Merle-Gendefekt Qualzuchten: Wenn Hunde für die Schönheit leiden müssen

Durch spezielle Züchtungen mit Gendefekten können Hunde besonders extravagante Fellfärbungen bekommen – auf Kosten ihrer Gesundheit. So werden Welpen zum Teil blind oder taub geboren. Trotzdem gibt es Merle-farbene Hunde inzwischen in immer mehr Rassen.

"Wir berauben unsere Hunde insbesondere durch Zucht immer weiter ihrer Natur und ihrer Bedürfnisse", sagt der Leiter des Instituts für Tierpathologie der FU Berlin. Professor Achim Gruber beobachtet diese katastrophale Entwicklung bei seiner Arbeit seit Jahrzehnten. Die Tiere würden regelrecht krank gezüchtet. "Ich sehe immer mehr extrem kurznasig gezüchtete Möpse und Französische Bulldoggen. Wir sehen immer mehr bunte Hunde, Merle-Schecken und viele andere Extremformen, die auf Kosten der Gesundheit gehen."

Eine Französische Bulldogge rennt 2017 eine 50 Meter Bahn mit Zeitmessung entlang.
Französische Bulldogge: Zum Teil werden diese Hunde extrem kurznasig gezüchtete - auf Kosten der Gesundheit. Bildrechte: dpa

Für die so gezüchteten Hunde bedeutet dies oft ein qualvolles Leben. Die besonders großen unter ihnen landen manchmal bei Jeanette Brown. Sie ist die Chefin des Vereins "NotDogge"in Baden-Württemberg und betreut derzeit mehrere fast komplett weiße Doggen. Solche Hunde sind besonders gefragt beim Kunden und bringen ihren Vermehrern 2000 Euro und mehr. Doch um diese Farbaufhellung zu erreichen, schrecken Vermehrer nicht davor zurück, Hunde, die Träger des Gendefekts sind, miteinander zu verpaaren. Sie verstoßen damit gegen das Tierschutzgesetz – aus Unwissenheit, Ignoranz oder auch mit Kalkül.

Gendefekt: Blinde und taube Hundewelpen

Schlafende Welpen
Ein Teil der Welpen die mit dem Merle-Gendefekt gezüchtet werden, kommt blind oder taub auf die Welt. (Symbolbild) Bildrechte: colourbox.com

Die Folgen: ein Teil der Welpen kommt blind oder taub zur Welt. Die Tiere können dann weder mit ihresgleichen noch mit den Menschen normal kommunizieren. Ein kleiner tauber Hund lernt etwa nicht, seine Zähne vorsichtig zu nutzen, weil er das Quietschen seiner Geschwister nicht hört. Besonders schwierig wird es, wenn der Käufer davon nichts weiß. "Der merkt das dann erst, wenn die größer werden und dann auf einmal keine Beißhemmung haben und bisschen fester zupacken", sagt Jeanette Brown. "Dann heißt es immer: der Hund beißt die Kinder!" Die Vorsitzende des Vereins hat selbst ein paar "Kampfspuren".

Auch Sabine Richter ahnte beim Kauf ihres Border-Collies nicht, dass der Hund den Merle-Gendefekt hat und nichts hören kann. "Ich habe immer gesagt, der sieht aus wie ein geplatztes Kissen. Der war einfach niedlich und hatte eisblaue Augen!", beschreibt die junge Leipzigerin, warum sie ihren Bruno ausgesucht hatte. Erst später erfährt Sabine Richter, dass das helle, auffällig gesprenkelte Fell ein Modetrend ist – und dahinter eine Qualzucht steckt.

Das Wettrennen mit immer neuen Modetrends in der Zucht

Als Bruno in die Kleintierpraxis Schönfeld-Mockau kommt, konstatiert Tierarzt Volker Jähnig: "Also ihn hat es ganz schön erwischt." Durch den Merle-Faktor sei weniger Melanin in die Haare eingelagert, so dass große weiße Flächen im Fell entstünden. Das sei aber zugleich auch die Ursache für die Taubheit und die zentralnervöse Störung. Sabine Richter hat es viel Zeit und Nerven gekostet, bis der Hund endlich auf Handzeichen reagiert hat. Zudem gelingt es nur durch Medikamente, Bruno in der Spur zu halten. Wenn diese nicht gewirkt hätten, hätte seine Besitzerin ihn vielleicht sogar einschläfern lassen.

