Früherkennung von Gebärmutterhalskrebs Neue Krebsvorsorge verunsichert Patientinnen

Wer als Frau gegen Gebärmutterhalskrebs vorsorgen will, kennt den jährlichen Pap-Abstrich. Er wird von den Kassen übernommen. Doch nun erhalten Frauen ab 35 ihn nur noch alle drei Jahre. Ausgerechnet die Altersgruppe, in der die Gefahr, Gebärmutterhalskrebs zu bekommen, statistisch wieder steigt. Das verunsichert viele Frauen.

Eine Gynäkologin untersucht 2003 eine vor ihr liegende Patientin auf einem Untersuchungsstuhl.
Eine Gynäkologin untersucht eine Patientin in ihrer Praxis. Bildrechte: dpa

Sie ist erst 27 und schon besorgt: Scherien Ingeborg Müller startete vor einigen Wochen eine Online-Petition. Sie fordert darin, dass die Kassen wieder den jährlichen Pap-Abstrich für Frauen zahlen - so wie es noch bis zum Jahresende üblich war. Doch seit Januar gibt es neues Früherkennungsmodell für Gebärmutterhalskrebs, das die Frauen in zwei Alterskategorien teilt:

  • Frauen zwischen 20 und 34 Jahren erhalten weiterhin jährlich einen kostenlosen Pap-Abstrich.
  • Frauen ab 35 Jahren bekommen nur noch alle drei Jahre einen Test von den Kassen bezahlt. Dabei handelt es sich um eine Kombination aus Pap-Abstrich und einem Test auf Humane Papillomaviren (HPV-Test). Die Viren gelten als Hauptauslöser von Gebärmutterhalskrebs.

Petition mit viel Zuspruch

Scherien Ingeborg Müller, die an der Uniklinik in Köln Neurowissenschaften studiert, wird die Neuregelung erst in ein paar Jahren betreffen. Noch ist sie zu jung dafür. Dennoch hält sie "für äußerst bedenklich", dass Frauen ab 35 nur noch alle drei Jahre den Pap-Test bekommen sollen, statt jährlich. Nicht nur Müller denkt so, mehr als 45.500 Personen haben ihre Petition unterschrieben. In Hunderten E-Mails hätten ihr Frauen versichert, dass sie nicht auf den Pap-Abstrich verzichten wollten, weil er sie vor Gebärmutterhalskrebs schütze. Sie würden ihn notfalls selbst bezahlen, sagt Müller. Im Gebührenkatalog rangiert er zwischen 43 bis zu 70 Euro. Nicht jede Frau wird sich das leisten können. "Hier wird sozial ausgesiebt, was ich für absolut ungerecht halte", sagt Müller im Gespräch mit MDR AKTUELL.

Pap-Test seit Jahrzehnten Kassenleistung

Abstrichmedium zum Nachweis von HP-Viren, den Verursachern von Gebärmutterhalskrebs
Beim Pap-Test werden mit einer Bürste Zellen aus dem Gebärmutterhalskanal entnommen und unterm Mikroskop auf Veränderungen überprüft. Bildrechte: imago/imagebroker/schreiter

Der Pap-Test ist der Veteran in der Gebärmutterhalskrebsvorsorge. Seit fast 50 Jahren wird er von den Kassen bezahlt. Die Zahl der Neu-Erkrankungen, bei denen es zu einem bösartigen Tumor kommt, ist seither um drei Viertel gesunken. Bei über einem Drittel der Frauen werden bereits Vorstufen diagnostiziert, bevor es zum Krebsausbruch kommt  – alles Erfolge, die man dem Pap-Abstrich zuschreibt. Dass er bei Frauen ab 35 jetzt nur noch alle drei Jahre stattfinden soll, verunsichert viele, auch weil Studien besagen, dass gerade ab diesem Alter das Risiko auf Gebärmutterhalskrebs steigt.

Neues Modell unter Frauenärzten umstritten

Wer Fragen und Zweifel an der neuen Vorsorge hat, wird sich wohl zuallererst mit seiner Frauenärztin oder seinem Frauenarzt beraten. Allerdings ist gerade unter Gynäkologen das neue Früherkennungsprogramm umstritten, weil es mit einer vertrauten Routine bricht. "Die Patientinnen haben gerade riesigen Beratungsbedarf", sagt Doris Scharrel vom Vorstand des deutschlandweiten Berufsverbandes der Frauenärzte e.V. auf Anfrage von MDR AKTUELL.

