Wenn Gartenland zu Bauland wird Laubenglück in Gefahr

Rund 900.000 Kleingärten gibt es in Deutschland – Tendenz sinkend. Die Anlagen werden zunehmend als Bauland begehrt. Denn oft sind sie zentral gelegen und teilweise schon erschlossen. Die Kleingartenanlagen sind oft die grüne Lunge der Stadt. Werden sie bebaut, hat das Einfluss auf das Mikroklima in den Städten, argumentieren die Gegner der Bebauung.

In den letzten vier Jahren ging die Zahl der Gartenparzellen allein in Mitteldeutschland um 5 Prozent zurück. Noch immer gibt es im Osten etwa 560.000 Kleingärten – doch ihre Zahl schwindet. Während viele Gärten keine Nutzer mehr finden, gibt es anderswo Streit um die grünen Oasen. Zentral gelegen, mit Straßen und Fußwegen, Stromleitungen und manchmal mit Wasserleitungen erschlossen, rücken die Kleingartenanlagen ins Visier von Bauherren.

Stadtplaner wie Ricarda Pätzold vom Deutschen Institut für Urbanistik verweist mit Nachdruck darauf, dass vor allem in den Großstädten der Druck, Wohnraum zu schaffen immens ist. Aber auch in kleineren und mittleren Städten sei es wichtig, attraktiven Wohnraum anzubieten: "Ich brauche Wohnangebote für Senioren, ich brauche Wohnangebote für die Auszubildenden, damit sie nicht wegziehen, damit sie erst gar nicht auf die Idee kommen, die Stadt zu verlassen. Ich brauche Wohnangebote für gestresste Familien aus den Großstädten."

Exakt die Story - Laubenglück in Gefahr
Bedrohtes Laubenglück. Vielerorts geraten Kleingartenanlagen als Bauland ind Visier. Bildrechte: MDR/ MIA/ Exakt - die Story

Und so komme auch immer stärker das Umland in den Fokus von Investoren. Damit ist nicht nur die "Gartenscholle" der Großstädter bedroht. Ricarda Pätzold vom Institut für Urbanistik sieht die Vorteile einer Bebauung der Anlagen: "Wir haben jahrelang mit den Städten diskutiert, dass sie nicht immer weitere Flächen im Außenbereich bebauen sollen, weil sie natürlich damit auch ihr Zentrum gefährden, wenn alle, auch in der Kleinstadt, immer weiter weg wohnen, keinen Bezug mehr haben zum Zentrum."

Angst um "grüne Lungen" der Städte

Doch es geht nicht nur um ein paar Quadratmeter Garten. Kleingartenanlagen tragen auch zur gesunden Luft in den Städten bei. Gerlinde Krause von der Fachhochschule Erfurt sagt, "Kleingartenanlagen haben natürlich eine sehr große klimatische Wirkung zu verzeichnen und zwar jetzt nicht so als Fläche wupps da ist die Kleingartenanlage, sondern wir haben also eine mikroklimatische Vielfalt. Die grünen Oasen sind ein Wasserspeicher. Die vielen Pflanzen und Bäume kühlen in heißen Sommern. Außerdem: Jeder bebaute Garten ist wieder ein Stück mehr Bodenversiegelung – so die Gegner der Bebauungspläne.

Magdeburg – Kleingartenanlage am Domfelsen

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Auf dem Domfelsen soll eine moderne Wohnanlage entstehen. Bildrechte: MDR/ MIA/ Exakt - die Story

15.000 Parzellen gibt es in Sachsen-Anhalts Landeshauptstadt. Die Gärten in der Kleingartenanlage am Domfelsen stehen auf einem Filetstück: Blick auf den Dom, Blick auf die Elbe – zentrale Lage. Die Anlage  muss weg. Die Magdeburger Wohnungsbaugesellschaft WOBAU und die Magdeburger Wohnungsgenossenschaft MWG wollen hier ein neues Stadtviertel bauen. Mit Kindertagesstätte, Café, öffentlichen Duschen und Ladestationen für Elektro-Fahrräder. Keine Eigentums- sondern Genossenschaftswohnungen, betont der Vorstand der Magdeburger Wohnungsgenossenschaft, Thomas Fischbeck. Der teure gute Boden bleibe weiterhin im Eigentum der Stadt Magdeburg. Dass die geplanten Wohnungen mit 12 Euro Miete pro Quadratmeter im oberen Preissegment angesiedelt sind, verteidigt Peter Lackner, Geschäftsführer der WOBAU.

