15 Jahre Hartz IV Was hat Hartz IV gebracht? – Ein Fallbeispiel

Andrea Illig hat über zehn Jahre Hartz IV bezogen. Heute ist sie in Festanstellung. Vom Jobcenter fühlte sie sich oft allein gelassen. mdr-exakt hatte sie in den letzten Jahren immer wieder mit der Kamera begleitet.

Bundesagentur für Arbeit 6 min
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15 Jahre Hartz-Gesetze: Wie hat sich das Leben der Hartz-IV-Empfänger geändert und haben sie es geschafft, wieder Arbeit zu finden?

Exakt Mi 29.01.2020 20:15Uhr 06:24 min

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Die Hartz-Gesetze, die im Januar 2005 in Kraft traten, sollten den Arbeitsmarkt reformieren und vor allem Arbeitslose schneller wieder in Arbeit bringen. Wie das in der Realität bei Andrea Illig aus Chemnitz aussah, konnte mdr-exakt seit 2007 mitverfolgen. Die damals 35-Jährige hatte nach der Wende eine Ausbildung zur Hauswirtschafterin absolviert. Einen Job jedoch fand sie danach nicht. Sie hielt sich mit Taxifahren über Wasser. Mit der Einführung von Hartz IV bekam sie Arbeitslosengeld II. Taxifahren war jetzt ein Nebenjob. Mehr zu arbeiten lohnte sich nicht. "Man konnte nicht so viel dazu verdienen. Das war ja damals nicht so. Ich war damals immer so an der Grenze", erklärte sie 2007 mdr-exakt. Da war sie eine von fast fünf Millionen Arbeitslosen in Deutschland.

Ärger mit der Zuverdienstgrenze

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Mit Taxifahren hat sie sich viele Jahre Geld dazu verdient. 2007 haben wir Andrea das erste Mal getroffen. Bildrechte: MDR/Exakt

Andrea wollte gern mehr Taxifahren, um das Haushaltsbudget aufzubessern. Als mdr-exakt-Reporter sie 2007 im Jobcenter kennenlernen, macht sie bei einem Termin mit ihrer Sachbearbeiterin ihrem Ärger über die geringen Zuverdienstmöglichkeiten Luft. Mit der Zuverdienstgrenze arrangierte sich Andrea schließlich, fuhr weiter nebenbei Taxi.

Wenn berufliche Perspektiven fehlen

Eine Frau sitzt vor ihrem PC.
2015 wollte sie eine Ausbildung zur Altenpflegerin machen. Da sie schon eine Ausbildung hatte, bekam sie dafür keine Unterstützung vom Jobcenter. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

2015 trafen wir Andrea wieder - Taxi fuhr sie da nicht mehr. Damals steckt sie in einer tiefen Krise. "Irgendwann hat man keine Lust mehr zu kämpfen. Im Moment sehe ich da nur schwarz bei mir", erklärte sie. Sie hatte inzwischen einen Anlauf genommen, um wieder “richtige” Arbeit zu finden. Die gelernte Hauswirtschafterin wollte zur Altenpflegerin umschulen - und das unbezahlt. Doch das Amt finanzierte aufgrund der geltenden Rechtslage keine zweite Ausbildung. "Die haben mich gesperrt", erklärte die Chemnitzerin damals. "Gebt mir doch wenigstens das Hartz IV, damit ich mein Zeug bezahlen kann. Ich mache doch die Ausbildung trotzdem nebenbei weiter", habe sie im Jobcenter gebeten. Die Antwort sei gewesen, sie solle zuhause bleiben. Dann bekäme sie wieder Hartz IV. "Das wurde mir gesagt", betonte die Hartz-IV-Bezieherin verbittert. Die Ausbildung zur Altenpflegerin hatte sie schließlich aus finanziellen Gründen abgebrochen.

Ich erhoffe mir vom Arbeitsamt gar nichts mehr. Die helfen mir nicht, die unterstützen mich nicht. Das habe ich selber am eigenen Leib erfahren müssen.

Andrea Illig mdr-exakt, 04.03.2015

Resignation durch Misserfolge

Stefan Sell
Für Sozialwissenschaftler Dr. Sell hat Hartz IV für Bezieher der Leistung auch vor allem viele Misserfolgserfahrungen gebracht. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Andrea bekam mittlerweile, mit kleinen Unterbrechungen, schon seit zehn Jahren Hartz IV. Damit gehörte sie 2015 zu den über 40 Prozent der Hartz-IV-Bezieher, die vier Jahre oder länger im System hängen geblieben waren. Für Sozialwissenschaftler Prof. Dr. Stefan Sell von der Hochschule Koblenz ist die Resignation hier eine logische Folge. "Bei vielen muss man fairerweise sagen, das sind Menschen die vor fünf, sechs Jahren anders getickt haben, die schlichtweg resigniert haben, die sich auch nichts mehr zutrauen, die oft auch nur Misserfolgserlebnisse hatten in den ganzen letzten Jahren", resümiert er. "Wir sollten also nicht zu schnell den Stab brechen über diese Menschen", sagt der Sozialwissenschaftler. Die damaligen Weiterbildungsangebote der Jobcenter beurteilt er kritisch. Billige Anbieter hätten hier die Zuschläge bei Ausschreibungen bekommen, um Kosten zu sparen. Dies sei zu Lasten der Ausbildungsqualität gegangen. Auch hätten viele kurze Maßnahmen viele Hartz-IV-Bezieher vorsorgen sollen. "Währenddessen die nachgewiesenermaßen am wirksamsten Maßnahmen, die Umschulungsmaßnahmen, wurden jahrelang verteufelt, fast auf null runter gefahren", kritisiert Dr. Sell.

Fachkräftemangel birgt neue Chancen

Busfahrerin Andrea
2016 machte Andrea einen durch das Jobcenter finanzierten Busschein - und befördert nun seit fast drei Jahren in Vollzeit Fahrgäste in Chemnitz. Bildrechte: MDR/Exakt

Andrea hat Hartz IV heute hinter sich gelassen, wie sie mdr-exakt im Herbst 2019 erklärt. Sie ist seit einiger Zeit fest bei einem lokalen Busunternehmen in Chemnitz angestellt. Hier kann die frühere Taxifahrerin auf ihre Erfahrungen im Straßenverkehr und im Umgang mit Fahrgästen aufbauen. Sie hatte die Chance genutzt, die ihr die inzwischen veränderte Situation am Arbeitsmarkt bot. Andrea machte 2016 den Busführerschein, finanziert vom Amt . 2005 war sie eine von rund fünf Millionen Arbeitslosen in Deutschland – heute beklagen die Arbeitgeber vor allem den Fachkräftemangel.

Andrea hat eine Vollzeitstelle und ihr eigenes Auskommen. "Du hast keine Vorschriften mehr. Du kannst mit deinem Geld machen, was du willst. Ich bezahle mein Zeug natürlich genauso. Man kann sich auch mehr leisten. Bei Hartz IV musst du jeden Cent umdrehen. Da bist du alleine kaum hingekommen. Es ist einfach geil, es ist einfach schön", freut sich die Chemnitzerin über ihr Leben ohne Hartz IV.

Du hast keine Vorschriften mehr. Du kannst mit deinem Geld machen, was du willst. [...] Es ist einfach schön.

Andrea Illig mdr-exakt, 29.01.2020

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Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | exakt | 29. Januar 2020 | 20:15 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 29. Januar 2020, 15:00 Uhr