Nach dem Mauerfall Sozialer Absturz: Kinder der Wende

Die Wende brachte neue Freiheiten und einen dramatischen Umbruch. Millionen Menschen verloren ihre Arbeit. Dabei gerieten auch Kinder und Jugendliche in Krisen und manche von ihnen schwer im neuen Leben an. Das zeichnet Teile einer ganzen Generation – bis heute.

Als die Mauer fiel, waren sie Schulkinder. Heute leben sie am Rand der Gesellschaft – obdachlos und suchtkrank. "In der DDR wäre mein Leben anders verlaufen", glaubt Daniel aus Leipzig. Das klingt nach einer einfachen Entschuldigung für Dinge, die schief gelaufen sind. Aber der inzwischen 40 Jährige ist tatsächlich in einer Zeit der Unsicherheit groß geworden. Mit überforderten Eltern und einem zusammengebrochenen Wertesystem ist er zu einem Verlierer der Wende geworden. Doch er ist nicht der einzige.

Eine Jugendgang in Leipig

Berlin, 10.11.1989 Mit Wunderkerzen in den Händen freuen sich die Menschen auf der Berliner Mauer über die Öffnung der deutsch-deutschen Grenzen.
Als vor 30 Jahren die Mauer fiel, war das für viele ein freudiges Ereignis. Doch für einige hatte es schwerwiegende Folgen. Bildrechte: picture-alliance / dpa

Als vor 30 Jahren die Mauer fiel, war Daniel elf Jahre alt. Ein Jahr später lebt er auf der Straße – seine Heimat ist jetzt eine Jugendgang. Die "Car-Crash-Kids" sind damals berühmt-berüchtigt, verüben Einbrüche und knacken Autos. Daniel ist das jüngste Mitglied. "Zu guten Zeiten waren da manchmal ein paar hundert Mann, am Kirschplatz in der Nähe der Eisenbahnstraße."

Er kennt viele, denen es heute so geht wie ihm. "Und die meisten davon sitzen heute noch oder wieder. Und die finden da nicht mehr heraus", sagt Daniel. Er selbst hat bislang 15 Jahre seines Lebens im Gefängnis verbracht. Er hat Probleme mit Alkohol und Drogen, einen Beruf hat er nie gelernt. Er sei das schwarze Schaf seiner Familie, sagt er.

Vielen Menschen verloren mit der Wende ihre Arbeit

Was prägte die sogenannten Wendekinder? Zu DDR-Zeiten war ihr Leben staatlich geregelt, organisiert und kontrolliert, auch außerschulisch. Mit dem Ende der DDR fiel diese Überbetreuung weg. Jugendklubs schlossen und Sportvereine wurden abgewickelt. Zwischen Ostsee und Erzgebirge begann ein gewaltiger Transformationsprozess. Industrien brachen zusammen, Millionen Menschen, Mütter und Väter, verloren ihre Arbeit. 

Daniel hatte – also wie viele andere Wendekinder – das Pech, dass der Zusammenbruch der DDR und ihre Pubertät zugleich stattfanden. Zwei Krisen trafen aufeinander: die gesellschaftliche und die eigene Phase der Selbstfindung, meint der Soziologe Ronald Lutz gegenüber MDR-exakt: "Diese Umgewöhnungszeit, dieses Umstellen auf neue Strukturen, wenn das in einem Zeitalter stattfindet, den wir als einen Zeitraum der Ablösung des Jugendlichen von der Familie begreifen, hat das sicher eine Menge Auswirkungen auf das Selbstwertgefühl, auf die Identität, auf die Kompetenzen, auch auf das Wissen um die Zukunft der Jugendlichen."

