Ein gefährliches Netzwerk "Gruppe S." hatte Kontakte zu rechtsextremer Bürgerwehr in Sachsen-Anhalt

Die "Gruppe S." soll Anschläge auf Politiker geplant haben. Der Polizei gelang es, die Gruppe zu zerschlagen. Ein mutmaßlicher Unterstützer stammt aus Sachsen-Anhalt und ist dort auch in einer rechtsextremen Bürgerwehr vernetzt.

Neonaziaufmarsch in Magdeburg
Steffen B., der von den Ermittlern zu den Unterstützern der Gruppe S. gezählt wird, war auch bei diesem Neonaziaufmarsch im Januar 2020 in Madeburg dabei. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Bei der Durchsuchung eines Hauses in der Nähe von Bernburg sind Beamte auf eine selbstgebaute Waffe und rund 100 Schuss Munition gestoßen. Der Bewohner, Steffen B., steht als Terrorhelfer unter Verdacht. Er soll Mitglied der "Gruppe S." gewesen sein. "Exakt" liegen exklusiv Videoaufnahmen vor, die ihn zudem auf Neonazi-Demonstrationen zeigen.

Der Magdeburger Sozialwissenschaftler David Begrich hat das Umfeld von Steffen B. untersucht. "Da haben wir es auch mit Leuten zu tun, die durch Straftaten in der Vergangenheit aufgefallen sind, die eindeutig einem rechtsextremen Milieu, einer militanten Neonaziszene beziehungsweise ihrer Subkultur zuzuordnen sind", sagte Begrich "exakt".

Das Bürgerwehr-Umfeld von Steffen B.

Nach "exakt"-Recherchen hatte Steffen B. im November 2018 an einem Fackellauf der Neonazis in Magdeburg teilgenommen. Dazu aufgerufen hatte eine rechtsextreme Bürgerwehr namens "Viking Security Germania". Steffen B. soll Mitglied dieser Bürgerwehr gewesen sein - ebenso Stefan K., ein weiterer Beschuldigter in dem Antiterror-Verfahren, sowie Per M., der zwar nicht unter Terrorverdacht steht, aber ein verurteilter Gewalttäter ist.

Per M. hatte im Sommer 2001 mit anderen Rechtsextremisten einen Asia-Shop in Jeßnitz bei Bitterfeld angezündet. Nur durch Zufall wurde kein Angehöriger der vietnamesischen Familie verletzt. Per M. wurde zu sechs Jahren Haft verurteilt.

Ein weiteres Mitglied der Bürgerwehr ist Hagen G., der als Versicherungsvertreter in Magdeburg arbeitet. Im Dezember hatte er auf der Facebook-Seite der Bürgerwehr allen "Mitstreitern" "angenehme Festtage" gewünscht.

Bürgerwehr-Vernetzung mit Rockerstrukturen

Im Umfeld des Terrorverdächtigen Steffen B. finden sich laut Recherchen von "exakt" auch Namen von Rockern. Einen von ihnen hat "exakt" befragt. Dieser bestreitet jedoch, Steffen B. zu kennen.

David Begrich Sozialwissenschaftler
Sozialwissenschaftler David Begrich Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

David Begrich von Miteinander e.V. erklärt die Verbindung so: "Diese Bürgerwehr-Vernetzungen haben sich nach 2015 bundesweit gebildet. Wo einfach Leute aus dem rechtsextremen Milieu, auch Leute, die zuvor nirgends politisch in Erscheinung getreten sind, in einer Form der militanten Selbstermächtigung sich vernetzt haben, sich gefragt haben, wie sie aktiv werden können". Die Bürgerwehr-Netzwerke nennen sich "Viking Security", "Wodans Erben" oder "Freicorps Heimatschutz". Sie sind bundesweit vernetzt und wollen auf den Straßen Präsenz zeigen.

"Dieses Milieu der extremen Rechten befindet sich seit 2016/2017 in einem Zustand der politischen Dauermobilisierung", meint David Begrich von Miteinander e.V.. Durch immer neue Anschläge und Übergriffe fühlten sie sich bestätigt, nun Taten sprechen zu lassen. "Und davon geht die Gefahr aus", so Begrich.

Grünen-Politiker: "Der Druck auf die Szene muss stärker werden"

Sebastian Striegel, Politiker
Sebastian Striegel, Grünen-Politiker Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Im Falle der "Gruppe S." ermittelt die Bundesanwaltschaft wegen Terrorverdachts. Mitte Februar wurden zwölf Verdächtige verhaftet, die der "Gruppe S." angehört oder sie unterstützt haben sollen. Aus Sicht des Grünen- Innenpolitikers Sebastian Striegel aus Sachsen-Anhalt haben Strafverfolgungsbehörden und Verfassungsschutz die rechtsextreme Szene viel zu lange unterschätzt. Inzwischen hätten sie auf die Bedrohung reagiert. "Wir haben jetzt eine Situation, in der wesentlich konsequenter agiert wird," sagt Striegel. Allerdings müsse der Druck auf die Szene noch wesentlich stärker werden.

Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | exakt | 26. Februar 2020 | 20:15 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 27. Februar 2020, 13:39 Uhr