Wir haben viele Chirurgen, Ärzte, die sagen: Ich stehe hier zehn Stunden am Operationstisch. Ich brauche kein Haus mit einem Garten, das kann ich auch nicht bewirtschaften, weil ich dann froh bin, wenn ich dann Feierabend habe und dann möchte ich einen schönen Blick haben, auf mein geliebtes Magdeburg.

Peter Lackner, Geschäftsführer WOBAU Exakt - Die Story
Die Gartenpartei protestiert in Magdeburg.
Proteste der Gartenpartei Magdeburg Bildrechte: MDR, honorarfrei

Während die Gartenpächter mehrere tausend Euro Entschädigung erhalten haben und viele sich mit dem Verlust ihres geliebten Stück Land arrangiert haben, machte die Gartenpartei mobil und sammelte fast 3.000 Unterschriften gegen das Vorhaben mobil. Auch durch den Widerstand gegen die geplante Bebauung der Kleingartenanlage konnte die Gartenpartei Magdeburg bei der Kommunalwahl 2019 sogar 4,2 Prozent der Stimmen erreichen. Ihr Hauptargument: Die Gärtner würden aus der Stadt gedrängt, so Harald Hartmann von der Gartenpartei: "Was die Stadträte verlangen, dass wir an den Stadtrand ziehen. Wenn wir mit dem Auto zum Stadtrand fahren, um einen Garten zu bewirtschaften, dann kann ich mir meine Mohrrübe auch bei Aldi holen."

 Bad Langensalza - Kleingartenanlage am Volkspark

Schon vor gut einem Jahr berichtete das MDR Nachrichtenmagazin exakt über Proteste im thüringischen Bad Langensalza. Der damalige Bürgermeister wollte die Kleingartenanlage am Volkspark bebauen lassen.

Kleingärtner protestieren in Bad Langensalza vor einer Stadtratsitzung.
Protestdemonstration im Juni 2018 in Bad Langensalza. Bildrechte: MDR/Thomas Kalusa

Ein großes Unternehmen könnte sich  in der 17.500-Einwohner-Stadt ansiedeln. Doch nur, wenn es genug hochwertigen Wohnraum für die Mitarbeiter gibt. Deshalb sollte die Kleingartenanlage am Volkspark weg. Die Bürger und Gärtner protestierten. Ein Jahr später gibt es einen neuen Bürgermeister – noch immer ist nichts endgültig entschieden. Die Pächter der 133 Parzellen der Anlage, die in diesem Jahr 100-jähriges Bestehen feiert, bleiben weiter im Ungewissen. Sie hoffen auf eine Entscheidung im Stadtrat, dass die Anlage dauerhaft geschützt wird. Doch die wird wieder und wieder vertagt.

Der Bürgermeister Matthias Reinz will attraktive Bauflächen für Familien. Das oft vorgebrachte Argument, in der Innenstadt stünden genügend Häuser leer, zählt für ihn nicht. Nicht jeder wolle so ein altes Haus kaufen. Stadtrat Silvio Hellmundt von der Wir Partei fragt, ob es sich eine Stadt leisten kann, in der Innenstadt 50 % Leerstand zu haben – auf voll erschlossenem Grund. Aber Hellmundt sagt auch, es müssten alle Kleingartenanlagen der Stadt auf den Prüfstand – nicht nur die am Volkspark.

Penig – Kleingartenanlage Frohsinn

Auch in der sächsischen Kleinstadt Penig gibt es Streit. Ein Drittel der 35.000 Quadratmeter großen Kleingartenanlage Frohsinn will ein Chemnitzer Investor mit 15 Einfamilienhäusern bebauen. Penig liegt zwischen Chemnitz und Leipzig. Wenn die A 72 mal fertig ist, könnte der Ort für Berufspendler durchaus attraktiv sein.