Armutsrisiko im Osten deutlich höher

Tobias aus Eisenach hat den Mauerfall mit neun Jahren erlebt, mit 16 Jahren hat er angefangen, Marihuana zu rauchen. "Und dann halt eins nach dem anderen", sagt der heute 40 Jährige. "Und halt beim Wachmacherzeug hängengeblieben, leider Gottes." Damit meint er Crystal Meth – auch er hat keinen Beruf gelernt. Denn eine Ausbildung zu finden, das war auch ein großes Problem. In den ersten Jahren nach der Wende "ist fast komplett die Industrie und fast das komplett das Gewerbe weggebrochen", erklärt Soziologe Lutz. Für Jugendliche habe es so kaum noch Ausbildungsplätze gegeben. "Im Grunde genommen standen die Jugendlichen vor einer Situation, in der sie beruflich gar keine Perspektive hatten."

Ganz genaue Zahlen darüber, wie viele abgestürzte Biografien es in der Generation der Wendekinder gibt, gibt es nicht. Aber eine statistische Auffälligkeit, die das Phänomen beschreibt. Menschen im Alter zwischen 25 und 50 Jahren – also die, die damals Kinder und Jugendliche waren – haben im Osten heute ein deutlich höheres Armutsrisiko, als im Westen. In Thüringen beträgt es 15,5 Prozent, in Sachsen 16,1 Prozent und in Sachsen-Anhalt sogar 19,4 Prozent. Zum Vergleich: in Bayern sind es lediglich 8,7 Prozent.

Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | exakt | 05. Februar 2020 | 20:15 Uhr

4 Kommentare

Wibke vor 37 Wochen

@meckersack, hm. Ich habe die Wende als Neunjährige durchaus so empfunden, als wäre man aus einem „behüteten Paradis“ gerissen worden. D.h. nicht, dass ich als Neunjährige empfunden habe, mit Pionierappellen und Erich Honecker (alter Mann) und den Erwachsenen sei alles gut. Es war eher ein Nicht-verstehen, warum alles, was bis zur Wende Gültigkeit hatte, plötzlich nicht mehr galt. Erwachsene waren ab da keine sicheren Bezugspersonen mehr, weil sie selbst nicht so genau wussten, wohin der Weg nun geht.
Ich kann die Genervtheit allerdings auch verstehen. Jetzt, nach 30 Jahren kommen sie an, mit ihrem Verständnis. Nu können sie’s auch stecken lassen.

meckersack vor 37 Wochen

Ich bin, nach der o. g. Definition, auch ein solches Wendekind. Dieser offensichtliche DDR- Revisionismus der mit solchen Artikeln betrieben wird geht mir mittlerweile gehörig auf den Keks. Das entspricht der narrativen Identität von Linkspartei und Teilen der AfD. Warum lässt sich der mdr nur auf so etwas ein? Aus meinen Erfahrungen heraus kann ich nur sagen, dass es in DDR genau so Leute gab die sich schwer getan haben mit ihrem Leben etwas positives anzustellen. Nur nach der Wende hatten halt die anderen die Möglichkeit sich stärker davon abzusetzen. Daraus sind natürlich auch neue Probleme entstanden die es in der DDR selbstverständlich nicht gab. Ich verbinde die Wende aber als erstes mit einer gewissen Aufbruchstimmung. Das es auch Rückschläge und falsche Erwartungen gab ist klar, aber die Leute sind vor 30 Jahren nicht aus einem behüteten Paradies gerissen worden. So war es einfach nicht, ich kann das nicht mehr hören!

Atheist vor 37 Wochen

Zur Wende war ich alleinerziehende mit 2 Schulpflichtigen Kindern.
Schnell habe ich begriffen das ich mich schnell in eine Ehe retten muss.
Auch meine Kinder habe ich zur Ausbildung in Dienstleistungs Berufe geschickt.
Es gab tausende von Tränen am Sonntag am Zug als meine 16jährige Tochter nach NRW ins Internat musste.
Als ich sie in NRW besuchte bekam ich einen Kulturschock von dem ich mich bis heute nicht erholt habe.
Ich war froh als sie wieder nach Thüringen gezogen ist und geheiratet hat.
Die Erfahrungen die sie in NRW gesammelt hat spiegelt ihr heutiges Wahlverhalten wieder aber nicht die Wendezeit.
Lasst es also bleiben die Wende für die aktuellen Wahlergebnisse verantwortlich zu machen.