Wenn die Todesursache der besten Freunde des Menschen abgeklärt werden soll, dann landen sie manchmal in der Tierpathologie der Freien Universität Berlin. "Das Kuscheltierdrama" hat Professor Achim Gruber, Leiter des Instituts, sein Buch dazu genannt. Darin beschreibt er, warum so viele Haustiere heute leiden. Es ist ein Wettrennen mit immer neuen Modetrends – und gegen immer neues Tierleid.

Neues Qualzuchtgutachten gefordert

Frau mit Hund
Jeanette Brown ist Chefin des Vereins "NotDogge" und betreut derzeit mehrere fast komplett weiße Doggen mit Gendefekt. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

So ist etwa der Merle-Gendefekt inzwischen in sehr viele Hunderassen – vom Dackel bis zur Dogge – eingezüchtet. Deshalb "brauchen wir dringend ein neues Qualzuchtgutachten, was den wissenschaftlichen Stand erneuert und was die heutigen Erkenntnisse einfließen lässt", fordert Achim Gruber. Denn es gibt zwar im Tierschutzgesetz einen Qualzucht-Paragraphen, der die Zucht verbietet, wenn bei den Nachkommen mit Schäden oder Leiden zu rechnen ist. Doch das zugrunde liegende Gutachten ist schon über 20 Jahre alt. "Viele meiner Kollegen aus der Tierärzteschaft und auch ich persönlich plädieren stark dafür, dass man mit Merle-Hunden überhaupt nicht züchtet. Denn diese vermeintliche Schönheit dieser Fellfarben ist untrennbar von diesem Risiko."

Klöckner will Ausstellung von Hunden mit Merkmalen verbotener Qualzucht stoppen Bundeslandwirtschaftsministerin Julia Klöckner (CDU) will Ausstellungen von Hunden mit Merkmalen verbotener Qualzuchten untersagen, wie sie etwa bei Mops und Bulldogge vorkommen. "Tierärzte berichten von vielen Tieren mit gesundheitlichen Problemen aufgrund von Qualzuchtmerkmalen", sagte Klöckner der "Rheinischen Post" vom Montag. "Das lässt darauf schließen, dass viele Züchter gegen das Verbot verstoßen." Die Kontrolle solcher Gesetzesverstöße sei schwierig.

Der Ministerin zufolge muss das zuständige Veterinäramt im Einzelfall feststellen, ob bei der Zucht zu erwarten war, dass Welpen Körperteile oder Organe fehlen oder sie kein gesundes Hundeleben zu erwarten hätten. "Wir werden deshalb die Ausstellung solcher Tiere verbieten und damit auch den Anreiz für solche Züchtungen nehmen - es ist doch absurd, dass diese Tiere auch noch prämiert werden, obwohl ihre Zucht gesetzeswidrig ist", sagte die CDU-Politikerin.

Die Tierschutzorganisation PETA begrüßt die Ankündigung der Bundeslandwirtschaftsministerin als ersten Schritt in die richtige Richtung. Die Qual beginne jedoch schon beim Züchter. "Tierschutzwidrige Zuchten müssen endlich für alle Tierarten verboten werden", so Jana Hoger, Fachreferentin für tierische Mitbewohner bei PETA. "Es ist nicht länger hinnehmbar, dass einige Züchter ganz offen gegen geltendes Gesetz verstoßen und kaum Konsequenzen zu befürchten haben. Die Leidtragenden sind die Tiere."

Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | exakt | 07. August 2019 | 20:15 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 07. August 2019, 21:14 Uhr

Die Kommentierungsdauer ist abgelaufen. Der Beitrag kann deshalb nicht mehr kommentiert werden.

12 Kommentare

09.08.2019 12:11 Christoph Jung 12

Die Zucht mit dem Merle Defektgen sollte aus Gründen des Tierschutzes verboten werden (mit Übergangsfristen). Nicht nur die im Beitrag dargestellten direkten Risiken und Schäden für das Individuum sind zu beachten. Auch die ganze Population leidet unter dem Merle-Defekt. So muss die "gewissenhafte" Zucht bei der Verpaarung beachten, dass kein Merle-Carrier auf einen anderen trifft. Dabei gibt es wirklich genug andere Dinge, die zu beachten wären, um mental und körperlich gesunde Hunde zu züchten. Nicht-menschliche Tiere den Risiken von Merle auszusetzen, alleine wegen einer zweifelhaften "Schönheits"-Idee mancher Menschen, ist für mich nur eine weitere Form von Tierquälerei. Von Tierschutz und Tierliebe reden...

