Steigende Coronazahlen Sind die Gesundheitsämter auf eine zweite Welle vorbereitet?

Zu Beginn der Corona-Pandemie hatten viele Gesundheitsämter über mangelndes Personal geklagt – bei zusätzlichen Aufgaben. In den vergangenen Wochen stiegen die Coronazahlen wieder. Doch wie sind die Gesundheitsämter personell aufgestellt – auch, um an den Wochenenden Fallzahlen zu erheben und weiterleiten zu können?

Ein Schild mit der Aufschrift "Gesundheitsamt".
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Nachverfolgung von Kontaktpersonen, Erfassung und Weitergabe der Corona-Neuinfektionen, Besetzung von Corona-Hotlines: Die Pandemie brachte den Gesundheitsämtern im Frühling plötzlich einen riesigen Berg unerwarteter Arbeit. Viele Ämter wurden an den Rand ihrer Belastbarkeit gebracht. Nach der zwischenzeitlichen Verschnaufpause steigen die Fallzahlen nun seit Wochen wieder an. Für die Gesundheitsämter bedeutet das vor allem wieder: mehr Arbeit. Dennoch erreichen vor allem an den Wochenenden oft nicht alle Fallzahlen das Robert-Koch-Institut. Das sorgt für Unmut und eine Verzerrung der Corona-Statistiken.

Zwei Medizinerinnen vom Corona-Kriesenstab in Berlin-Neukölln 6 min
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Die zwischenzeitliche Phase mit nur wenigen Neuinfektionen konnte allerdings mancherorts offenbar nicht genutzt werden, um die Gesundheitsämter langfristig besser aufzustellen. Das zeigen mehrere Anfragen des MDR. So teilte etwa das Gesundheitsamt der Stadt Halle mit, dass derzeit umgerechnet rund jede zehnte Vollzeitäquivalenzstelle nicht besetzt sei. Vollzeitäquivalenz (VZÄ) bezeichnet eine Berechnungsmethode, um auch bei Voll- und Teilzeitstellen vergleichbare Einheiten zu schaffen.

Berlin: In Neukölln könnten 35 Prozent der Ärzte fehlen

Ein Mitarbeiter der Johanniter-Unfall-Hilfe nimmt einen Abstrich von einer Reiserückkehrerin
Derzeit sind die Gesundheitsämter vor allem durch die Reiserückkehrer belastet. Bildrechte: dpa

In Magdeburg sind es immerhin umgerechnet noch fast acht Prozent der Stellen, die nicht besetzt sind, allerdings beziehen sich diese neben dem Gesundheits- auch auf das Veterinäramt. Bei den Ärzten sind derzeit zwei Stellen nicht besetzt, allerdings beziehen sich diese Zahlen ebenfalls auf die Bereiche Gesundheit und Veterinär.

Besonders prekär könnte die Situation im Berliner Gesundheitsamt von Neukölln sein. Dort könnten bis zu 35 Prozent der Ärzte fehlen, um die anstehenden Aufgaben zu bewältigen, schätzt der "Bundesverband der Ärzte und Ärztinnen im öffentlichen Dienst" (BVÖGD). Die Folgen könnten dramatisch sein. Bereits Ende 2019 warnte der Verband, dass der Öffentliche Gesundheitsdienst vor dem Kollaps stehe: "Viele Gesundheitsämter können die Überwachung von Kliniken und Arztpraxen kaum noch bewerkstelligen."

Die Lage in Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen

In anderen Gesundheitsämtern von Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen sieht es besser aus: Im Leipziger Gesundheitsamt sind nach Angaben aus der Stadtverwaltung derzeit alle Stellen besetzt. Auch in Jena sind von umgerechnet 32,7 Vollzeitstellen fast alle besetzt, bei den dort angestellten Ärzten gibt es sogar eine Überbesetzung. Im Gesundheitsamt Dresden sind von umgerechnet 234 Planstellen immerhin 230 besetzt. Allerdings sind von den 36 Planstellen für Ärzte und Psychologen zwei unbesetzt. Außerdem weist eine Sprecherin darauf hin, dass die gemeldeten Zahlen nicht berücksichtigen, dass einzelne Beschäftigte etwa aufgrund von Langzeitkrankheit oder Schwangerschaft fehlen. Aus diesem Grund sei eine temporäre Unterstützung aus anderen Fachbereichen angefordert geworden. "Zudem mussten auch Aufgaben des Gesundheitsamtes priorisiert werden, um die Corona-bedingten Aufgaben in der gebotenen Zeit zu bearbeiten", heißt es.

