Eine Krankenschwester eilt durch einen Krankenhausflur
Nach einer Entscheidung des Bundessozialgerichts befürchten sächsische Krankenhäuser gravierende Auswirkungen. Bildrechte: Colourbox.de

Krankenhausgesellschaft Urteil zu Honorar-Ärzten setzt Kliniken unter Druck

Das Bundessozialgericht in Kassel hat ein Urteil gesprochen, das deutliche Auswirkungen auf die Krankenhäuser in Deutschland haben könnte: Kliniken dürfen künftig nur noch in Ausnahmefällen sogenannte Honorarärzte beschäftigen. Die Deutsche Rentenversicherung hat hier Scheinselbstständigkeit gesehen. Mediziner, Kliniken und Krankenhausträgern sind mit ihrer Klage dagegen gescheitert.

von Ine Dippmann, MDR AKTUELL

Eine Krankenschwester eilt durch einen Krankenhausflur
Nach einer Entscheidung des Bundessozialgerichts befürchten sächsische Krankenhäuser gravierende Auswirkungen. Bildrechte: Colourbox.de

Urlaubssaison, Grippewelle oder unattraktive Arbeitszeiten – wenn die Personaldecke in einer Klinik dünn wird, kaufen Krankenhäuser Honorarärzte ein. Die selbständigen Freiberufler stopfen die Lücken. Ludwig Hermann, ist einer von ihnen. Der 61-jährige Anästhesist ist bundesweit im Einsatz, auch in Thüringen. Sein Name ist fiktiv. Er will den Kliniken, die ihn beschäftigen, keinen Ärger machen.

Wir haben das volle wirtschaftliche Risiko: Wenn wir nicht arbeiten, kriegen wir null Euro. Wir reisen quer durch die Republik, hausen teilweise in eher jugendherbergsähnlichen Einrichtungen der Krankenhäuser und leben monatelang aus dem Rollkoffer.

Ludwig Hermann (Name geändert) Honorararzt

Ärzte sollen angestellt werden

Besonders Kliniken im ländlichen Raum greifen auf Honorarärzte zurück. Die Krankenhäuser in Zittau, Ebersbach und Weißwasser beschäftigen nach Angaben des Kreis-Klinikchefs tageweise zusammen 255 Honorarärzte, hieß es kürzlich in der "Sächsischen Zeitung". Friedrich München arbeitet für die Krankenhausgesellschaft Sachsen. Er leitet den Fachbereich Rechtsangelegenheiten und sagt:

"In Sachsen haben wir immer so 200 Stellen, die unbesetzt sind. Und das Problem ist tatsächlich, dass die Honorarärzte dann fehlen werden. Wir werden den Krankenhäusern empfehlen, Ärzte - wie zum Beispiel niedergelassene Ärzte, in ein normales Angestelltenverhältnis zu übernehmen."

Was ist ein Honorararzt? Sogenannte Honorarärzte arbeiten kurzfristig und zeitlich begrenzt für ein Krankenhaus, ohne dort angestellt zu sein. Dafür erhalten sie als selbstständige Unternehmer ein Honorar. Sie verdienen in der Regel deutlich mehr als angestellte Ärzte.

Schon jetzt Mangel in bestimmten Bereichen

Sie könnten etwa in Teilzeit arbeiten. Doch viele Honorarärzte haben sich ganz bewusst für die Selbständigkeit entschieden. Sie wollen sich die Freiheit, bei eigener Zeiteinteilung an unterschiedlichen Häusern zu arbeiten, nicht nehmen lassen: "Von daher werden auch Ärzte fehlen", befürchtet Friedrich München.

Und wenn Ärzte fehlen, können unter Umständen bestimmte Leistungen nicht erbracht werden. Wir sehen das zurzeit bei Geburtskliniken in Sachsen, dass da ein erheblicher Fachkräftemangel ist und auch schon Geburtskliniken geschlossen wurden.

Friedrich München Krankenhausgesellschaft Sachsen

Würden Ärzte fehlen, müssten zudem Patienten länger auf bestimmte Behandlungen warten, so Friedrich München weiter.

Finanzieller Einschnitt für Kliniken

Für den Bundesverband der Honorarärzte sei das Urteil ein Schock, sagt dessen Vorsitzender Nicolai Schäfer. Zwar bleibe abzuwarten, ob es tatsächlich gar keine Aufträge mehr für Honorarärzte geben werde. Aber schon jetzt sei abzusehen, dass das Urteil die Budgets der Krankenhäuser belasten werde:

"Bei den Betriebsprüfungen fordert die Rentenkasse am Ende die Arbeitnehmer- und die Arbeitgeberanteile zur gesetzlichen Sozialversicherung von den Krankenhäusern ein. Und zwar für Zeiträume bis zu vier Jahre rückwirkend. Das können erhebliche Summen sein, die in die Millionen gehen und die natürlich den Kliniken an anderer Stelle für wichtige Investitionen fehlen."

Ärzte bekommen nichts aus der Rentenkasse

Letztlich hätten die Ärzte aber keine Ansprüche aus diesen Rentenzahlungen, weil sie in den Ärzteversorgungswerken rentenversichert seien. Dass die Deutsche Rentenversicherung gegen Scheinselbständigkeit im Baugewerbe und bei Paketzustellern vorgeht, begrüße er, sagt auch der 61-jährige Anästhesist: "Aber bei den Ärzten ist es eben nicht so, dass wir beschützt werden müssen. Sondern das ist einfach nur Plünderei."

Dieses Thema im Programm: MDR AKTUELL RADIO | 06. Juni 2019 | 05:11 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 06. Juni 2019, 09:30 Uhr