09.08.2019 11:19 Petra aus Hessen 11

Ich kann mich nur An schließen. Und muss noch was los werden.
An die Schreiber vom MDR.de wen ihr schon berichte über Qualzucht so wie Film Doku macht dann bitte richtig. Qualzucht sind meistens wissentlich von Menschen denen die Gesundheit eines Tieres (Hunde) am Arsch vorbei geht. die wissen genau was Passiert wenn dieser Gendefekt in beiden Elterntier vorhanten ist das es Welpen gibt die taub oder bind und sogar beides haben können.
Die sehen nur die $ Zeichen mehr nicht.

Habe auch eine Blue Merl Aussie und weis auch das sie nicht aus einer Qualzucht ist. Da ich die Elterntiere gesehen habe. Und jeder an ständige Züchter weiß daß Merl X Merl verboten ist.

09.08.2019 06:11 Petra Rodermund 10

Ich habe einen Merle Chiuahuawelpen,er kommt aus einer guten Zucht ,die Eltern sind ein heller Rüde und eine dunkle Mutter.Er ist fit und gesund, also kommt ein Merlewelpen auch aus einfarbigen Eltern und man muss keine Merle/Merlezüchtung machen um an bunte Hunde zu kommen die dann meistens sehr krank sind .

08.08.2019 11:39 aus Dresden 9

Merle ist für viele Rassen typisch und sollte da meiner Meinung nach durchaus weitergezüchtet werde, aber in Maßen. Es muss nicht gefühlt jeder 2. Hund ein Merle sein wie bei den Aussies.

@5 Peter Bockelbrink
Vielen Dank für die Infos. Die Maßnahmen sind gut und richtig.
Die Zucht vom relativ leichten, quadratischen Schäferhund (kann man heute tw. noch sehen) zu erst schwereren (seit den 1930ern), dann dreieckigen Hunden (seit den 1960ern), hat der Rasse aber weder beim Aussehen noch bei der Beweglichkeit gut getan.

08.08.2019 08:34 Achim Gruber 8

Achtung : Auch die mischerbigen ("gewünschten") Merle-Faktor tragenden Hunde (Merle-Schecken) haben ein erhöhtes Risiko für Taubheit und andere Störungen der Sinnesleistungen! Bei reinerbigen "Weißtigern" ist dieses Risiko jedoch nur viel höher. Der Wikipedia-Artikel dazu hilft allen Einsteigern ins Thema. Heterozygote=mischerbige ("gewünschte") Merle-Schecken können auch andere Defekte aufweisen, etwa nicht oder nicht gut schwimmen, dazu gibt es eine belastbare wissenschaftliche Studie. Fazit: Der MDR-Beitrag war korrekt und belastbar recherchiert, konnte jedoch in der kurzen Zeit das komplexe Thema nicht annähernd erschöpfend beleuchten. Jede Merle-Zucht ist Defektzucht, denn der Faktor beruht auf einem Gendefekt, der verschiedene Funktionsausfälle verursachen kann. Die "Schönheit" der Scheckung ist einer dieser Defekte. Schade, dass so viele Hunde für vermeintliche Schönheit und wegen Unkenntnis mancher Züchtenden so leiden müssen.

08.08.2019 07:45 Julia Hutsteiner 7

Merle Zucht ist keine Qualzucht. Nur eine Verpaarung von Merle und weiteren speziellen Farben ist Qualzucht und auch in Deutschland verboten, anders ist es in der Schweiz.
Der Artikel ist definitiv schlecht recherchiert und sollte unbedingt nochmals redigiert werden, damit hier nicht weiterhin Unwahrheiten verbreitet werden.
Ich finde das Thema Qualzucht schon sehr wichtig und auch der Aspekt, dass unsere Papierlosen Hobbyzüchter auch nicht besser sind und, oft wegen schlichter Unwissenheit, mit kranken oder belasteten Tieren züchten.
Dieses wäre doch auch mal einen ordentlich recherchierten Beitrag wert.

08.08.2019 02:58 Sabine 6

Bei einem Verbot der Merle Zucht geht es nur um eine Farbe und nicht um das Verbot einer ganzen Hunderasse. Gesundheit ist immer das oberste Gebot bei der Hundezucht und mit Sicherheit nicht das Aussehen. So lange es Merle Hunde gibt können sie mit Absicht, aus Versehen oder Unwissenheit verpaart werden und das führt zu Leiden.