Alle angefragten Gesundheitsämter teilten zudem mit, dass sie in der Vergangenheit Unterstützung aus anderen Verwaltungsbereichen erhalten hätten. Unklar bleibt allerdings, inwieweit dadurch in diesen Bereichen wiederum Arbeit liegen blieb.

Ämter waren schon vor der Pandemie ausgelastet

Dennoch ist die Lage für die Gesundheitsämter nicht einfach, sagte der sachsen-anhaltische Landesvorsitzende des Verbandes der Ärztinnen und Ärzte des öffentlichen Gesundheitsdienstes, Eike Hennig, dem MDR.

Schon vor der Corona-Pandemie waren die Gesundheitsämter mit den normalen Aufgaben mehr als ausgelastet.

Eike Hennig Amtsarzt und Leiter des Magdeburger Gesundheitsamtes

Es gebe immer mehr Anforderungen, aber kein zusätzliches Personal. Besonders prekär sei die Lage bei den angestellten Ärzten, in ganz Sachsen-Anhalt seien knapp 30 Stellen in diesem Bereich nicht besetzt.

Eike Hennig, der Chef des Gesundheitsamtes in Magdeburg, bei MDR um 11
Die Lage für die Gesundheitsämter sei nicht einfach, sagt Eike Hennig, Chef des Gesundheitsamtes in Magdeburg. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Derzeit seien die Gesundheitsämter vor allem durch die Reiserückkehrer aus Risikogebieten wieder stark belastet. Hennig sagt aber auch, dass sich die Landesregierung während der Corona-Pandemie bisher immer bemüht habe, zusätzliches Personal zu stellen. Und auch die Stadt Magdeburg räume dem Gesundheitsamt die Möglichkeit ein, jederzeit aus anderen Ämtern zusätzliches Personal heranzuziehen. Zudem gebe es speziell in Sachsen-Anhalt derzeit keine hohen Infektionszahlen.

Fehlendes Personal: Bundeswehr hilft aus

Auch wenn es Unterschiede gibt, zeigt sich: Einige Stellen im Bereich der öffentlichen Gesundheit sind in Mitteldeutschland derzeit nicht besetzt. Das Thüringer Ministerium für Arbeit, Soziales, Gesundheit, Frauen und Familie macht sich trotzdem keine Sorgen. Generell habe sich die Arbeitsbelastung der Gesundheitsämter seit Ausbruch der Pandemie erhöht. "Für die notwendige Kontaktnachverfolgung, die den Gesundheitsämtern im Falle der Infektion obliegt, wurde zu Spitzenzeiten der Pandemie im Frühjahr Personal im Umfang von rund 250 Personen zusätzlich eingesetzt", teilte eine Sprecherin dem MDR mit.

Neben Beschäftigten aus anderen Verwaltungsbereichen seien dafür insbesondere Studierende zur Unterstützung rekrutiert worden. Auch das Robert-Koch-Institut (RKI), der Medizinische Dienst der Krankenversicherung (MDK) und die Bundeswehr hätten ausgeholfen. Nach Angaben der Bundeswehr wurden seit Beginn der Pandemie in Thüringen insgesamt 22 Soldaten zur Hilfe bei den Gesundheitsämtern eingesetzt, etwa zur Kontaktnachverfolgung oder in sogenannten Abstrich-Teams.

Derzeit sind davon aber nur noch zwei Bundeswehrangehörige im Einsatz. In Sachsen hat dagegen bisher nur ein Bundeswehrangehöriger bei einem Gesundheitsamt ausgeholfen, in Sachsen-Anhalt zwei, derzeit laufen in beiden Bundesländern keine derartigen Einsätze mehr.

Forderung: Ärzte müssten besser bezahlt werden

Aus dem Thüringer Ministerium heißt es: "Wir gehen davon aus, dass entsprechende Wege der Personalrekrutierung, falls notwendig, auch im Falle eines erneut erhöhten Infektionsaufkommens zügig wieder aktiviert werden können." Insbesondere vor dem Hintergrund, dass dafür nun auch die einmal geschaffenen Netzwerke zur Verfügung stünden und die vorhandenen Erfahrungswerte aus dem Frühjahr einfließen könnten.

