Masern Wie ein Arzt die Impfpflicht umgeht

Eine Impfung als Rettung - darauf hoffen angesichts der Corona-Krise Ärzte, Wissenschaftler, Erkrankte. Umso absurder scheint es, wie Eltern, die impfkritisch eingestellt sind mit allen Mitteln versuchen, eine andere, seit Jahrzehnten bewährte Impfung zu umgehen: die gegen Masern.

Es ist nur ein kleiner Pieks, doch er hat eine große Wirkung. Seit dem 1. März gilt die Impfpflicht für Masern und diese soll den Virus eindämmen. Doch dagegen begehren die Impfgegner auf – nur warum?

"Gesunde Menschen werden nicht krank, vor allem nicht durch Viren", sagt ein Heilpraktiker bei einem Treffen von Impfkritikern in Torgau. Zu dieser Veranstaltung sind etwa 100 Interessierte gekommen – darunter viele Hebammen und Tagesmütter.

Arzt impft Baby gegen Masern
Impfgegner sind der Meinung, dass Impfen sei riskant. Bildrechte: imago images / photothek

Aus Sicht der Gegner sei Impfen riskant und könne zu schweren Komplikationen führen. Deshalb sei es besser die Masern durchzumachen. "Warum veranstalten wir nicht einfach eine Masernparty", sagte eine Frau bei der Veranstaltung in einem Haus des evangelischen Kirchenkreises. Dabei sollen die eigenen Kinder mit infizierten Kindern zusammengebracht werden. Illegal sei das nicht, sagt der Heilpraktiker. Er rät aber dazu, es "Sechziger Jahre-Party" zu nennen. Am Ende der Veranstaltung tauschen einige Gäste Kontakte aus.

Virologe: Eins von 500 Kindern stirbt

Doch die Masern sind nicht harmlos. "Ich kann nur ganz dringend von Masernpartys abraten. Eins von etwa 500 Kindern stirbt an Masern", sagt der Direktor des Instituts für Virologie der Uniklink Leipzig, Professor Uwe Liebert. "Viele haben Defektheilungen, sogenannte bleibende Schäden für den Rest des Lebens."

Der Experte ist entsetzt von den Aussagen der Eltern, die MDR-exakt in Torgau dokumentiert hat und sagt, sich gegen Masern impfen zu lassen, sei wichtig. Die Gefahr eines Impfschadens will er nicht kleinreden, aber "wir rechnen bei Impfschäden irgendetwas in der Größenordnung von 1:1.000.000 und noch weniger." Während es zu schweren Komplikationen bei akuten Masernerkrankungen ein Bereich von 1:500 und mehr sei.

Eine mögliche Spätkomplikation ist die Gehirnentzündung SSPE. Diese hat Angelina aus Bayern getroffen. Im Alter von sieben Monaten, also kurz vor der ersten Schutz-Impfung, steckte sie sich mit Masern an. Neugeborene sind auf ein masernfreies Umfeld angewiesen.

Erst verlief die Heilung gut, doch sechs Jahre später bricht SSPE aus. Die ersten Symptome: ständiges Stolpern und Sprachverlust. Kurz danach fällt sie ins Wachkoma. In diesem Zustand ist Angelina seit nunmehr zehn Jahren. "Ich habe drei solcher Kinder in meiner klinischen Tätigkeit gesehen", sagt Virologe Liebert. "Und das ist dramatisch. Man sitzt mit den Eltern am Bett des Kindes und weiß, es ist nichts zu machen."

Nur 74 Prozent der Zweijährigen geimpft

Impfpass mit Spritze
Bildrechte: imago images / Arnulf Hettrich

Um das Masern-Virus zu eliminieren, sollten mindestens 95 Prozent der Bevölkerung zweimal geimpft sein. Bei den Zweijährigen beispielsweise sind es aber nur rund 74 Prozent. Deshalb wurde die Masernimpfpflicht eingeführt.

In Torgau hat MDR-exakt mit versteckter Kamera gedreht. In den Gesprächen haben die Impfgegner nach Möglichkeiten gesucht, das Gesetz zu umgehen. Dabei fiel immer wieder der Name eines Arztes aus Leipzig.

Als MDR-exakt mit versteckter Kamera in die Praxis des Mannes fährt, genügt der Arzthelferin das Stichwort Masernimpfpflicht: "Wenn Sie mir 35 Euro geben, stelle ich Ihnen eine Rechnung für eine Impfberatung aus". Es gibt weder diese Beratung noch Fragen zum Kind. Der MDR-Reporter erhält eine sogenannte Impfunfähigkeitsbescheinigung. Unterschrieben vom Arzt.

Danach ist "unser" Kind von allen Impfungen befreit. Name und Anschrift bleiben frei – zum selbst eintragen. Hier kann offenbar jeder und ungeprüft eine solche Bescheinigung erhalten. Das Ausstellen solch unrichtiger Gesundheitszeugnisse ist übrigens eine Straftat.

Illegale Bescheinigung umgeht Verlust des Kitaplatzes

Auf der Bescheinigung heißt es: "Nach sorgfältiger Prüfung des Einzelfalls ist der Vorgenannte aus gesundheitlichen Gründen hiermit strikt von allen empfohlenen und geforderten Schutzimpfungen freizustellen, da der oben Genannte ohne Gefahr für sein Leben oder seine Gesundheit nicht geimpft werden kann und darf."

Eine Spritze auf einem Kalenderblatt vom 1. März
Die Impfpflicht gegen Masern gilt seit Anfang März diesen Jahres. Bildrechte: imago images/Steinach

Ohne den Nachweis eines Masernschutzes droht seit dem 1. März 2020 beispielweise der Verlust des Kitaplatzes. Doch mit solch illegaler Trickserei kann das offenbar umgangen werden. "Ich würde das abheften und sagen, gut, dann ist das so", erklärt die Geschäftsführerin des Deutschen Kinderschutzbundes in Leipzig, Kristin Drechsler. Sie ist für fünf Kindertagesstätten verantwortlich.

Mit solch einem Zettel können Kinder ungeimpft in die Kita gelangen. "Das darf es eigentlich nicht geben. Das ist Mist", sagt Drechsler. Denn die Kinder, die wirklich nicht geimpft werden, bekämen diese Bescheinigung zu Recht. Doch genau diese Kinder "sind dann unnötig gefährdet, weil es Eltern gibt, die ihre Kinder nicht impfen lassen, obwohl sie es könnten".

Die Eltern müssten Aussagen machen

Doch warum kann dieser Arzt weiter praktizieren? "Ich halte es wirklich für strafrechtlich relevant, wenn Kolleginnen und Kollegen unrichtige Zeugnisse ausstellen. Das geht so nicht", sagt der Präsident der sächsischen Landesärztekammer, Erik Bodendieck. Er ist selbst Hausarzt und verurteilt das Verhalten seines Berufskollegen scharf. Doch die Kammer könnte höchstens ein Ordnungsgeld von 5.000 Euro aussprechen.

"Wir stehen immer wieder vor dem Problem, dass wir nicht weiterkommen", erklärt Bodendieck. Denn sie bräuchten etwa Schweigepflichtentbindungen von den betroffenen Eltern, von dem betroffenen Arzt. So sei es bislang von Kammerseite in Sachsen noch nie zu einer Ermittlung oder einem Verfahren gekommen. Der Kinderarzt aus Leipzig sei der Kammer bekannt, doch ohne Zeugenaussagen von Eltern, keine Konsequenzen.

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Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | exakt | 18. März 2020 | 20:15 Uhr