Parolen mit der Sprayflasche Rechte Graffiti - Krieg an der Hauswand

Im Leipziger Stadtteil Stötteritz sind vermehrt Aufkleber und Graffiti mit rechten Parolen zu finden. Die Zahl der Bedrohungen durch Rechtsextreme steigt. Wird Stötteritz zum "Nazi-Kiez", wie es in Schmierereien heißt?

Stötteritz liegt im Leipziger Südosten. Das Stadtbild ist geprägt von viel Grün, Villen und sanierten Gründerzeithäusern. Doch zunehmend werden Fassaden und Geländer mit Aufklebern und Graffiti versehen, auf denen Sprüche mit rechtsextremen Gedankengut zu lesen sind.

Rund 18.000 Menschen leben in Stötteritz. Ein Paar wollte nicht tatenlos zusehen, wie ihr Viertel mit Nazipropaganda zugepflastert wird und überklebte die Schmierereien mit selbstgefertigten A-3-Plakaten, worauf "Stötteritz gegen rechts" oder "Hier ist kein Platz für Nazipropaganda" zu lesen war.

Leipzig Stötteritz
Der Leipziger Stadtteil Stötteritz in der Vogelperspektive Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

"Das stand fast wirklich überall."

Das Paar, das sind Mario (Name zu seinem Schutz von der Redaktion geändert) und seine Freundin. "Es stand eigentlich überall '88' da!", erklärt Mario "exakt". "NS jetzt", "Nazi-Kiez" und "Zecken jagen", seien weitere Inhalte der Graffiti und Aufkleber gewesen. "Das stand fast wirklich überall", betont er.

Gut zu wissen "88" ist ein Szenecode, der für "Heil Hitler" steht

Auch die ohne Insiderwissen als rechtsextrem auszumachenden Schriftzüge seien tagelang zu sehen gewesen, erklärt Mario "exakt". Er und seine Freundin seien deswegen aktiv geworden. "Weil wir das nicht akzeptieren können", so Mario. Sie hätten damit auch anderen Bewohner aus dem Viertel Mut machen wollen, etwas gegen die Propaganda-Schmiereien zu tun.  

Parkbank in Stötteritz
Parkbänke, Stromkästen, Laternenpfähle und Hauswände - überall sind rechte Parolen zu finden Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Doch beim Überkleben eines Graffiti an einer Haltestelle wurden sie zunächst von einem Mann beschimpft, kurz darauf von einer Gruppe Männer verfolgt. Sie konnten zu einem Unbekannten ins Auto flüchten, der sie aus dem Viertel raus, zum Völkerschlachtdenkmal brachte. Von dort aus rief das Pärchen die Polizei an. Als der Streifenwagen kam, sagte man ihnen, man könne nicht helfen, es sei noch nichts passiert. Allerdings könnten die beiden eine Strafanzeige gegen unbekannt stellen. Dann aber gäbe es unter Umständen die Gefahr, dass ihre eigene Adresse eventuell Verdächtigen bekannt würde. Deshalb entschieden sich Mario und seine Freundin gegen eine Anzeige. In ihre eigene Wohnung in Stötteritz trauten sie sich nicht zurück - aus Angst vor Angriffen.

"Chronik L.E." verzeichnet vermehrt Propagandadelikte in Stötteritz

Der gemeinnützige Verein "Chronik L.E."  dokumentiert seit über zwölf Jahren rechtsextreme Vorfälle in Leipzig und Umgebung.

Steven Hummel von Chronik L.E. exakt
Steven Hummel von Chronik L.E. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

"Wir beobachten in Stötteritz seit dem letzten Jahr, dass es vermehrt zu Propagandadelikten kommt. Es gibt rechte Schmierereien, Graffitis, neonazistische Propaganda im weitesten Sinne und vor allen Dingen seit diesem Jahr nochmal ein verstärktes Aufkommen von diesen Propagandadelikten im Stadtviertel. Das geht einher damit, dass es aber auch zu Bedrohungen und Anfeindungen gegenüber Personen kommt, die nicht in das Weltbild von Neonazis passen", zieht Steven Hummel von Chronik L.E. Bilanz.

Sozialwissenschaftler warnt vor Nichtstun als Zeichen der Normalisierung

Die Stadt Leipzig weiß um die vermehrten Aufkleber und Graffiti in Stötteritz. Die Polizei sieht den Leipziger Stadtteil aber nicht als Hot-Spot rechtsextremer Aktivitäten. Schriftlich teilt die Stadt Leipzig "exakt" auf Nachfrage mit, "Kontrollen zu Graffitis und Aufklebern mit strafrechtlich bzw. verfassungsfeindlichem Inhalt" würden durchgeführt – "im Rahmen der Präventivstreifen bzw. auf der Grundlage konkreter Hinweise". Eine flächendeckende Kontrolle des Stadtgebiets sei jedoch nicht möglich.

Sozialwissenschaftler Axel Salheiser
Sozialwissenschaftler Axel Salheiser Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Sozialwissenschaftler wie Axel Salheiser vom Institut für Demokratie und Zivilgesellschaft in Jena warnen davor, das Phänomen zu unterschätzen und untätig zu bleiben. Denn hier handele es sich nicht um "dumme Jungenstreiche". Salheiser benennt die Verbreitung rechter Parolen an Häuserwänden und Geländern als "Raumergreifungsstrategie" und "Teil eines Revierverhaltens". Werde nichts dagegen getan, sei dies Zeichen "der Normalisierung des Ganzen", warnt der Sozialwissenschaftler.

Taucha reagiert mit Rundem Tisch

Stötteritz ist kein Einzelfall. In vielen deutschen Städten nehmen Nazi-Parolen im Bild der Straßenzüge mehr und mehr Raum ein. Allein 2018 gab es bundesweit 12.404 rechtsextreme Propagandadelikte. Auch Taucha, das wenige Autominuten von Leipzig entfernt liegt, kennt das Problem. In Taucha hat sich mittlerweile ein Runder Tisch gegründet. Daran sitzen unter anderem der Sozialarbeiter vom Jugendclub Taucha, die Kirche, Chronik L.E. und der Verein Solidarische Alternative Taucha.

Sie bauen darauf, sich auch mit Betroffenen in anderen Städten zu vernetzen, um gemeinsam besser gegen die Aktivitäten der Rechtsextremen angehen zu können. Auch Mario ist mit einem der Mitglieder bereits in Kontakt getreten. "Ich denke, es ist einfach wichtig, dass man sich da ja nicht so viel Angst einjagen lässt und sich nicht unterkriegen lässt."

Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | Exakt | 11. November 2020 | 20:15 Uhr