Politische Auseinandersetzungen Jugend in Thüringen: Links oder rechts

Politisch "links" oder "rechts": Für viele Jugendliche ist früh klar, auf welcher Seite sie stehen. Die Lager sind verfeindet. Auch gewalttätige Auseinandersetzungen sind an der Tagesordnung. Wie lebt es sich damit?

Füße und ein Skateboard auf der oberen Kante einer Rampe
Neonazis versuchen in Saalfeld mit Graffitis ihr Territorium zu markieren. Die Antifa taggt zurück. Bildrechte: MDR

Entweder "links" oder "rechts"? Bei der Landtagswahl im Oktober wählten 22 Prozent der unter 25-Jährigen "Die Linke" und 23 Prozent die AfD– wie gespalten ist die Jugend in Thüringen? Und was bedeutet das für den Alltag?

Ein junger Linker

Ein Mann mit Mütze
Samy ist 21 Jahre und hat "Die Linke" gewählt. Bildrechte: MDR

Samy ist 21 Jahre und wohnt in Saalfeld. Er hat links gewählt. Auf dem Weg zu seinem Lieblings-Skateplatz in Saalfeld-Gorndorf fühlt er sich oft unwohl. Denn hier versuchen Neonazis ihr Territorium zu markieren. Ein Stromkasten war zum Beispiel lange Zeit in schwarz-rot-weiß – den Farben der Reichsflagge – angemalt. "Die versuchen die Leute durch ihre Graffitis und auch durch Einschüchterungen runterzubuttern", sagt er. Sie versuchten es zu ihrem Kiez zu machen. Die Antifa taggt zurück.

Nirgendwo in Thüringen gibt es – gerechnet auf die Einwohnerzahl – so viele Angriffe von rechts auf politische Gegner: Körperverletzungen, Bedrohungen, Anfahrversuche. Das hat eine Analyse des Jenaer Demokratie-Instituts ergeben. Linke Gewalt ist seltener, wird aber auch nicht so genau erfasst. Samy bekomme zwei bis drei Übergriffe pro Jahr mit, sagt er. "Wirklich krasse Übergriffe, wo ich sage: die Leute hat es dann auch im Kopf ziemlich kaputt gemacht."

Ein junger Rechter

Kevin hat die AfD gewählt. Der 21-Jährige und seine Freundin Vivien kommen aus Rudolstadt. Wählen zu gehen ist für ihn Pflicht. Aber nicht, weil er Vertrauen in die AfD hätte. "Ich vertrau Parteien eigentlich überhaupt nicht", sagt er. Aber er wolle seinem Stolz Ausdruck verleihen

Ein Mann in einem Wohngebiet.
Der 21-Jährige Kevin hat die AfD gewählt. Bildrechte: MDR

"Rechts"-Sein gehöre zu seiner Identität. Er komme aus einer rechten Familie. "Ich hab dieses Rechte eher von meinem Cousin", erklärt Kevin. Der Cousin sei wie ein Vater für ihn. Dadurch habe er so eine gewisse Einstellung bekommen. "Ich wusste am Anfang noch gar nicht was Rechts wirklich ist, oder Links oder was auch immer. Oder Ausländer, das wusste ich auch nicht, was das heißt. Ja, das hat sich dann eindeutig so versteift."

Er sieht viele Probleme in seinem Viertel. Fakt ist: Rund ein Fünftel der Einwohner von Schwarza-Nord sind auf Lebensmittel-Spenden von der Tafel angewiesen. Wohnungslosigkeit und Drogensucht betreffen hier häufig auch Jugendliche. Einziger Zufluchtsort für viele ist das Jugendhaus. Auch weil es politisch neutraler Boden ist.

Der einzige Zufluchtsort – das Jugendhaus

Sozialarbeiterin Lisa Hübner legt Wert darauf, dass sich Linke und Rechte im Jugendhaus vertragen: "Ich glaube hier ist das doch stark verbreitet. Du bist entweder das oder das." Dazwischen sei eine Riss und eine gemäßigt Mitte gebe es nicht. "Ich glaube, das ist sozialisiert."