Frauenärztin Doris Scharrel, 2.Vorsitzende im Vorstand des Berufsverbandes der Frauenärzte e.V.
Gynäkologin Doris Scharrel: Frauen haben gerade riesigen Beratungsbedarf. Bildrechte: Doris Scharrel

Doch auch die Ärzte hätten eine Menge unbeantworteter Fragen: "Wie will ich einer Patientin ab 35 vermitteln, dass die Früherkennungsuntersuchung jährlich notwendig ist, wenn der Abstrich nur alle drei Jahre stattfinden soll?", fragt Scharrel. Die Frauenärztin aus Schleswig-Holstein befürchtet, wie viele ihrer Kollegen in ganz Deutschland, dass das neue Vorsorge-Modell noch weniger Frauen ansprechen wird als bislang, "weil sie die Wichtigkeit verkennen oder mit dem Zeitplan völlig durcheinander geraten".

HP-Viren führen nicht zwangsläufig zu Krebs

Doch nicht nur das neue Untersuchungsintervall stimmt die Branche skeptisch, sondern auch der HPV-Test selbst. Er spürt sogenannte Humane Papillomviren auf, die sich beim Gebärmutterhalskrebs in fast jedem Tumor finden. Wer die Viren im Körper aufweist, gehört also zu einer Risikogruppe. Doch kann sich die Lage schnell ändern: Bei der Mehrheit vor allem junger Frauen verliert sich die Infektion wieder spontan. Deshalb wird der HPV-Test bei jüngeren Patientinnen auch nur selten zu Rate gezogen.

Grafische Darstellung der Gebärmutter mit einem runden Virenkörper davor.
Die Grafik soll eine Gebärmutter mit einem HP-Virus verdeutlichen. Bildrechte: imago images/ZUMA Press

Doch selbst bei älteren Frauen führt eine Infektion nicht unweigerlich zum Gebärmutterhalskrebs: Statistisch gesehen, betrifft das weniger als ein Prozent aller HPV-Infizierten. Dennoch bereite das Wissen um die HP-Viren den Frauen viele Ängste, sagt Frauenärztin Scharrel: "Bei einem positiven Test denken die Frauen, sie seien hochgradig krank. Es ist schwer, sie dabei dauerhaft zu beruhigen".

KID: "Kein Test perfekt"

Susanne Weg-Remers weiß um die Stärken und Schwächen des HPV-Tests. Die Leiterin des Krebsinformationsdienstes (KID) des Deutschen Krebsforschungszentrums berät Ratsuchende rund um das Thema Krebs. Bei der Vorsorge zum Gebärmutterhalskrebs hält Weg-Remers "keinen Test für perfekt". Auch der Pap-Test habe seine Mängel, weil Zellveränderungen beim Abstrich übersehen werden könnten. Dass seit Jahresbeginn Frauen ab Mitte 30 eine Kombinationsuntersuchung aus Pap- und HPV-Test bekommen, hält Weg-Remers für "die präzisere Lösung, weil sie mehr Informationen liefert". Frauen, die beim Kombi-Test keine Auffälligkeiten zeigten, "haben kein erhöhtes Risiko, zu erkranken".

Susanne Weg-Remers, Leiterin des Krebsinformationsdienst, des Deutschen Krebsforschungszentrums Heidelberg
Susanne Weg-Remers: Ko-Test ist "präzisere Lösung". Bildrechte: DKFZ

Studien belegen zudem: Gebärmutterhalskrebs entwickelt sich nur in Einzelfällen von heute auf morgen. In der Regel wächst er sehr langsam – meist über Jahre oder sogar Jahrzehnte. Damit reiche es aus, bei der Mehrheit der Frauen die kombinierte Untersuchung nur alle drei Jahre anzusetzen, meint Beraterin Weg-Remers: "Ko-Tests in kürzeren Abständen können zu falsch-positiven Ergebnissen führen, die Frauen möglicherweise unnötig beunruhigen". Geregelt ist bei der neuen Vorsorge-Methode aber auch, dass bei Auffälligkeiten die Frau – ganz gleich welchen Alters – in kürzeren, dem Risiko angepassten Abständen untersucht wird und nicht mehr im festgelegten Algorithmus.

Deutschland bei Krebszahlen im Mittelfeld

Auch wenn der Pap-Abstrich in der Vergangenheit zahlreichen Frauen das Leben gerettet hat, stößt er bei den Ergebnissen inzwischen in Deutschland an Grenzen. Seit mehr als zehn Jahren sinkt weder die Zahl der Neu-Erkrankungen noch die der Todesfälle. Im Jahr 2016 erkrankten nach Angaben des Robert Koch-Institutes bundesweit 4.400 Frauen, etwa 1.600 verloren den Kampf mit dem Gebärmutterhalskrebs. §Hätten wir die niedrigste Rate in Europa, wäre das ein deutlicher Hinweis, dass wir mit einem jährlichen Pap-Test mehr erreichen können als andere Länder, die fast alle in größeren Abständen untersuchen. Doch dem ist nicht so", sagt Klaus Kraywinkel, der Leiter des Zentrums für Krebsregisterdaten beim Robert Koch-Institut.