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Wenig Frohsinn - ein Drittel der Kleingartenanlage in Penig muss weg. Bildrechte: MDR/ MIA/ Exakt - die Story

Vor mehr als elf Jahren hatte die Gemeinde noch über 10.000  Einwohner. Heute sind es weniger als 9.000. Bürgermeister Thomas Eulenberger will mit neuen Bauplätzen junge Familien anlocken um den Abwärtstrend zu stoppen. Deshalb wollte er das Land sogar für einen Euro pro Quadratmeter an den Investor verkaufen. Eulenbergers verweist im November 2018 auf ein Gutachten, was diesen Schnäppchenpreis  rechtfertigt: Der Mehrwert der daraus entsteht, dass dort insgesamt 15 Familien hier wohnen entweder wohnen bleiben oder dazu kommen um hier zu wohnen, ist für uns höher als einen anderen Betrag zu nehmen, sagt Eulenberger. Das Bauprojekt stabilisiere schließlich die Einwohnerzahl und sichere Steuereinnahmen. Auch trage der Investor die Kosten für Abwasserkanäle, Strom- und Wasserleitungen und Entschädigungen.

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Kleingärten sind oft günstig gelegen - das macht sie als Bauland attraktiv. Bildrechte: MDR/ MIA/ Exakt - die Story

Die Kleingärtner fühlen sich vertrieben. Sie erwirken bei der Rechtsaufsicht Mittelsachsen eine Preisprüfung. Ergebnis:  Das Land ist nicht wie zuvor angenommen eine Landwirtschaftsfläche, sondern gilt als Bauerwartungsland. Nun muss der Investor 2.85 Euro pro Quadratmeter zahlen  - auch das für  ihn noch ein guter Preis. Ein Drittel der betreffenden Gärten steht bereits leer. Weitere circa zehn Pächter haben signalisiert, froh zu sein - so der Bürgermeister - wenn sie ihren Garten abgeben können und dafür Entschädigung erhalten, denn sie können den Garten aus Altersgründen nicht mehr pflegen. Es bleiben sechs bis acht Gärtner, die ihren Garten verlassen müssen. Einige haben Widerspruch gegen die erhaltene Kündigung ihres Pachtvertrags eingelegt. Denn umziehen wollen sie nicht – auch wenn in Penig viele Pachtgärten leer stehen. Sogar in dem Teil der KGA Frohsinn, der noch nicht bebaut wird.

Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | Exakt - die Story | 17. Juli 2019 | 20:45 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 18. Juli 2019, 05:00 Uhr

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18 Kommentare

19.07.2019 23:11 Phrasenhasser 18

Wenn das meistgelesen sein soll, wo ist dann der heutige Blog hin, MDR-Redaktion, zu dem neuestem Vorstoß der Altpolitik-Garde hinsichtlich des Herabsetzens des Wahlalters auf 14 oder 16? Also, da tippe ich, dass dazu sehr viel mehr Kommentare vorhanden waren...
Na, trotzdem, nettes Wochenende allerseits!

[Lieber Phrasenhasser,
"meistgelesen" ist nicht das Gleiche wie "meistkommentiert".
Freundliche Grüße aus der MDR.de-Redaktion]

19.07.2019 10:48 Fragender Rentner 17

Warum ruft man erst seit kurzem vermehrt nach preiwerten Wohnraum?

Hat man zuviele Wohnungen zuvor verscherbelt und will sich jetzt als Retter darstellen?

Nach einer grünen Lunge in den Stadtgebieten rufen aber gleichzeitig die Lauben vernichten, beißt sich da nicht die Katze in den eigenen Schwanz?

19.07.2019 07:57 Ekkehard Kohfeld EU - Wahl NRW SPD -14,5 % Ihr werdet immer weniger :-) 16

@ pkeszler 15 Ich habe doch richtig vermutet, dass Sie ganz andere Berichte gelesen haben. Bei uns ist jedenfalls jeder Bürger ein Deutscher, der einen deutschen Pass besitzt, egal welche Religion er hat oder in welchen Land er geboren wurde. Das müssen im Osten erst noch einige Foristen begreifen.
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Das stand in dem Bericht gar nicht drin,das dichten sie da rein.
Und der Demagogische Wandel denn man sonst ständig aufführt ist auf einmal weg????
Und was hat der Osten damit zu tun?
Passiert hier doch genau so.
Was für ein plumper Versuch der Rechtfertigung
was besseres haben sie nicht zu bieten.
Sogar Metropolen gönnen sich Park so
sogar sehr große (Heidpark),in Deutschland regiert nur noch die Lobby was interessiert die Lebensqualität.
CO2 reduzieren wollen in Städten,aber grüne Lungen
abschaffen und noch mehr Menschen auf engstem Raum zusammenpferchen,was für ein Farce.Und die Lemminge merken nicht wie sie wieder über den Tisch gezogen werden.CO2 runter aber Grüne Lunge abschaffen?

