Symbolfoto Missbrauch: eine Frau sitzt verängstigt auf dem Boden
Die Psychologin Maria Ziemer kritisiert eine mangelhafte Ausbildung von Erziehern und Lehrern (Symbolbild). Bildrechte: Colourbox.de

Interview mit Kinder- und Jugendpsychologin "Immer jünger ... schwerer vernachlässigt, schwerer gequält"

Jüngste Statistiken lassen aufhorchen: 40 misshandelte Kinder am Tag, mehr Inobhutnahmen und mehr Pflegekinder. Aber wie sieht die Realität dazu aus? Ein Interview mit der Psychologin Maria Ziemer, Leiterin der Leipziger Kinder- und Jugendhilfeeinrichtung INFA.

Symbolfoto Missbrauch: eine Frau sitzt verängstigt auf dem Boden
Die Psychologin Maria Ziemer kritisiert eine mangelhafte Ausbildung von Erziehern und Lehrern (Symbolbild). Bildrechte: Colourbox.de

Die Zahl der Inobhutnahmen sowie der Kinder in Pflegefamilien nimmt jüngsten Statistiken zufolge weiter zu. Was ist Ihre Erfahrung in Ihrer Leipziger Einrichtung?

Wenn ich von der Zahl der Anfragen ausgehe, die wir bekommen und nicht erfüllen können, dann kann ich klar sagen, es gibt mehr hilfebedürftige Kinder und Jugendliche. Dazu kommt meines Erachtens noch eine große Zahl an Kindern und Jugendlichen, deren Leiden nirgendwo auftaucht, beziehungsweise nicht registriert ist oder dem nicht nachgegangen wird.

Also spiegelt der Anteil derer, die in Obhut genommen werden, nicht komplett das wieder, was manche Kinder zum Beispiel drogenabhängiger Eltern real erleben müssen, ohne dass jemand einschreitet.

Feststellen musste ich zudem eine weitere schwierige  Entwicklung: Die Kinder und Jugendlichen, die zu uns kommen, sind immer jünger und traumatisierter. Das bedeutet: Sie sind schwerer vernachlässigt, schwerer gequält, sind länger in den Familien, ehe eine Vernachlässigung oder Gewalt entdeckt werden. Häufiger geht es auch um organisierten sexuellen Missbrauch.

Was sind Ihrer Meinung die Ursachen dafür? 

Das kann ich nicht genau sagen. Ich denke, dass die Generation, die nicht mehr im DDR-Kinderbetreuungssystem aufgewachsen ist, jetzt Eltern werden. Ihnen fehlt das strukturgebende System von damals. Damit fehlt heute quasi ein Netz, in dem man zwangsläufig und zeitig merken würde, wenn irgendetwas schiefläuft in den Familien.

Kinder beim Abtrocknen mit Handtuch nach dem Händewaschen, 1958
Ziemer: Strukturgebendes System der DDR-Kinderbetreuung fehlt heutigen Eltern. Bildrechte: dpa

Damit gibt es in der Breite keine Möglichkeiten für zum Beispiel strukturschwache oder nicht so erziehungstüchtige, psychisch beeinträchtigte oder abhängige Eltern, mit denen Lücken und Engpässe kompensiert und Kinder und Eltern aufgefangen werden könnten.

Wenn zum Beispiel eine Drogenabhängige entbindet und nach dem ersten Tag wieder geht - mit dem Kind - kann die Klinik erst einmal nichts machen. 

Ein anderer Grund ist meiner Ansicht nach, dass die Zahl der drogenabhängigen Eltern signifikant zugenommen hat.

Also reicht das jetzige System nicht aus? Was sehen Sie kritisch?

Es gibt ja nicht mal genügend Kita-Plätze für Eltern, die das wollen. Zum anderen sind zum Beispiel Tagesmütter oder -väter und ErzieherInnen – auch die bei uns anfangen beziehungsweise tätig sind - nicht entsprechend ausgebildet, um zum Beispiel Bindungsstörungen und Traumatisierungen zu erkennen und abzufedern.

Ausbildungsträger, die darauf Wert legen, sind die absolute Ausnahme, obwohl das aus meiner Sicht Basiswissen ist, wenn jemand in diesem Bereich arbeiten will – das betrifft auch LehrerInnen. Die sind überhaupt nicht vorbereitet auf das, was ihnen in der Realität jetzt zunehmend begegnet – in allen Bereichen.

Politiker sehen unter anderem eine wachsende Armut als Ursache für die steigende Zahl an Inobhutnahmen. Was meinen Sie dazu?   

Das ist mir zu undifferenziert. Armut, beziehungsweise Reichtum per se sind keine linear wirkenden Faktoren dafür, wie man mit seinen Kindern umgeht. Im Gegenteil, es gibt inzwischen auch viele Kinder aus finanziell sehr gut gestellten Familien, die emotional unterversorgt sind. Die tauchen aber nicht in der Jugendhilfe auf, weil die Familien versuchen, das anders zu regeln, zum Beispiel über teure Spezial-Internate.   

Frau liegt auf Sofa und schaut aufs Smartphone
Viele Eltern beschäftigen sich mehr mit dem Smartphone als mit ihrem Kind. Bildrechte: imago/PhotoAlto

Bildungsarmut spielt aber auf jeden Fall eine Rolle. Was ich auch als noch nicht erfassten, aber großen Risiko-Faktor sehe, ist die Zunahme der Digitalisierung und der Digitalisierungssucht.

Diese hat zur Folge und das beobachten wir auch, dass Eltern sich mehr ihrem Smartphone zuwenden als ihrem weinenden Kind. Es wird immer weniger miteinander direkt gesprochen. Selbst der gerade für Kleinstkinder so wichtige Blickkontakt geht zum Gerät statt zum Kind. Da gehen wichtige Weichenstellungen in eine völlig falsche Richtung.

Und anstatt Beziehungsgestaltung und Wissen über sich selbst als Schulfächer aufzunehmen, wird daran gearbeitet, dass bereits die Grundschulen digitalisiert werden. Angesichts dessen bekomme ich wirklich Angst, was da noch auf uns zukommt.

Das Institut für Familienhilfe und Familienhilfeforschung in Leipzig (INFA) unterhält derzeit sechs Wohngruppen, in denen insgesamt 35 Kinder und Jugendliche mit einem Aufnahmealter ab 3 Jahren leben und von ErzieherInnen und SozialpädagogInnen sowie je einer/m PsychologInnen rund um die Uhr betreut werden. Es werden Kinder und Jugendliche aus Leipzig, Sachsen und anderen Bundesländern betreut.

Dieses Thema im Programm: MDR AKTUELL FERNSEHEN | 06. Juni 2019 | 19:35 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 15. Juni 2019, 11:10 Uhr