Symbolbild für Gebärmutterhalskrebs
Etwa 1.600 Frauen sterben jährlich in Deutschland an Gebärmutterhalskrebs. Bildrechte: imago/Science Photo Library

Deutschland liegt mit seinen Zahlen im europäischen Mittelfeld. Finnland und die Niederlande beispielsweise stehen statistisch besser da. Doch bieten sie Frauen ab 30 lediglich den HPV-Test an – und das auch nur alle fünf Jahre. Wer Auffälligkeiten zeigt, wird wie in Deutschland, in kürzeren Intervallen untersucht – dann auch mit Pap-Abstrich.

EU empfahl Prüfung von Vorsorge

Schon 2003 empfahl die EU-Kommission allen Mitgliedsstaaten, ihre Vorsorge-Methode beim Gebärmutterhalskrebs auf Herz und Nieren zu prüfen. Potenzial gebe es auch in Deutschland: Etwa ein Viertel aller Frauen erreicht die kostenlose Vorsorge bis heute nicht. Der Gemeinsame Bundesausschuss (G-BA) aus Kassen und Ärzten rang jahrelang um eine neue Methode. Sie soll die Krankheitslast weiter senken aber auch kosteneffektiver sein, heißt es in einer Handlungsempfehlung für den Nationalen Krebsplan. Der Vorschlag, Frauen ab 35 nur noch alle fünf Jahre auf Unregelmäßigkeiten hin zu untersuchen, stieß bei Gynäkologen auf lautstarken Protest. Verworfen wurde auch die Idee, dass die Frauen selbst entscheiden sollten, ob sie einen Pap-Abstrich wünschen oder einen HPV-Test.

Pap-Test selbst zahlen oder nicht?

Man einigte sich schließlich auf ein Drei-Jahres-Intervall für Frauen ab 35, das auch viele andere EU-Länder haben. Für das Optimum hält Doris Scharrel vom Berufsverband der Frauenärzte e.V. die Methode nicht. Sie rät ihren besorgten Patientinnen weiterhin zu einem jährlichen Pap-Test, um auf Nummer sicher zu gehen, auch wenn die Frauen damit einen Gutteil der Abstriche privat werden zahlen müssen.

Hände halten Objektträger mit Abstrich nach einer Untersuchung des Gebärmutterhalskanals.
Symbolbild für eine Zelluntersuchung, um Gebärmutterhalskrebs vorzubeugen. Bildrechte: imago images / Jochen Tack

Susanne Weg-Remers vom Krebsinformationsdienst rät dagegen davon ab, den Pap-Test als Selbstzahlerleistung in Anspruch zu nehmen. Man beruhige damit zuallererst sein Gewissen, einen zusätzlichen medizinischen Nutzen gebe es nicht. Schließlich würde, wer auffällige Befunde habe, laut Programm in engeren Intervallen untersucht, die die Kasse zahle.

Evaluierung startet deutlich später

Mit seinem frisch gestarteten Früherkennungsprogramm geht Deutschland europaweit auch neue Wege. Kein anderes EU-Land setzt beide Tests gleichzeitig ein, um möglichst früh einen entstehenden Gebärmutterhalskrebs zu erkennen. Viele Ärzte-Organisationen forderten vorab, die neue Methode detailliert zu evaluieren, um zu prüfen, ob man jetzt damit besser fährt, oder ob die neue Vorsorge den Frauen gar schadet. Man wolle "in Zukunft wissen, ob Änderungsbedarf besteht", heißt es in geänderten Früherkennungs-Richtlinie.

Die Evaluierung sollte im Januar starten, doch hapert es bei der Software und den Evaluierungsbögen. Viele Frauenärzte erwarten sie erst zu Jahresende. Frauen, wie Scherien Ingeborg Müller, die mit der Umstellung hadern, wird das einmal mehr Sorgen bereiten. Müller hat zuletzt Studien zum Thema gelesen, Forschungsergebnisse gefunden, die sich "teilweise widersprechen". Sie sagt: "Für mich ist das Ganze einfach ein riesiges Experiment, mit dem die Kassen Kosten sparen wollen."

Früherkennung von Gebärmutterhalskrebs Neben dem Pap-Abstrich und Ko-Test gibt es zur Vorsorge auch eine gynäkologische Untersuchung durch Abtasten der Brust und Eierstöcke. Diese Untersuchung wird weiterhin jährlich für alle Frauen von den Kassen getragen. Das Früherkennungsprogramm von Gebärmutterhalskrebs schließt auch Frauen über 65 Jahre ein. Frauen über 35 sollen von ihrer Kasse alle drei Jahre aufgefordert werden, sich am kostenlosen Ko-Test zu beteiligen.

Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | 02. April 2020 | 22:40 Uhr