Interview Im Osten kann man schneller Karriere machen als im Westen

Ostdeutsche waren in den vergangenen Jahren in Spitzenpositionen nur selten zu finden. Doch diese Entwicklung scheint einer DIW-Studie zufolge gestoppt. Politikwissenschaftler Johannes Staemmler ist zudem davon überzeugt, dass junge Leute derzeit in Ostdeutschland gute Chancen haben, Verantwortung übernehmen zu können. Zugleich appelliert er an die Eliten, bei der Besetzung von Führungsetagen mehr auf Diversität zu setzen.

Mitarbeiter eines Callcenters arbeiten an ihren PC's in einem Großraumbüro
Eine neue Generation Ostdeutscher musste nachwachsen, um in die Spitzenposten zu drängen. Bildrechte: imago/Jens Koehler

Es ist ein Thema, das seit Jahren in steter Regelmäßigkeit aufkommt: die Anzahl der Ostdeutschen in den Chefetagen, besser gesagt deren geringe Anzahl. 2017 ergab eine Studie der Universität Jena und der Hochschule Zittau/Görlitz, dass gerade einmal 1,7 Prozent der bundesdeutschen Spitzenpositionen in Politik, Verwaltung, Wirtschaft, Wissenschaft, Kultur oder beim Militär in den Jahren davor von Ostdeutschen besetzt waren – und das, obwohl jeder fünfte Einwohner in Deutschland Ostdeutscher ist. Und selbst im Osten standen vor allem Westdeutsche an der Spitze großer Firmen, wie eine frühere Studie der Universität Leipzig aus dem Jahre 2016 für den MDR belegt.

Bundestag gegen Ostquote

Der Ruf nach einer Ostquote wurde laut und geriet in die politische Debatte. Mit der Quote sollte die wissenschaftlich belegte, aber auch gefühlte Unterrepräsentanz der Ostdeutschen per Gesetz aufgehoben werden. Doch der Bundestag lehnte ab. Zugleich blieb umstritten, wie genau ein Ostdeutscher zu definieren ist. Ist der Osten heute tatsächlich noch immer unterrepräsentiert?

DIW: Es wird zusammenwachsen

Experten des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW) in Berlin haben die Situation in deutschen Führungsetagen in der Debatte um die Ostquote anhand von Daten jüngerer Generationen untersucht (Geburtsjahre 1970 -1989) und kommen in ihrer Studie aus dem Jahr 2019 zum dem Schluss, dass Ostdeutsche in Führungspositionen nicht mehr unterrepräsentiert seien. Auch erwarten sie, "dass die derzeit noch beobachtbare Unterrepräsentierung von Ostdeutschen in Führungspositionen in Zukunft weiter abnehmen wird".

Nächste Generation in Chefetagen

Eine ähnliche Entwicklung durch den Generationswechsel sagt auch der Politikwissenschaftler Dr. Johannes Staemmler vom IASS in Potsdam im Interview mit MDR AKTUELL voraus. Der gebürtige Dresdner forscht dort zum sozialen Strukturwandel in der Lausitz. Außerdem ist er Mitbegründer des Netzwerks "Dritte Generation Ost", ein Dachverband für die um 1990 Geborenen.

MDR AKTUELL: Drei Jahrzehnte nach der deutschen Wiedervereinigung haben es kaum Ostdeutsche in Führungspositionen geschafft. Wird das Ihrer Meinung nach so bleiben?

Johannes Staemmler, Forschungsgruppenleiter am Institut für transformative Nachhaltigkeitsforschung in Potsdam (IASS Potsdam)
Dr. Johannes Staemmler, Forschungsgruppenleiter am IASS Potsdam Bildrechte: MDR/Lotte Ostermann

Ganz so ist es ja nicht. Aber es sind zu wenige. Es mussten wohl erst einige Jahrzehnte vergehen, bis eine neue Generation nachgewachsen ist, um in die Spitzenposten zu drängen. Die Gelegenheiten ergeben sich jetzt, wo die Gestalter und Gestalterinnen der letzten 30 Jahre in Rente gehen. 