Wer sich nur wegen der schönen Farbe einen Hund aussucht, sollte auf die Anschaffung eines Hundes ganz verzichten. Ein Tier ist kein Modeaccessoire, sondern ein fühlendes Lebewesen.

Es wird höchste Zeit für ein neues Qualzuchtgutachten, entsprechenden neuen Gesetzen und hohe Strafen bei Zuwiderhandlung. Der VDH macht lange nicht genug und Tiergesundheit sollte von Tierärzten beurteilt werden. Es sollte ein entsprechendes Gremium gebildet werden, damit gesundheitsschädliche Zuchttrends schnell entdeckt werden und dagegen vorgegangen werden kann, denn wenn das Kind erst einmal in den Brunnen gefallen ist.......

07.08.2019 21:58 Peter Bockelbrink 5

Mal wieder wird der Deutsche Schäferhund als prominentes Beispiel für Qualzucht genannt.
Sicher ist nicht alles optimal, wie bei vielen Rassen, aber Qual?
"Die Idee, die Einhaltung von Tierschutzgesetzen zum verbindlichen und dokumentierten Teil der Zuchtauswahl zu machen, ist vielleicht gar nicht so verkehrt. Fitness-Tests sind ja auch teilweise Gegenstand der Diskussion."
In genau diesen Punkten ist der DSH Vorreiter. Zuvorderst mit der verbindlichen Eintragung der Röntgenergebnisse für Hüfte und Ellbogen, DNA Hinterlegung, Gebissvollständigkeit. Seit Jahrzehnten ebenfalls verbindlich eine Ausdauerprüfung über 20 km im Trab zurückgelegt mit nur einer Halbzeitpause, Und seit kurzen eine sachlich beschriebene Wesensüberprüfung bei Junghunden zwischen 9 und 13 Monaten. Hier wird auch Bewegungssicherheit, Sozialverhalten, Spielfreude und der Grad der Toleranz ggü. Umwelteinflüssen abgefragt.
Welche Rassen leisten Ähnliches? Aber von Qual sprechen.

07.08.2019 19:21 Jeannette Brown 4

Hier sind einige Informationen durcheinander geraten. Merle Zucht als solches ist keine Qualzucht. Es wird erst zur Qualzucht, wenn man zwei Merleträger miteinander verpaart. Also ein normaler gefleckter Hund trägt Mm. Erst wenn dieser mit einem anderen Mm Hund verpaart wird können MM Hunde (DoppelMerle) fallen. Diese MM Hunde weisen unter anderem Seh und Hörschāden, sowie evtl. Stoffwechselkrankeiten und andere gesundheitliche Schäden auf. Züchter ist nicht gleich Züchter. Verbandszüchter dessen Zuchtverein dem VDH angehören verpaaren keine Merleträger in Deutschland. Die Hunde würden keine Papiere bekommen, und jeder Zuchtwart würde einen Verbandszüchter dafür abstrafen. Die DoppleMerle Hunde kommen in Deutschland vom Vermehrer und von ignoranten Besitzern mit Unfallwürfen, oder aus dem Ausland. Aussteller mit Merlehunden zu bestrafen für das Kalkül von Vermehrern wäre falsch.

07.08.2019 18:36 Sonja 3

Das Merle Gen an sich ist kein Problem, da ist der Beitrag leider schlecht recherchiert. Das Problem ist das verpaaren von Merle mit Merle. Erst daraus entstehen kranke Hunde! Und da beginnt das Problem: seriöse Züchter wissen das, Hobbyvermehrer nicht. Und da kaufen die Leute halt gerne, weil sie die bösen Vereinszüchter nicht unterstützen wollen. Völlig falscher Ansatz!
Die Frenchies hingegen sind selbst "langnasig" mittlerweile so kaputt gezüchtet, dass es auch unter ihnen kaum noch vertretbare Exemplare gibt (da auch Gelenke und Bandscheiben krank sind und die Brachycephalie ja trotzdem da). Die ersten Jahre geht es vielleicht, aber dann kommen praktisch immer die Probleme.
Ja, ich bin für ein Verbot von Qualzuchten - aber dieser Beitrag erzählt nur die halbe Wahrheit. Bei "Plattnasen" ist eine gesunde Zucht aus dem Glenpool kaum mehr möglich, der Merle Gen alleine ist hingegen nicht krankhaft. Bitte genau nachforschen.