18.07.2019 20:27 pkeszler 15

"Ekkehard Kohfeld EU - Wahl NRW SPD -14,5 % Ihr werdet immer weniger :-)Merkwürdig ich habe da ganze andere Aussagen gefunden Sterben die Deutschen langsam aus? "
Ich habe doch richtig vermutet, dass Sie ganz andere Berichte gelesen haben. Bei uns ist jedenfalls jeder Bürger ein Deutscher, der einen deutschen Pass besitzt, egal welche Religion er hat oder in welchen Land er geboren wurde. Das müssen im Osten erst noch einige Foristen begreifen.

18.07.2019 18:31 Ekkehard Kohfeld EU - Wahl NRW SPD -14,5 % Ihr werdet immer weniger :-) 14

@ pkeszler 12 Wir brauchen erheblich mehr Wohnraum, besonders in den Großstädten. Aber Sie lesen wohl andere Berichte? Gerade vor ein paar Tagen wurde berichtet, dass Deutschland 2018 um 400.000 Bürger auf über 83 Millionen zugenommen hat.
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Merkwürdig ich habe da ganze andere Aussagen gefunden
Sterben die Deutschen langsam aus? – The European
08.08.2018 - Die meisten Kinder werden derzeit nicht von Deutschen geboren. ... aus, dass die Gesellschaft weder immer weiter wächst noch schrumpft.theeuropean.de

Und wollen sie dafür Teile der Grünen Lunge ins Städten opfern,nur gut das sich auf dem Land wohne.
Nein es geht schlicht und ergreifend ums Geld und sonst nichts.

18.07.2019 18:19 Ekkehard Kohfeld EU - Wahl NRW SPD -14,5 % Ihr werdet immer weniger :-) 13

@ Im Goldrausch 10 Auch etliche hundert Jahre alte Bäume müssen dafür sterben. Artensterben? Klimaschutz? Nach uns die Sintflut.
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Richtig und Fridays for Future benötigt man als Aliebie
für die einführung der CO2 Steuer.

18.07.2019 15:13 pkeszler 12

"Ekkehard Kohfeld EU - Wahl NRW SPD -14,5 % Ihr werdet immer weniger :-).Und wofür brauen wir mehr Wohnraum,angeblich wächst das deutsche Volk doch nicht?"
Wir brauchen erheblich mehr Wohnraum, besonders in den Großstädten. Aber Sie lesen wohl andere Berichte? Gerade vor ein paar Tagen wurde berichtet, dass Deutschland 2018 um 400.000 Bürger auf über 83 Millionen zugenommen hat. Und in den Städten muss man folglich mehr Hochhäuser bauen. Es gibt sogar Städte, die eine Zunahme ihrer Einwohnerzahl anstreben. Und dann kommt auch noch der geringere öffentliche Nahverkehr zum Zuge, wenn in den Stadtzentren mehr Leute wohnen, als in einer Kleingartenanlage.

18.07.2019 13:59 Rumsdibums 11

Vielleicht sollte sich das "Klimakabinett" für den erhalt von Kleingärten stark machen, statt sich eine Steuer auszudenken..

18.07.2019 12:40 Im Goldrausch 10

Billiges Pachtland zu teurem Bauland zu machen hat sich gerade auch in den Innenstädten als lukratives Investitionsmodell etabliert. Klammheimlich wird gerade Kleingärtnern in Mitteldeutschland die innerstädtische Scholle gekündigt und "großzügig" abgefunden, um dann aber so richtig Kohle mit neuen Luxusimmobilien zu verdienen. Da gibt es kein Halten mehr. Auch etliche hundert Jahre alte Bäume müssen dafür sterben. Artensterben? Klimaschutz? Nach uns die Sintflut.

18.07.2019 11:02 Genossin und Kleingärtnerin 9

Nix dazugelernt in Magdeburg ... da wo diese neuen Hochhäuser (dann höher als der Magdeburger Dom?) der Wobau und der Genossenschaft gebaut werden sollen, stand erst 2013 das Elbehochwasser der letzten Jahrhundertflut (Klimawandel ist schon da) ... Unverantwortlich! Aber nach der solidarischen Genossenschaftsidee eine sichere und preiswerte Wohnvariante für besserverdienende Genossen. Absurd! Aber so funktioniert wohl der Immobilienpoker, bei dem der kleine Mann nicht mitspielen kann aber beim nächsten Hochwasser brav zum freiwilligen Sandsäckestapeln im Luxusviertel antreten darf.