Pocket Bully
Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Kampfhunde Pocket Bully – potentiell gefährliche Hunderasse?

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Ihr Maul ist so groß, dass ein Kinderkopf hineinpasst. Muskelprotze, mit einem kompakten Körper und kurzen Beinen, sogenannte Pocket Bullys. Die Hunde sind gerade hipp und als Modetrend aus den USA nach Europa gekommen. Christine, die in einem kleinen Ort bei Kaiserslautern wohnt, hat gleich zwei davon: Irma und Silver. Trotzdem hat Christine ein Problem mit Irma: Die erst einjährige Hündin ist aggressiv und kaum zu bändigen. Sie hat ihre Besitzerin schon umgerissen. Die Hündin geht auf alles los, was sich schnell bewegt. Christine findet, ein Hund wie Irma in den falschen Händen ist definitiv gefährlich.

Die Verordnungen für sogenannte Listenhunde werden umgangen

Früher hielt Christine Staffordshire-Terrier. Aber die gelten inzwischen als sogenannte Listenhunde und werden vielerorts als gefährlich eingestuft. Die Pocket Bullys, auf die Christine im Internet stieß, schienen der perfekte Ersatz zu sein. Auch der Preis von 2.500 Euro schreckte sie nicht ab. Und offensichtlich ist sie nicht die einzige, der die neue Rasse gefällt. Wenn sie mit Irma unterwegs ist, fragen immer wieder Passanten, ob Nachwuchs geplant sei oder wo man so einen Hund kaufen könne.

Christoph Jung ist Biologe und Verhaltensforscher, er setzt sich für eine Wende in der Hundezucht ein. Er zeigt uns das Pocket-Bully-Werbevideo eines ungarischen Züchters, das anscheinend für eine zahlungskräftige Kundschaft produziert worden ist. Die präsentierten Hunde lassen seiner Meinung nach eindeutig die genetische Abstammung von Staffordshire Terrier und vom Pittbull erkennen. Die extrem ausgeprägten Muskelstrukturen der Tiere sind in den USA in der Rindermast aufgetreten. Dieser dafür ursächliche Gen-Defekt wurde in die Hunde „hineingezüchtet“. Mit den Pocket Bullys werden potentiell gefährliche Hunde unter einem neuen Rasse-Namen salonfähig, befürchtet Jung.

Das ist eine neue Modewelle. Man weiß nicht wirklich, was drin steckt, ein Mischling, der auf eine aggressive, Angst einflößende Ausstrahlung gezüchtet wird.

Christoph Jung, Tierverhaltensforscher

Keine EU-Standards für die Hundezucht

Der Experte fordert deshalb EU-weite Mindeststandards, die bei der Hundezucht eingehalten werden müssen. Darüber hinaus müsse es eine Haftung der Züchter für Gesundheit und Wesen der Hunde geben, sagt der Tierverhaltensforscher.

Pocket Bully
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Tatsächlich ist die Hundezucht eine Spielwiese für jedermann. Internetangebote für Pocket Bullys sind überall im Bundesgebiet zu finden. Da ist von teuren Zuchtlinien aus den USA die Rede. Oder auch davon, dass die Elterntiere Staffordshire oder Pittbull-Terrier seien. Der eine oder andere Züchter warnt, Interessenten sollten sich vor dem Kauf bei den Behörden erkundigen, ob die „Pockets“ als Listenhunde eingestuft, die Haltung an Auflagen gebunden oder sogar untersagt sei.

In einem kleinen Dorf bei Aschersleben finden wir Züchter, die mit uns über die Pocket Bullys sprechen wollen. Das Paar aus Holland hat sich hier niedergelassen, um verschiedene Hunderassen, darunter auch Pocket-Bullys, zu züchten. Anton Janssen und seine Freundin Jolanda Selder präsentieren zwei Tage alte Welpen. Die fünf Winzlinge zeigen schon alle gewünschten Zuchtmerkmale: ausgeprägte Muskeln, kräftiger Nacken und einen dicken Kopf. Lebensgefährtin Jolanda knuddelt die Hunde immer wieder, um zu zeigen, wie lieb die Muskelprotze sind.

Tierheime erwarten große Verbreitung der Tiere

Harmlose Kraftpakete? Muskelprotze zum Schmusen? Hier werden die nächsten Problem-Hunde herangezüchtet, meint der Leipziger Tierheimchef Michael Sperlich. Tierheime wie seines, erzählt er uns, benötigten inzwischen gesicherte Zwinger-Anlagen und Fachpersonal wie es die Zoos für Raubtiere hätten. Denn 40 Prozent dieser Hunde seien wegen ihrer Gefährlichkeit von Behörden eingewiesen worden. Er erwarte auch die Pocket Bullys. Noch gibt es wenige Züchter, die Hunde mit gewissen Qualitätsstandards anbieten. Aber schon bald werde es Nachahmer geben, die die Hunde billig und in Masse produzieren. Hunde, die schnell auch in den Tierheimen zu finden sein werden, befürchtet Michael Sperlich.  Und dann werden auch seine Mitarbeiter die Folgen der unkontrollierten Hundezucht wieder zu spüren bekommen.

Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | exakt | 17. Oktober 2018 | 20:15 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 17. Oktober 2018, 22:02 Uhr

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