Auswirkungen der Pandemie Wenn Freundschaften zerbrechen – Jugendliche im Lockdown

Es wird täglich viel über Corona geschrieben und geredet, doch eine Perspektive kommt in den Diskussionen kaum vor: die der Jugendlichen. Wie geht es ihnen in der wichtigsten Phase ihres Erwachsenwerdens unter den Bedingungen der Pandemie? Welche Probleme haben sie, welche Sorgen treiben sie um? Ein Stimmungsbild aus Plauen.

Plakat mit Aufschrift 'Mobile Jugendarbeit Haselbrunn' an Gartenzaun
Gerade in der Pandemie brauchen Jugendliche Orte, an denen sie zusammenkommen und sich austauschen können. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Ein Jugendtreff in Plauen. Anja Merkel und Maher Ahmad von Mobile Jugendarbeit Plauen e.V. kochen Schwarztee. In die Räume des Jugendtreffs darf im Moment niemand kommen. Deswegen wollen die Sozialarbeiter in die Innenstadt, um mit den Jugendlichen ins Gespräch zu kommen, die sie sonst nicht erreichen. "Das ist ein spezielles Angebot, wo wir einfach ein bisschen Wärme nach unten bringen, an die Jugendlichen, die ja in dieser Pandemie nicht so viel gehört worden sind", sagt Anja Merkel.

Einsamkeit und zerbrochene Freundschaften

18 Uhr sind die beiden Sozialarbeiter an ihrem Stammplatz im Plauener Zentrum. Nach und nach kommen immer mehr Jugendliche zu ihnen. Neben Tee haben Anja und Maher auch Tüten mit Süßigkeiten und Desinfektionstüchern im Gepäck.

Jugendliche
Anja Merkel und Maher Ahmad von Mobile Jugendarbeit Plauen e.V. fahren abends in die Innenstadt, um mit Jugendlichen ins Gespräch zu kommen. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Auch Sophie und Andreas sind auf dem Platz. Beide machen gerade eine Ausbildung. Anja reicht beiden eine Tüte. "Überlebenstüte für die Pandemie", sagt sie. "Da geht's euch vielleicht ein bisschen besser. Da sind so ein paar lustige Gimmicks drin."

Sophie erzählt, sie habe schon viele Freunde verloren, weil sie sich am Anfang, als die Corona-Regeln sehr streng waren, nicht mit den anderen habe treffen wollen. Und Andreas, der etwas außerhalb von Plauen lebt, beschwert sich über die schlechte Busverbindung. So habe er besonders bei schlechtem Wetter kaum Möglichkeiten, in die Stadt zu kommen. "Und zwei Stunden hier herzulaufen, ist auch mies. Deswegen hocke ich meistens eher Hause", sagt er.  

Jugendliche brauchen den öffentlichen Raum

Von vielen Problemen berichten die Jugendlichen den Sozialarbeitern jedoch erst unter vier Augen. Oft geht es um Behördengänge, zum Beispiel zum Jobcenter. Was Anja Merkel aber vor allem umtreibt: Dass viele Jugendliche den öffentlichen Raum dringend brauchen. "Ich denke, der Druck in den Familien steigt schon", sagt sie. "Es sind ja auch hier jetzt viele Jugendliche. Der Normalbürger würde vielleicht sagen: Geht doch einfach heim. Und ihr müsst euch doch jetzt hier nicht treffen. Bei vielen Jugendlichen ist es aber so, dass sie eben nicht in die Familien zurück können. Dort sind fünf, sechs, sieben Leute auf einem Haufen, sie haben oft keinen eigenen Rückzugsort. Die Eltern sind in schwierigen Lebenssituationen. Da kann man nicht so ohne weiteres sagen: Na, geht doch einfach heim."

Einkäufe in Korb und Tüten
Die Sozialarbeiter in Plauen verteilen auch "Überlebenstüten für die Pandemie" an die Jugendlichen, mit Süßigkeiten und kleinen Gimmicks, um sie etwas von den Alltagssorgen abzulenken. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Normalerweise bieten die Sozialarbeiter viele Projekte für die Jugendlichen an. Wegen Corona müssen die meisten aber ausfallen. Der "Stadtgarten 2" in Plauen ist noch offen – als eines der letzten Angebote. Zwei Mal pro Woche sind die Sozialarbeiter da. Sophia ist 17. Sie kommt noch regelmäßig her – als eine der wenigen. Auch sie sagt, dass sie durch die Pandemie viele Freunde verloren hat: "Durch Corona wollte ich alleine sein, weil es ja diese Gruppenverbote gab. Deswegen wollte ich da eher außen vor bleiben. Und dann haben die gesagt, mach du dein Ding. Da hab ich mich abgewandt."

Neue Treffpunkte ohne Hygieneauflagen

Sophia hat Asthma. Das liegt bei ihr in der Familie. Darum nimmt sie die Schutzmaßnahmen ernst. Sie verbringt ihre Zeit jetzt vor allem mit ihrer Familie, ihrer besten Freundin und ihrem Freund. Im Sommer war sie fast täglich hier im Garten, erzählt sie. Lustig sei es gewesen. Sie hätten oft Tischtennis gespielt und einen Tisch bemalt. 