Alles entscheide sich an der Frage, wie man zur Einwanderung steht. Ein Konflikt, der seit den Neunziger Jahren vorhanden ist und auch heute noch von den Jugendlichen ausgetragen wird. "Die Ausländer nehmen uns die Arbeitsplätze weg, die Ausländer holen hier an der Tafel-Ausgabestelle sich ganz viel Essen und wir bekommen nichts mehr – hinter solchen Sätzen verstecke sich die eigene Existenz-Angst", erklärt Lisa Hübner. Oft gehe es darum einen Schuldigen zu finden. Da teils Argumente fehlten, würde der Konflikt auch immer wieder mit Gewalt ausgetragen.

Politische Auseinandersetzung um Wut rauszulassen

Gewalt war auch bei Kevin ein Thema. Der 21-Jährige hatte Probleme in der Familie, war eine Zeitlang computerspielsüchtig. Das hat seine Aggressionen verstärkt, meint er. Irgendwann sei der Punkt erreicht gewesen, wo er bei jeder Kleinigkeit ausgerastet sei. "Mich hat jemand beleidigt, da hätte ich ihm gleich eine ballern könne – so ungefähr."

Politische Auseinandersetzungen seien für Kevin eine Gelegenheit gewesen Wut rauszulassen – dann ging es gegen Migranten oder Linke. Er sei inzwischen weniger extrem, sagt Kevin. Er wolle seinen Realschulabschluss nachholen und Tischler werden. Seine politische Position solle ihm nicht die Zukunft verbauen.

Zwölf politisch motivierte Gewalttaten von rechts und links hat die Polizei 2018 im Landkreis registriert. Opferberatungen sprechen von doppelt so vielen Fällen – allein von rechts. Viele Fälle würden aber gar nicht erfasst.

Vor einem Jahr wurde ein Freund von Samy in der Saalfelder Innenstadt überfallen und zusammengeschlagen, vermutlich von einem Neonazi. Geklärt ist es bisher nicht. "Manchmal macht man sich da schon Sorgen", sagt er. Etwa wenn er abends allein unterwegs ist. Er vermutet: Es wird künftig nicht einfacher für ihn als Linker, jetzt wo ein Viertel der Jugendlichen AfD gewählt hat.

Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | exakt | 22. Januar 2020 | 20:15 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 25. Januar 2020, 05:00 Uhr

40 Kommentare

part vor 4 Wochen

Da wo die Umverteilung in der Gesellschaft von unten nach oben immer weiter zunimmt, da gibt es auch weitere Radikalisierungen in der Jugend, die für sich später weniger Chanchen sieht. Der Fisch stinkt von oben herab, ob beim Einsparungen in der Bildung oder Jugendarbeit oder Infrastruktur. Die eine Gruppe begreift die Ursachen und versucht sie zu ändern, die andere Gruppe ist weniger intelligent und instrumentalisiert ihre Probleme auf andere Gruppen. Wenn Wertevorstellungen nur noch als hohle Phrasen wahrgenommen werden aber nicht vorgelebt, so muß sich niemand wundern...

Sachse vor 4 Wochen

@Altmeister 50: Ich stimme Ihren Ausführungen zu, würde aber gern eine kleine Anmerkung machen. Sie schreiben: "Leider findet diese Differenzierung nicht ausreichend statt (zwischen rechts und rechtsextrem)." Das klingt nach unbewusst. Meiner Meinung nach findet diese Differenzierung ganz bewusst, gezielt und mit einer klaren Zielrichtung nicht statt.

Altmeister 50 vor 4 Wochen

Links ist gut und rechts ist böse. Wenn es so einfach wäre gäbe es in demokratischen Staaten
nur noch sozialistisch geprägte Gesellschaften. Diese wurden aber wegen ihrer Disfunktionalität im Osten revolutionär hinweggefegt und wo es sie gegenwärtig noch gibt, funktionieren sie nicht oder nur mit Diktatur. Flüchtende aus Diktaturen möchten offenbar lieber in solch "rechte" Staaten, wie USA, GB oder Australien a!s nach Venezuela, Kuba oder Nordkorea. Was ist also falsch an einer rechten Einstellung, wenn man erkannt hat, dass links als Gesellschaftsordnung nicht funktioniert, allenfalls als Korrektiv innerhalb einer rechten Gesellschaft berechtigt ist ? Gar nichts. Dabei unterscheide ich bewusst zwischen rechts und recchtsextrem. Leider findet diese Differenzierung nicht ausreichend statt.