Eike Hennig plädiert an die Politik, den öffentlichen Gesundheitsdienst im Fokus zu behalten. Beim Personal müsse nachgerüstet werden. Ein Baustein dafür sei etwa eine bessere Bezahlung der Ärzte in dem Bereich, diese müssten bei der Entlohnung mit Klinikärzten gleichgestellt werden. Derzeit bezahle der öffentliche Gesundheitsdienst Ärzte am schlechtesten und sei deshalb nicht konkurrenzfähig.

Meldungen an das RKI auch am Wochenende

Dass an Wochenenden immer noch weit weniger Neuinfektionen an das RKI gemeldet werden, sehen die Ministerien in Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen übrigens nicht als Zeichen von Personalmangel. In Sachsen würden die Gesundheitsämter die Zahlen inzwischen auch wieder am Wochenende weitergeben, teilte das dortige Sozialministerium mit. Die Meldekette habe sich nach anfänglichen Problemen inzwischen eingespielt und laufe gut.

Ähnlich äußert sich das zuständige Ministerium in Sachsen-Anhalt: Auch dort würden die Daten am Wochenende von den Gesundheitsämtern kommen und an das RKI weitergegeben. Aus Thüringen heißt es, im Allgemeinen funktioniere das Meldesystem "sehr gut". Gleichzeitig räumt das Ministerium aber ein, dass die Eingabe- und Übermittlungssoftware des RKI, "SurvNet", nicht von allen Gesundheitsämtern verwendet werde. "Dadurch kommt es zu Verzögerungen nach Updates, wenn neue Kategorien oder neue Eingabefelder vom Robert-Koch-Institut bereitgestellt werden. Es dauert dann oft länger, bis die Gesundheitsämter, die SurvNet nicht benutzen, diese neuen Funktionen verwenden können", teilte eine Sprecherin dem MDR mit. "Dadurch sind Datensätze lückenhaft und es entsteht Mehraufwand bei der Übermittlung und Auswertung der Daten."

Technischer Fehler häufiger Grund für Verzögerung

Auch vom RKI heißt es, dass fast immer alle Bundesländer auch am Wochenende aktuelle Infektionszahlen melden würden, Ausnahmen gebe es nur in seltenen Fällen. Meistens seien dann technische Fehler der Grund.

Große Erwartung setzen alle drei Landesregierungen in eine neue Software: das Deutsche Elektronische Melde- und Informationssystem für den Infektionsschutz (DEMIS). Mit DEMIS soll die Übermittlungen einschließlich Meldedaten automatisch von den Laboren und Arztpraxen an das Gesundheitsamt erfolgen. Die Gesundheitsämter könnten einmal eingegebene Daten aus den Arztpraxen und Laboren direkt verwenden und müssen diese Angaben nicht neu in die Meldesoftware eingeben. "Auf diesem Weg ist zum Beispiel auch eine Meldung negativer SARS-CoV-2-Testergebnisse von den Testlaboren an das Robert-Koch-Institut möglich" so das Thüringer Ministerium für Arbeit, Soziales, Gesundheit, Frauen und Familie.

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Dieses Thema im Programm: Das Erste | FAKT | 01. September 2020 | 21:45 Uhr

3 Kommentare

wo geht es hin vor 8 Wochen

Man kommt ganz durcheinander beim Wellenzählen - wäre es nicht besser, einfach von einer Dauerwelle auszugehen? Dem lustigen Karl mit der (nun nicht mehr) getragenen Fliege würde das gefallen...

nasowasaberauch vor 8 Wochen

Montags sonnen wir uns immer in geringeren Infektionszahlen, weil die Gesundheitsämter am Wochenende nicht komplett melden (die Coronawoche sollte besser Dienstag anfangen). Die Zahl der Genesenen wird weiterhin geschätzt. Das ganze lässt erahnen, dass sich bis auf die personelle Ausstattung (hoffentlich) seit März hinsichtlich Technikausrüstung nicht viel getan hat.

Bernd1951 vor 8 Wochen

Es könnte ja auch erst einmal die Frage gestellt werden, mit welchem Personal in der 1. Welle gearbeitet wurde ? Wurden da anderen Mitarbeitern einfach neue Aufgaben übertragen ?
Man steht zwar als Bundesland oder Landkreis toll da, wenn man Kosten einspart und am schnellsten geht es über die Reduzierung von Personal. Wohin das führt kann man am Beispiel der Lehrer oder Polizisten auf der Ebene mancher Bundesländer sehen. Bisher hat man ja noch Glück gehabt, dass es nicht gleichzeitig 2 Brennpunkte gab.
So kann man nur hoffen, dass die 2. Welle nicht zu stark kommt.