Pflege von Verwandten Kein Geld für die Pflege von verwandten Kindern?

Es geht um Zehntausende Euro: Seit über fünf Jahren kämpft Familie Seidel für Pflegegeld. Denn sie haben ihre Nichte und ihren Neffen aufgenommen. Doch das zuständige Jugendamt erkennt sie nicht als Pflegeeltern an.

Verwandtenpflege
Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Als Familie Seidel aus dem Vogtlandkreis in diesem Sommer in den Urlaub gefahren ist, war der große Familienwagen bis zum Rand vollgepackt. Denn neben den Eltern müssen auch vier Kinder darin Platz haben. Die beiden jüngsten, Cecilia und Damian, sind erst seit 2015 Teil der Familie. Das Jugendamt im  Vogtlandkreis hat die damals ein und zwei Jahre alten Kinder der Familie anvertraut. Sie waren zuvor wegen Drogen und Gewalt in der leiblichen Familie in Obhut genommen und getrennt untergebracht worden.

Vor fünf Jahren konnten das Mädchen und der Junge bei Seidels ein Zuhause finden. Die Familie kümmert sich um die beiden, obwohl Seidels keine finanzielle Unterstützung vom Jugendamt bekommen. Denn Yvonne Seidel ist die Tante von Cecilia und Damian.

Pflegeeltern müssen vom Staat unterstützt werden

Eigentlich hat der Gesetzgeber Verwandte schon lange fremden Pflegeeltern gleichgestellt. Nur so kann gewährleistet werden, dass der Lebensstandard der aufgenommenen Kinder auch dem der Pflegefamilie entspricht. Allerdings räumt er den Jugendämtern bei der Beurteilung, ob sie als Pflegeeltern geeignet sind, einen subjektiven Entscheidungsspielraum ein. Im Fall von Seidels ist das Jugendamt der Auffassung, diese würden den hohen Ansprüchen an eine Vollzeitpflegestelle nicht genügen. 

Die Krux für Familie Seidel: Das Familiengericht hat 2015 angeordnet, dass die Kinder zu Tante und Onkel kommen sollen. Das Jugendamt begründet seit Jahren in Verhandlungen vor dem Verwaltungsgericht zur offiziellen Anerkennung der Pflegelternschaft, dass Seidels den Kindern den Kontakt zur leiblichen Mutter verwehren. Belege dafür gibt es nicht.

Jugendamt verweigert die Zahlung für die Kinder

Verwandtenpflege
Wir können nicht nur von Luft und Liebe leben", sagt Yvonne Seidel. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Des Weiteren hätten Seidels Cecilia und Damian nur aus finanziellen Gründen zu sich genommen. Als Beleg dient ein Schufa-Eintrag.  Olaf Seidel findet das absurd: "Dass das Jugendamt behauptet, ich würde mich nur wegen des Pflegegelds um die Kinder kümmern, das ist schon eine Frechheit." Die Kinder könnten auch "nicht nur von Luft und Liebe leben", ergänzt Yvonne Seidel. Zudem sind alle Gutachten zur Entwicklung der Kinder und zur familiären Situation bei den Seidels positiv.

Für Seidels bedeutet das, sie bekommen statt der vorgesehenen 745 Euro im Monat kein Pflegegeld. Über die Jahre sind das bereits mehrere 10.000 Euro, die fehlen. "Wir sind oftmals an dem Punkt, wo ich sage, ich mag nicht mehr", sagt Yvonne Seidel. Denn: "Es geht wirklich an die Substanz."  Sie seien nicht die einzige betroffene Familie. Dabei sei es doch egal, ob Verwandte die Pflege übernehmen würden. "Die leisten dasselbe wie eine fremde Pflegefamilie. Die sind auch 24 Stunden für die Kinder da."

So sieht das auch der Vorsitzende der Kinderkommission im Bundestag, Norbert Müller (Die Linke). Der Politiker ist der Auffassung, es könne nicht sein, dass es Pflegeeltern gebe, die kein Pflegegeld erhalten. "Ich glaube, dass das eigentlich gar nicht geht." Denn es ginge nicht nur darum, dass die grundlegenden Bedürfnisse der Kinder gedeckt werden, sondern darüber hinaus habe die Gesellschaft die Aufgabe, dass Kinder auch Zukunftschancen haben.  

Großeltern und Verwandte brauchen Hilfe

Verwandtenpflege
Neben den beiden Pflegekindern haben Seidels noch zwei leibliche Kinder. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Eine Aufgabe, die man beispielsweise beim Jugendamt Düsseldorf sehr ernst nimmt. Die Stadt beteiligt sich an einem Forschungsprojekt zum Thema Verwandtenpflege. Seit Beginn wurde der Personalschlüssel bei der Betreuung von verwandten Pflegeeltern erhöht. Gleichzeitig haben sich auch die Zahlen der pflegenden Verwandten verdoppelt. 2008 lag der Anteil noch bei 34 Prozent. Nun hat er sich auf über zwei Drittel gesteigert. "Wir haben erkannt, dass da eine hohe Beratungsintensität auch notwendig ist", erklärt Andreas Sahner vom Pflegekinderdienst Düsseldorf. Es müsse die Zeit vorhanden sein, um Großeltern und Verwandte entsprechend zu unterstützen, zu beraten und auch zu qualifizieren.

Familie Seidel kämpft derweil weiter um Unterstützung und damit auch um die Zukunftschance für Cecilia und Damian. Denn das neue Schuljahr steht bevor, in dem der Pflegesohn eine Erziehungshilfeschule besuchen soll. Seit seiner Kindheit ist er durch die Belastungen in der leiblichen Familie traumatisiert.

Mit der neuen Schule stehen der Familie aber auch wieder neue Kosten ins Haus. Eine Chance, das Geld, das ihnen in der Vergangenheit vorenthalten wurde, nachträglich zu bekommen, haben sie nicht mehr. Alle Klagemöglichkeiten sind ausgeschöpft. So erhalten die Kinder nur den Sozialhilfesatz. Dennoch nehmen Seidels Damian und Cecilia mit in den Urlaub, fahren sie zu Therapien und in die Kita. Sie nehmen viele Kosten auf sich, um den Kindern ein normales Leben zu ermöglichen. Der Familie bleibt für die Zukunft nur die Möglichkeit, sich vom gleichen Jugendamt erneut prüfen zu lassen.

Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | exakt | 16. September 2020 | 20:15 Uhr

Ein Angebot von

Zurück zur Startseite