Mann mit Bart und Mütze
Der Sozialarbeiter Daniel Escherich berichtet, dass sich einige Jugendliche in der Pandemie neue Treffpunkte ohne Hygienevorschriften suchen. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Das Angebot im "Stadtgarten 2" aufrecht zu halten, wird auch für die Sozialarbeiter schwieriger. Vor der Corona-Pandemie kamen im Schnitt 15 bis 35 Jugendliche, sagt Daniel Escherich. Jetzt sind es zwischen fünf und 15. "Die anderen treffen sich derzeit einfach an Orten, wo es im Prinzip keine Hygiene-Auflagen gibt", erzählt der Sozialarbeiter. "Wenn man bei uns in den Garten kommt, müssen wir dokumentieren, wer kommt. Wir müssen nach dem Gesundheitszustand fragen, wir desinfizieren regelmäßig. Und Jugendliche ziehen sich einfach dorthin zurück, wo sie das alles nicht machen müssen."

Schulen garantieren Bildung und sozialen Raum

Auch hier musste vieles, was für dieses Jahr geplant war, ausfallen. So wie die Lesenacht oder das Graffiti-Projekt. Was also noch machen in der Pandemie, als Jugendliche? Sophia sagt: schlafen. Sie ist ohnehin oft müde und fühlt sich erschöpft. Und dann gebe es ja noch die Schule. Dort sitzt sie jeden Tag mit der ganzen Klasse in einem Raum – obwohl sie sonst ihre Kontakte reduziert. Für sie unverständlich: "In der Schule sitzen rund 30 Menschen von verschiedenen Familien. Und außerhalb soll man nur eine Familie treffen. Das ergibt keinen Sinn."

Frau mit Brille
Katja Dietz ist Schulsozialarbeiterin an einer Oberschule in Plauen. Sie beobachtet, dass Jugendliche in der Pandemie schneller gereizt sind als sonst. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Obwohl die Zahlen von infizierten Schülern und Lehrern steigen, sollen die Schulen weiter offen bleiben – um Bildung und sozialen Raum für junge Menschen zu ermöglichen. An der Hufeland Oberschule in Plauen kann die Schulsozialarbeiterin Katja Dietz den Kontakt zu Jugendlichen leichter halten als ihre Kollegen draußen. Sie hat die Möglichkeit, die Schüler auch mal in der Pause anzusprechen. Und wenn es einfach nur für einen Smalltalk ist. 

"Kurze Zündschnur" bei Jugendlichen

Während die meisten Erwachsenen nicht unter dem Homeoffice leiden, empfindet fast ein Drittel der jungen Menschen das Home-Schooling als Belastung. Das ergab eine  Befragung der TUI-Stiftung. Doch auch obwohl die Schulen seit einiger Zeit wieder offen sind, merkt Katja Dietz, dass die Pandemie den Jugendlichen zusetzt. "Die haben alle eine ziemlich kurze Zündschnur im Moment und sind ganz schnell am Explodieren", erzählt sie. Wenn es etwa darum gehe, während des Unterrichts nicht mit dem Handy zu spielen und die Geräte bei Verstößen eingezogen würden, könne es schon zu Eskalationen kommen. Die Jugendlichen hätten dann das Gefühl, ihnen würde der Rest ihrer Privatsphäre weggenommen werden.

Nach der Schule stehen Valentin, Alina und Michele-Leon noch vor der Schule und unterhalten sich mit Katja Dietz. Valentin war enorm froh, als er im Sommer wieder in die Schule gehen konnte. "Eigentlich ging es mir zu Hause gar nicht so gut", erzählt er. "Am Anfang, als wir Aufgaben bekommen haben, habe ich sie schon irgendwie gemacht. Aber nach mehreren Wochen dachte ich, jetzt komme ich nicht mehr klar mit den ganzen Aufgaben. Und dann habe ich irgendwann ein bisschen aufgegeben. Damit sind auch irgendwelche Depressionen gekommen. Denn du sitzt mehrere Monate alleine zu Hause und darfst nicht raus. Da sagst du dann halt irgendwann, ich gebe es jetzt ein bisschen auf und mache nichts mehr für die Schule."

In der wichtigsten Phase des Lebens

Alina steht kurz vor ihrer Abschlussprüfung. Eine entscheidende Phase in ihrem Leben. Während des Home-Schoolings sackten ihre Noten ab. Sie hat darum große Angst davor, dass die Schulen wieder schließen müssen. "Mir wäre es sehr wichtig, dass die Schulen auf jeden Fall offen bleiben. Auch unter strengen Hygieneauflagen", sagt sie. "Und auch die anderen Menschen, ältere oder auch jüngere, die sich gegen Masken wehren, die sollen sie wirklich einfach mal aufsetzen, denn sie sind wichtig, wenn wir das unter Kontrolle bringen sollen."

Verlorene Freundschaften, verlorene Schutzräume, verlorene Abschlussprüfungen – viele Jugendliche trifft die Pandemie mitten in der wichtigen Zeit des Erwachsenwerdens. Und sie haben das Gefühl, dass ihre Sorgen nicht gehört werden.

Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | Exakt | 25. November 2020 | 20:15 Uhr