Es wird also nicht so bleiben, wenn Ostdeutsche mit Nachdruck bis nach oben wollen. Auch muss auf einigen etablierten Karrierepfaden noch erkannt werden, dass die Zusammenstellung homogener Führungsgruppen nicht hilfreich ist. Mehr Frauen, mehr Ostdeutsche, mehr diverse Hintergründe sind gefragt.

Wäre eine Ostquote hilfreich?  

Die Diskussion über eine Ostquote ist genau dort wichtig, wo sich die Erkenntnis nicht durchsetzt, dass Vielfalt in der Führung zu besseren Ergebnissen führt und dass die Repräsentanz breiterer Bevölkerungsteile wichtig für Akzeptanz von Ergebnissen und Strukturen ist. 

Wie ist Ihre Erfahrung: Wollen junge Ostdeutsche lieber zu Hause bzw. im Osten Karriere machen, scheitern aber an den Voraussetzungen hierzulande – also gehen sie in den Westen? 

Nein, meine Generation ist zu größeren Teilen vor vielen Jahren abgewandert und versucht es da, wo sie eben sind. Die Chancen, schon relativ frühzeitig in Verantwortung zu kommen, sind aber im Osten oft größer. Gerade da steht jetzt der Generationswechsel an. 

Kommen Ausgewanderte möglicherweise wieder zurück?   

Beispiel die Lausitz – diese Region ist jetzt eine Chance, weil es viel zu gestalten gibt. Die demografischen und biografischen Nebeneffekte sind dabei erheblich und positiv. 

Was genau meinen Sie damit?

Demografisch ist es für den Osten ein Gewinn, wenn Menschen hinziehen, weil dann dort Erwachsene mit vielfältigen Prägungen kommen, die auch noch ihre Kinder mitbringen und dabei meistens verhindern, dass die eigenen Eltern wegziehen.

Biografisch ist es interessant, weil man im Osten, wenn man sich traut, schneller Karriere machen kann. Der Andrang auf die Führungspositionen ist nicht ganz so groß und die Akzeptanz von Menschen mit ostdeutschen Biografien größer.

Sehen oder fühlen Sie selbst sich noch oder wieder als Ostdeutscher? Wie gehen Ihre Freunde oder Familie damit um?  

Ich bin aus dem Osten und fühle mich gelegentlich als Ostdeutscher. Ganz besonders dann, wenn diese Kategorie gar nicht als relevant wahrgenommen wird. So ist es bei Stellenbesetzungen oder im Gespräch über Vergangenheit und Zukunft in Deutschland manchmal wichtig, die eigenen Erfahrungen und die dadurch mitgeprägten Perspektiven deutlich zu machen. Meine Freunde und Familie haben inzwischen akzeptiert, dass mir das wichtig ist. Aber wir kommen die meiste Zeit miteinander aus, ohne ständig die viel zu groben Kategorien Ost und West zu benutzen.

Vielen Dank für das Interview, Dr. Johannes Staemmler.

Zum 30. Jahrestag der Deutschen Einheit starten WDR und MDR am 9. September den Podcast "KOHL KIDS". Dabei geht es um den Blick der um 1990 Geborenen auf Deutschland im Osten und Westen. Zum Einstieg geht es um gegenseitige Vorbehalte.

  • Wer macht den Podcast?

Jule Wasabi (WDR) und Friederike Schicht (MDR), zwei junge Journalistinnen, aufgewachsen in Schwaben und in Sachsen-Anhalt. Zusammen mit Gästen schauen sie auf ihr Leben mit der Einheit.

  • Was will der Podcast?

Gegenseitige Vorurteile ergründen, Entwicklungen in Ost und West hinterfragen – und ins Gespräch kommen. Jule und Rike wollen der Nachwende-Generation eine Stimme geben – und die Mauer in den Köpfen einreißen.

  • Hören und mitreden!

Der wöchentliche Podcast startet am Mittwoch, den 9. September, mit dem Thema "Wetten, auch Du hast Vorurteile?". KOHL KIDS ist zu hören in der ARD-Audiothek, bei Instagram @kohlkids.podcast oder bei Spotify.

Dieses Thema im Programm: MDR AKTUELL RADIO | 23. September 2020 | 05:00 Uhr