum hat es 150 solcher Treffpunkte gegeben

Blick auf die Leipziger Kirche St. Nikolai. In der Kirche fanden 1989 die Friedensgebete und nachfolgend die Montagsdemonstrationen statt.
In der Nikolaikirche fanden 1989 die Friedensgebete und später die Montagsdemonstrationen statt. Bildrechte: dpa

In diesen konspirativen Wohnungen haben sich Führungsoffiziere mit den inoffiziellen Mitarbeitern getroffen und Aufträge erteilt, erklärt Regina Schild, Leiterin der Leipziger Außenstelle des Stasi-Unterlagen-Archivs. Allein im Stadtzentrum von Leipzig hatte der DDR-Geheimdienst 150 konspirative Wohnungen, um sich heimlich mit seinen Agenten und Spitzeln zu treffen. "Die Leipziger Innenstadt war auch zu DDR- Zeiten schon belebt", sagt Tobias Hollitzer. Es waren dort viele Institutionen angesiedelt, es waren viele Menschen unterwegs. "Es fiel natürlich wenig auf, wenn Menschen, die dort sonst nicht unterwegs waren, plötzlich in ein Haus reingingen, anders als irgendwo im randstädtischen Bereich."

Eine dieser konspirativen Wohnung hatte den Decknamen "Brunnen". Dort hat sich Reinhard Pöller alias "Fuchs" mit seinem Führungsoffizier getroffen. Pöller bespitzelte die Leipziger Opposition in der Nikolaikirche. "Dort, in der Nikolaikirche, treffen zum größten Teil diejenigen Menschen zusammen, die einen Ausreiseantrag in die Bundesrepublik gestellt haben", sagt Pöller auf einem jetzt gefundenen Audio.

Nur ein einziger Audio-Mitschnitt erhalten geblieben

Der Nikolaipfarrer Christian Führer.
Der Nikolaipfarrer Christian Führer. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Von dem Friedensgebet in der Nikolaikirche am 3. Juli 1989 ist nur einziger Audiomitschnitt erhalten geblieben, der im ARD-Magazin "FAKT“ erstmals veröffentlicht wurde. Der inzwischen verstorbene Pfarrer wendet sich darin an die vor allem mit Ausreiseantragstellern gefüllte Kirche: "Ich mache den Versuch, Ihnen ein Stück Neues Testament auszulegen, obwohl ich weiß, dass viele von Ihnen weder das Alte noch das Neue Testament kennen und auch sonst nicht viel mit Kirche zu tun haben."

Dann spricht Christian Führer in der Fürbitte die Verhaftungen nach den Friedensgebeten an:  "Wir denken auch noch an Menschen, die zugeführt worden sind und in Untersuchungshaft sitzen. Wir haben Informationen, dass es dabei auch zu Körperverletzungen gekommen ist." Die Demonstrationen nach diesen Leipziger Friedensgebeten haben im Herbst 1989 dann zum Ende der SED-Diktatur geführt – trotz der intensiven Überwachung durch die Staatssicherheit.

Dieses Thema im Programm: Das Erste | FAKT | 02. Juli 2019 | 21:45 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 03. Juli 2019, 13:42 Uhr

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56 Kommentare

04.07.2019 22:10 Thomas Oeser 56

Hallo, Ihr Kommentar in allen Ehren aber um es nochmal klarzustellen, der Ursprung des Untergangs der DDR ging von Plauen aus. Darüber wurde auch eine Fernsehreportage erstellt um die irrtümliche Darstellung daß Leipzig der Auslöser war klar zu stellen. VG. Th. Oeser Bad Elster

04.07.2019 22:07 einfach ein normaler Bürger 55

Das heutige wieder vereinte demokratische Deuschland,mit der ehemaligen DDR zu vergleichen geht gar nicht und ist unschlau.
Einige wenige sehen die DDR verklärt noch mit roter Brille,genießen aber alle Vorteile unserer Gesellschaft.
Bis auf Nordkorea und teilweise Kuba gibt es das goße soz.Lager(Gott sei Dank) nicht mehr. Warum????
liebe DDR befürworter,also fahrt mal ohne Stress in den Urlaub--der Schießbefehl gegen die eigenen Bürger ist Vergangenheit,Vorsicht bitte in Nordkorea-

04.07.2019 20:57 Fragender Rentner 54

@Ludolf zu 53

Wenn wir Guten das euch nicht ständig wieder sagen, da könntet ihr es vergessen wie schlecht es war.

Deshalb ein Prost auf das Lied der Prinzen.

Wie ging es noch, es war nicht alles schlecht ... ?

04.07.2019 20:45 Ludolf 53

Wie glaubwürdig sind solche Nachrichten nach 30 Jahren?

04.07.2019 18:50 SRG 52

Warum hinterfragt eigentlich niemand die staatliche Überwachung (Stichwort neue Polizeigesetze z.B. in Bayern und Mecklenburg-Vorpommern) in diesem System? STASI & Co. Sind Vergangenheit aber das betrifft uns im HIER und im JETZT.

04.07.2019 16:28 Karl Stülpner 51

...und heute?
Staatstrojaner und Co?
In Hessen wird gerade außerparlamentarisch dagegen vorgegangen.
Was ist mit der Überwachung der Smartphones heute?
Hatte mich privat mehrfach über Waschmaschinen unterhalten. Ja, nicht telefoniert. Smartphone saß mit am Tisch. Nun bekomme ich ständig Werbung für Waschmaschinen. Natürlich reiner Zufall...
Neee neee, die DDR war ein Unrechtsstaat ohne Zweifel. Das Mißtrauen in dieser sogenannten Demokratie des Staates gegenüber seines Staatsvolkes scheint aber größer als in der ehemaligen DDR....

04.07.2019 12:08 falko 50

Hallo Hirsch (Kommentar 38), ..was heißt hier erfahrenes Spitzenpersonal. Die Amateure von damals haben es doch nicht drauf gehabt. Mission voll vergeigt. Die müssten erst eine mehrjährige Schulung machen um auf das heutige reale Spitzel- und Spionageniveau gebraucht zu werden. Den heutigen Leuten von "horch und guck" würde das garantiert nicht passieren. Und wer denkt das dort in dieser neuen Agentur auch nur einer von hier unterkommt .....meine Güte, die letzten 30 Jahre im Tiefschlaf zugebracht? Träumt weiter.

04.07.2019 10:43 Meckersack 49

@41 NN: So einen Quark habe ich auch noch nicht gehört! Die NATO- Stand vor der Wende wenige hundert Meter von Militärstützpunkten der Sowjetarmee entfernt, beide Seiten mit atomaren Artilleriegeschossen, hier bei uns in Deutschland! Würden Sie ernsthaft behaupten, dass das besser war, haben Sie sich dabei sicherer gefühlt!?

04.07.2019 10:40 karstde 48

@ fischotter 39: Mein Vater ist 92. Was denken Sie was der alles nicht vergessen sollte. Die Welt dreht und verändert sich und manche bleiben in alten Zeiten stehen. Heute ist es nicht anders, man macht es nur eleganter. Kurzum: Für mich ist das alter Käse.

04.07.2019 10:32 Sabrina 47

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