Matthias Quent im Interview
Der Soziologe und Rechtsextremismusforscher Matthias Quent warnt vor der gefährlichen Nähe zwischen AfD und Identitären. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Interview Rechtsextremismus-Forscher "AfD und Identitäre stehen sich ideologisch sehr nah"

Der Verfassungsschutz stuft die "Identitäre Bewegung" als gesichert rechtsextremistisch ein. Die Gruppe hat enge Verbindungen zur AfD. Rechtsextremismus-Forscher Matthias Quent sieht die Gefahr, dass dadurch rechtsextremes Denken in die Mitte der Gesellschaft einsickert.

Matthias Quent im Interview
Der Soziologe und Rechtsextremismusforscher Matthias Quent warnt vor der gefährlichen Nähe zwischen AfD und Identitären. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Frage: Der Verfassungsschutz hat die "Identitäre Bewegung" (IB) vor kurzem als rechtsextremistische Bewegung eingestuft. Was denken Sie – wie gefährlich ist die IB?

Matthias Quent: "Die Ideologie der Identitären transportiert die Bereitschaft zur Gewalt – jetzt oder aber nach einer Machtübernahme. Vordergründig wird behauptet seitens der Identitären, Gewalt sei kein Mittel der Auseinandersetzung. Aber ihre Ziele sind nicht ohne Gewalt umsetzbar und sie suggerieren mit den Untergangserzählungen - dass sie die letzte Generation seien, die Deutschland, die Europa retten könnten - auch den Handlungsdruck, jetzt doch einschreiten zu müssen. Sie steigern damit die Wahrscheinlichkeit, dass es zu Gewalt, dass es zu Terrorismus, dass es zu Exzessen kommt."

Das bedeutet, so könnten Leute motiviert werden, zur Tat zu schreiten?

"Aus dieser Ideologie heraus, haben sich bereits mehrere Terroristen motiviert gefühlt, zur Tat zu schreiten. Es ist immer wieder passiert, dass das auch mit der politischen Ideologie der Identitären gerechtfertigt wird. Dieses Risiko ist sehr hoch. Das wird auch bewusst von den Vordenkern der Identitären in Kauf genommen."

Demonstration 8 min
Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Welche Terroristen haben sich dadurch motiviert gefühlt?

"Wir haben in den vergangenen Monaten und Jahren eine ganze Reihe von schwerwiegenden Terroranschlägen gesehen – von Anders Breivik über den Anschlag in Christchurch, zuletzt in den USA in El Paso, bei denen sich die Attentäter auf identitäre Ideologien berufen haben."

Was ist das Ziel der Identitären Bewegung?

"Das politische Ziel der Identitären ist ein Deutschland, ist ein Europa ohne MigrantInnen, ohne Zuwanderung, ohne Muslime. Es ist also eine ethnisch homogene Volksgemeinschaft. Nur dass die Worte, die sie benutzen, weniger an den Nationalsozialismus erinnern, sondern modernisiert sind. Aber im Kern ist es eine rassistische, eine auf Säuberung angelegte Bewegung."

Das heißt, Sie sehen eine Wesensverwandtschaft zwischen den Identitären und dem altbekannten nationalsozialistischen Gedankengut?

Matthias Quent im Interview
Matthias Quent warnt in seinem Buch "Deutschland rechts außen" davor, die Neue Rechte zu unterschätzen. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

"Die Identitären haben dem Nationalsozialismus nicht den Rücken gekehrt, sondern sie haben ihm nur eine neue Maske verpasst. Man spricht nicht mehr von Rasse, sondern man spricht von Identität. Doch im Kern steht nichts anderes als das Ideal der ethnisch homogenen Volksgemeinschaft, die auch die Nationalsozialisten, die auch die NPD und andere Neonazi-Akteure angestrebt haben und anstreben."

Welche Nähe sehen Sie zwischen der Identitären Bewegung und AfD?

"AfD und Identitäre stehen sich ideologisch sehr nah. Man teilt die Grundannahmen, man teilt die Stimmungen und man teilt auch die politischen Zielsetzungen. Und man sieht in Parlamenten, man sieht auch bei Demonstrationen immer wieder, dass Identitäre auch mit AfD-Abgeordneten zusammenarbeiten, sogar für sie arbeiten."

Wie gefährlich ist es Ihrer Ansicht nach, dass die AfD und die Identitären in so vielen Punkten einer Meinung sind und auch in so vielen Punkten eine Zusammenarbeit stattfindet?

"Eine besondere Gefahr ist, dass über die Identitären, über die AfD bis in den Bundestag in die Mitte der Gesellschaft dieses neorassistische, dieses neofaschistische Denken einsickert, dass es zu einer Normalisierung kommt. Dass Identitäre Zugriff haben auf Privilegien im Zusammenhang mit dem Parteienstatus der AfD. Dass es hier also zu einer Entgrenzung eines rechtsextremen, terroraffinen Komplexes gekommen ist – bis eben in die Mitte der Parlamente hinein."

Dieses Thema im Programm: Das Erste | FAKT | 13. August 2019 | 21:45 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 15. August 2019, 13:11 Uhr